Die Anklage wirft ihnen vor, nahezu eine ganze Familie ausgelöscht zu haben. Doch an ihrem ersten Prozesstag wirken die beiden 19 Jahre alten Tatverdächtigen eher blass und wenig kaltblütig. Von Malte Arnsperger, Ulm

Ein zum Prozess zugelassener Journalist passiert die Sicherheitsschleuse im Landgericht Ulm© Stefan Puchner/DPA
Als die Wörter laufen lernten", ist der Titel einer Ausstellung zur Geschichte der Schreibmaschine in der Volksbank von Göppingen, die heute Abend eröffnet wird. Schüler der 13. Klasse des Wirtschaftsgymnasiums präsentieren die Schreibmaschinensammlung ihrer Schule. Zwei ihrer Mitschüler allerdings können bei der feierlichen Eröffnung nicht dabei sein: Andreas Häussler und Frederik Begenat sitzen in einem holzgetäfelten Gerichtssaal in Ulm, ihre Hände und Füße in Handschellen. Sie müssen sich seit heute wegen Mordes verantworten.
Der Medienauftrieb im altwürdigen Ulmer Landgericht ist beachtlich. Seit dem frühen Morgen berichten Fernsehen und Radiosender über die beiden Freunde, die vier Menschen eiskalt ermordet haben sollen. Nun werden sie sich zum ersten Mal seit dem Tattag, Karfreitag, wiedersehen. Erst als die Fotografen und Kameraleute den Gerichtssaal verlassen haben, wird Andreas Häussler aus einem Nebenzimmer hereingeführt. Flankiert von zwei Beamten, läuft er mit gesenktem Blick zur Anklagebank, blasses Gesicht, knallrote Schuhe. Kurz schaut er sich mit gerunzelter Stirn im Gerichtsaal um, dann starrt er auf den Tisch vor sich. Wieder geht die Tür zu dem Nebenraum auf. Fredrik Begenat hat die Kapuze seines weiß-grau gestreiften Pullovers tief ins Gesicht gezogen. Andreas hebt kurz den Blick und sucht den Augenkontakt zu seinem Freund, doch der hält sich hinter seiner Kapuze versteckt und kehrt dem anderen den Rücken zu.
Staatsanwältin Brigitte Lutz liest die Anklage vor: Im Juni 2007 sollen die jungen Männer zunächst in eine Schule, dann in einen Tennisclub eingebrochen sein. Ihre Beute: Unter anderem ein Computer, Bargeld, Spirituosen und Zigaretten. Einige Monate später brechen sie erneut in das Vereinsheim ein und stehlen 90 Euro und eine Flasche Ouzo. Kurze Zeit danach seilen sie sich wie professionelle Einbrecher über das Dach durch den Lichtschacht hinab in einen Supermarkt und klauen Parfum und Alkohol. Im Oktober 2008 erbeuten sie 1700 Schuss Munition, 19 Waffen, darunter die beiden späteren Mordwaffen, aus dem Schützenverein Eislingen, wo beide zu diesem Zeitpunkt noch Mitglieder sind.
Keiner erwischt sie. Im Februar 2009, so schätzt es die Staatsanwaltschaft ein, ist es nicht mehr nur Abenteurertum, das die Freunde trieb. Damals soll Andreas Häussler zusammen mit seinen beiden Schwestern Ann-Christin (24) und Annemarie (22) eine Vollmacht für das Konto seiner Mutter bekommen haben. Zu diesem Zeitpunkt habe sich Andreas entschlossen, seine Eltern und die Schwestern zu töten, um an die 256.000 Euro zu kommen. Seinem Freund habe er von seinen Plänen erzählt.
Am Gründonnerstag 2009 wollen sie, so die Anklage, ihre Pläne in die Tat umsetzen. Den geklauten PC werfen sie in einen Bach, um Spuren zu verwischen. Die beiden Tatwaffen, zwei Pistolen Marke Hämmerli und Ruger, hatten sie am Tag zuvor bereits getestet - auf Tierschädel sollen sie geschossen haben, so die Staatsanwältin.