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30. März 2005, 10:34 Uhr

"Es ist brutal, aber man wächst da rein"

Auch in Deutschland liegen rund 10.000 Menschen im Wachkoma. Der stern besuchte Familien, die ihre Angehörigen aufopfernd pflegen - und unerschütterlich an deren Genesung glauben.

Mary Schindler beugt sich über ihre Tochter Terri Schiavo, deren künstliche Ernährung nach langem Rechtsstreit eingestellt wurde© Matt May/Getty Images

Die Tür zum Garten steht offen. Der Mann, der da im Rollstuhl sitzt, ist in eine warme Decke gehüllt. So sind die Hände nicht zu sehen, die er verkrampft vor der Brust hält. Der Kopf liegt schief, aus dem geöffneten Mund kommen röchelnde Atemzüge, und die Augen in den tiefen Höhlen wandern ziellos umher. Sie erkennen nicht die Krokusse, die vor ihm blühen, nicht die Schneeberge, die hinter einem weiten Tal aufragen. Sie sind irgendwo im Nirvana, während das fahle, blicklose Gesicht der Sonne zugewandt ist. "Aber gell", sagt Maria-Theresia Maresch zu ihrem Sohn, "das spürst du, wie gut die Sonne tut?" Eine Antwort bekommt sie nicht.

Seine letzten klaren Worte sprach der Münchner Unternehmer Klaus Maresch, 56, am 12. März 2000, einem Sonntagvormittag. "Bring mir doch bitte Zigaretten mit", bat er eine Freundin. Als die vom Einkaufen zurückkam, lag er bewusst- los da. Die Ärzte diagnostizierten einen Hirnschlag. "Schwere Schäden", so eröffneten sie ein paar Wochen später Michael Maresch, dem Bruder, "da ist gar nichts mehr. Das Herz haben wir noch hingekriegt. Was jetzt? Sollen wir abschalten? Oder was sollen wir tun?"

Das Herz von Klaus Maresch schlägt auch heute noch. Seit fünf Jahren liegt er im Wachkoma. Damals wollte Michael Maresch seinen Bruder in Frieden sterben lassen. Er war eindeutig dafür, "die intensivmedizinische Betreuung aufzugeben". Und seine drei Geschwister, sagt er, dachten das auch. Der Mensch, der da verkabelt und an Schläuchen vor ihnen lag, der ihren Blick nicht mehr erwiderte, auf ihre Stimmen nicht mehr reagierte, der nach Auskunft der Ärzte keinen Schmerz fühlte und keine Freude - dieser Mensch war für ihn ein künstlich am Atmen erhaltenes "Stück Fleisch".

Aber für Michael Maresch, der 25 Jahre mit seinem Bruder in der eigenen Firma zusammengearbeitet hatte, "eine wunderbare Beziehung", gibt es zwei Wahrheiten: "Die Wahrheit der Ärzte, die mir sagten, dass er unwiederbringlich weg sei. Und die Wahrheit meiner Mutter, die überzeugt war, dass er wieder wird."

Für die damals bereits 85 Jahre alte Maria-Theresia Maresch war es "der Klaus", ihr jüngstes Kind. Wie sollte sie es einfach so sterben lassen? 30 Jahre lang hatte sie eine Drogerie gehabt: "Da weiß man, was es gibt, damit einem der Hintern nicht wund wird vom langen Liegen." Sie begleitete ihr Kind durch Reha-Maßnahmen, und als es keine Reha mehr gab, durch Pflegestationen. Und als auch dort die Ärzte ihr bei "Patientengesprächen" sagten, "da wird nichts mehr, da müssen wir eine Entscheidung treffen", nahm sie den Sohn zu sich in ihr kleines Haus in Sankt Marienkirchen in Österreich. Seitdem lebt der Klaus "bei mir und mit mir".

Mindestens einmal pro Nacht steht sie auf, um ihn zu wenden. Sie füttert ihn, gibt ihm zu trinken, putzt ihm die Zähne, massiert ihm das Zahnfleisch. Sie wechselt die Windeln, wäscht ihn, kleidet ihn an. Möglichst alle 14 Tage lässt sie einen Krankenwagen kommen und fährt zu einem Thermalbad bei Passau. Dort liegt ihr Sohn dann in einem Schwimmbecken und "genießt es richtig, wenn er von der Betreuerin gehalten wird".

