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Wo ein kleines Flugzeug große Hoffnung weckt

In Addis Abeba bastelt ein Mann an einem Traum: seinem eigenen Flugzeug. Getragen wird er von der Hoffnung. Seiner eigenen. Und der seiner Landsleute. stern-Reporter Thilo Mischke war für den Erstflug in Äthiopien.

Asmelash Zeferu ist nervös. Er steht vor seinem selbst gebauten Flugzeug. Aus Stoff, Holz, Schrauben. Mit einem Automotor als Antrieb. Es soll abheben, gleich. Dann hätte er es geschafft, hätte alles hinter sich gelassen. Nur noch der Himmel. Asmelash ist kein Pilot, kein Ingenieur – er ist ein Krankenpfleger aus Addis Abeba.

Außer ihm sind nur Kühe hier und zwei Kinder, mit getrocknetem Rotz unter der Nase. Die Kinder grüßen, Asmelash grüßt nicht zurück. Der Propeller passt nicht auf den Motor. Asmelash legt die Hand an die verschwitzte Stirn, denkt nach. Doch es hilft nichts. Asmelash gibt auf. "Morgen dann", sagt er. Er ist es gewohnt, dass nichts funktioniert.

Kühne Träume trotz großer Armut

In einem der ärmsten Länder der Welt lebt dieser 36-Jährige unbeirrt einen Traum: Asmelash will fliegen. Nach der Schule wollte er Pilot werden bei der staatlichen Fluggesellschaft Ethiopian Airlines, immerhin der größten Afrikas. Addis Abeba ist als Drehkreuz wichtig für die nationale Wirtschaft, Fliegen bedeutet Zukunft in einem Land, das wenig für die Zukunft eines jungen Mannes bereithält. Doch Asmelash ist zu klein. Ein Zentimeter Körperlänge verwehrte dem 1,69 Meter großen Mann den Traum. "Und deswegen habe ich mir ein Flugzeug selbst gebaut", sagt er. Asmelash Zeferu fand sich nicht ab. Er stemmte sich gegen das Schicksal. Und wurde in seinem Land damit zum Star.

Erst gab es den Bericht im äthiopischen Fernsehen, dann Einladungen zu Talkshows, Asmelash wurde fotografiert und vorgezeigt. Bis heute hinterfragt niemand, ob sein Flugzeug jemals fliegen wird. Es geht um etwas Wichtigeres. Asmelash zeigt seinen Landsleuten: Obwohl ich nichts habe, kann ich alles machen. Er ist ein bisschen wie der Dschungelcamp-Gewinner Menderes Bagci, ein Mann aus dem Volk, den man liebt, weil er nicht mehr ist, als jeder sein könnte. Ein Mann mit einem großen Traum.

Bulli-Motor als Antrieb

Asmelashs Flugzeug ist ein Zweisitzer mit dem Frontmotor eines VW-Bulli. Youtube-Videos haben ihm die Grundlagen des Flugzeugbaus vermittelt. Über drei Jahre bastelt er nun schon. Rund 10 000 Dollar hat er in sein Flugzeug gesteckt, ein Vermögen in einem Land mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 350 Dollar.

1985 hat Asmelash zum ersten Mal ein Flugzeug gesehen. Da saß er auf dem trockenen Boden eines fremden Dorfes. Mitte der 80er Jahre zerriss eine Hungersnot das Land. Der fünfjährige Asmelash blickte damals in den Himmel. Die Flugzeuge mit dem roten Kreuz, sie retteten ihn und seine Familie.

Er begann mit Papierflugzeugen, die er noch heute in einem Verschlag aufbewahrt. Über dem Kopfende seines Bettes hängt eine Liste von Dingen, die es zu erreichen gilt. Weltweite Aufmerksamkeit, steht da. Die K-570A, so der offizielle Name seines Flugzeugs, fertigstellen. "Das ist der Prototyp" , erklärt er. Wenn er sie gebaut hat, dann hat er bewiesen: Jeder kann mit einfachsten Mitteln ein Flugzeug bauen. "Und wenn ich das schaffe, dann gehe ich in die serielle Produktion."

"Erstmal muss es abheben"

Asmelash plant keine langen Flugstrecken, noch nicht: "Erst mal muss es abheben, zu Beginn reichen mir zehn Meter Flughöhe und eine Strecke von mehreren Hundert Metern." Er will wissen, wie sich das Flugzeug in der Luft verhält. Wie es sich landet, auf einem Paar Motorradrädern, auf einer selbst gebauten Federung. Asmelash ist zuversichtlich: "Das klappt."

Die Schraube passt, der Rotor sitzt. Das ganze Dorf ist gekommen. Asmelash positioniert das Flugzeug, eine Startbahn ist nicht zu erkennen. Es geht etwas bergab. Die Bewohner des Dorfs ziehen sich zurück. Asmelash betätigt den Zündschlüssel, der Motor rattert, spuckt, ächzt. Weißer Qualm steigt auf. Dann dreht sich der Rotor, die neue Schraube, sie hält alles zusammen. Asmelash hebt den Daumen, dann ein entsetzliches Geräusch. Der Propeller fällt zu Boden, der Motor säuft ab. Es funktioniert nicht. Die Enttäuschung in den Gesichtern der Dorfbewohner weicht Gleichgültigkeit. Sie gehen.

"Dann morgen", sagt Asmelash. Und schraubt weiter. Wenn das Flugzeug fliegt, sagt er, "gehe ich zur Nasa und werde Astronaut". Auch dafür liebt ihn sein Land; Asmelashs Träume sind grenzenlos. "Dann will ich in den Weltraum."


Dieser Text erschien zuerst im stern 11/2016.

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