Silvia Kuhland umarmt ihren zehnjährigen Sohn Janek. Er ist seit einem Unfall vor sechseinhalb Jahren schwerstbehindert und wird zu Hause von seiner Familie gepflegt© Stefan Volk

Keine Gehirnfunktionen mehr? Keine Freude? Kein Schmerz? Schon die Gedanken daran empören Maria-Theresia Maresch. Wenn ihr Klaus in seinem Zimmer liegt, umgeben ihn Zeugnisse seines früheren Lebens: das Bild seiner Segelyacht, die im Mittelmeer ankert. Die Patentschriften, die er für technische Erfindungen bekam. Er soll sich nicht fremd fühlen, wenn er aus dem Koma erwacht. "Wenn er wieder spricht", sagt die Mutter, als rechne sie jede Minute damit.

Für seinen Bruder Michael ist er dagegen seit fünf Jahren ein "Untoter", der nie wiederkommen wird und nicht leben und nicht sterben kann. 250 Kilometer entfernt, in seiner Münchner Wohnung, quält ihn immer wieder die Frage: Hätten wir ihn nicht in Frieden gehen lassen sollen? Aber mit Klaus, da ist er sich sicher, "wäre auch meine Mutter gestorben". Und dennoch: "Klaus ist tot. Der gehört keinem mehr". Wie Terri Schiavo. Die Einstellung ihrer künstlichen Ernährung findet er absolut richtig. Für seine Mutter dagegen ist das nichts anderes als Mord.

Das Schicksal der Koma-Patientin hat auch in Deutschland eine Debatte darüber entfacht, wo Leben endet und wann Sterben eine Gnade sein kann. Der Streit darüber setzt so viele Emotionen frei, weil der Tod bei uns ein Tabu ist und die Gedanken daran so gut wie möglich verdrängt werden. Und wenn es um Sterbehilfe geht, fällt furchtbar schnell das Horrorwort "Euthanasie". Was eigentlich "schöner Tod" bedeutet, ist durch den massenhaften mörderischen Missbrauch unter den Nazis auf ewig stigmatisiert. Dabei ist eine Auseinandersetzung über die Frage, wie man mit Menschen zwischen Leben und Tod umgehen soll, längst überfällig. In Deutschland gibt es schätzungsweise 10 000 Menschen, die mit schweren Hirnschäden in eine Schattenwelt gefallen sind. Viele von ihnen vegetieren in Pflegeheimen dahin, abgeschoben und vergessen, per Magensonde mit Astronautenkost versorgt durch einen Computer, in dem sich "Essenszeiten" programmieren lassen.

Doch es geht auch anders. Wie im Haus "Ilona" im Bergischen Land, in dem sich Betreuer und Angehörige mit unerschütterlicher Zuwendung um Wachkoma-Patienten kümmern. In dieser Wohngemeinschaft bei Bergneustadt leben neun Menschen, die alle eigentlich schon mal tot waren. Für ein paar Minuten oder eine halbe Stunde. Reanimiert nach einem Unfall oder einem Hirnschlag. "Am Anfang habe ich den Notarzt verflucht", sagt Dolores Schönstedt, 43, deren 20-jährige Tochter Jasmin am 24. August 2004 ins Leben zurückgeholt worden war.

Die junge Frau hatte an diesem Dienstag ihren Hyundai geparkt, um auf ihre Freundin zu warten. Sie hatte sich eine Zigarette angezündet, dann kippte sie einfach um. Als die Freundin kam, lehnte Jasmins Kopf zwischen Lehne und Tür, auf dem Boden glühte noch die Kippe. Bis ihr Herz wieder schlug, vergingen schätzungsweise 30 Minuten. Jasmin ist "rindentot", wie die Ärzte sagen. Das Großhirn, das für Bewusstsein und Persönlichkeit verantwortlich ist, ist abgestorben. Wochen verbrachte sie im tiefen Koma, dann öffnete sie erstmals wieder ihre Augen. Seitdem leidet sie unter dem so genannten Apallischen Syndrom. "Ein merkwürdiger Zustand", sagt Mutter Dolores, "es ist wie eine Zwischenwelt."

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 14/2005

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