"Von der Illusion trennen, alle Erwartungen erfüllen zu können"

31. August 2008, 08:29 Uhr

Das allumfassende Familienglück ist kaum zu erreichen. Wer das akzeptiert, lebt künftig zufriedener, sagt der Psychologe Arnold Retzer.

Der Einzel-, Paar- und Familientherapeut Arnold Retzer, geboren 1952, ist Leiter des Sysrematischen Instituts in Heidelberg©

Sich in einer Patchwork-Familie zurechtzufinden ist offenbar kompliziert. Sollte man gleich die Finger davonlassen?

Es ist ein verbreiteter Unsinn zu glauben, man könne sich ein unkompliziertes Leben aussuchen. Sich in einer "Normalfamilie" zurechtzufinden ist ja auch nicht unkompliziert. Und das Leben als Single auch nicht. Wie könnte man jemandem empfehlen: Finger weg von Patchwork! Menschen verlieben sich einfach. Mitunter eben in jemand, der mehr oder weniger umfangreichen Anhang mitbringt. Auch wenn das bedeutet, dass dieser Anhang nicht so ist, wie man sich das wünscht. Aber auch wenn er das wäre: Auf die Dauer wäre das wieder ziemlich langweilig!

In neu zusammengesetzten Familien entsteht ein oft kaum überschaubares Beziehungsgeflecht: Paare haben eigene, gemeinsame Kinder, Partner Stiefkinder, Kinder plötzlich Stiefgeschwister und eine Menge Großeltern. Wie kann es gelingen, allen Interessen gerecht zu werden?

Das kann nicht gelingen. Man muss sich von der Illusion trennen, alle Erwartungen erfüllen zu können. Patchwork-Familien, aber auch andere Familienformen, zeigen, dass das nicht geht. Vielleicht ist dies sogar eine der wichtigsten Leistungen, die Familien erbringen: die Herausforderung anzunehmen, mit dieser Enttäuschung fertig zu werden. Das Ergebnis nennt man dann Reife, Erwachsenwerden.

André fliegt in unserer Geschichte aus seiner Familie. Erst schickt ihn seine Mutter weg, dann steckt ihn sein Vater ins Internat. Haben die Eltern versagt? Oder gilt: besser André im Internat als eine völlig überforderte Familie?

Um die Frage zu beantworten, ob Eltern versagt haben, braucht man überprüfbare Kriterien des Versagens. Welche sollten das sein? Meist wird das Wohl des Kindes zu einem solchen Kriterium. Die Faktenlage dazu ist aber alles andere als eindeutig: Man findet Belege dafür, dass Trennungen der Eltern Kindern schaden, und man findet Belege dafür, dass Eltern, die sich nicht trennen, ihren Kindern schaden, und auch dafür, dass das Wohlbefinden von Kindern im Wesentlichen gar nicht davon abhängt, ob sie in sogenannten Normalfamilien, Einelternfamilien oder Patchwork-Familien leben. Auch für André scheint mir daher noch vieles offen. Was mir an dieser Geschichte allerdings bemerkenswert erscheint, ist die Tatsache, dass André mehrfach "verschickt" wird. Die Mutter schickt ihn nach vielen Jahren an den Vater zurück, der Vater schickt ihn ins Internat. Beide Eltern hinterlassen ein wenig den Eindruck, dass es ihnen an Verlässlichkeit fehlen könnte, zumindest in den Augen von André. Was das allerdings langfristig für André bedeutet, scheint mir offen zu sein. Möglicherweise wird er auch davon profitieren, indem er früh lernt, daraus etwas zu machen: sich auf sich selbst zu verlassen. Möglicherweise hilft ihm dabei das Internat.

Der Wiener Familienforscher Reinhard Sieder rät zu zwei komplett ausgestatteten Haushalten, zwischen denen Scheidungskinder pendeln sollen. Wie realistisch ist diese Idee? Zum Beispiel, wenn der Vater in Stuttgart, die Mutter in Hannover lebt?

Pendeln ist eine schöne Idee, wenn das - auch finanziell! - machbar ist. Wichtiger ist, welche Bedeutung die Beteiligten den Haushalten geben. Wird dadurch deutlich, dass Eltern auch nach einer Trennung oder Scheidung und auch nach dem Eingehen einer neuen Paarbeziehung weiterhin Eltern ihrer Kinder bleiben, weil man sich von Kindern nicht scheiden lassen kann? Das vermittelt sich nicht automatisch durch bestimmte Haushaltsarrangements. Die Verlässlichkeit und Zugänglichkeit beider Eltern kann auf unterschiedliche Weise ausgedrückt werden. Zwei komplett bestückte Haushalte können eine Möglichkeit sein. Das ständige Pendeln zwischen Stuttgart und Hannover würde wahrscheinlich nur zu einem aufreibenden Test der Verlässlichkeit der Deutschen Bahn werden.

So sehr sie sich bemühen: Es dauert meistens, bis Ex-Partner ein entspanntes Verhältnis zueinander haben. Wie kommen Kinder in diesem Spannungsfeld klar?

Nicht wenige Ex-Partner haben auch nach langer Zeit kein entspanntes Verhältnis zueinander, manche nie. Schließlich ist für die meisten ein zentraler Lebensentwurf gescheitert. Die Schuldfrage steht im Raum. Schuldvorwürfe an den Ex-Partner oder Schuldgefühle des eigenen Versagens erzeugen das Spannungsfeld und erhalten es. Häufig kommen Kinder in diesem Spannungsfeld besser klar als ihre Eltern. Wird den Kindern nichts vorgemacht über das Scheitern der Beziehung ihrer Eltern und gleichzeitig glaubhaft die weiter bestehende Verlässlichkeit der Eltern vermittelt, kommen sie oft erstaunlich gut klar. Die Fähigkeit von Kindern, mit den Herausforderungen ihrer Familien und ihrer Eltern umzugehen, wird häufig unterschätzt.

Gibt es ein Patentrezept mit dem Ziel: "Patch works"?

Nein! Der Glaube, so etwas könnte es geben, ist die perfekte Scheiterstrategie. Die Vorstellung, es richtig machen zu können und es daher auch richtig machen zu müssen, sensibilisiert für Enttäuschungen und setzt den Erwartungsanspruch und den Erfolgsdruck hoch. Die Latte wird hoch gelegt und die Wahrscheinlichkeit, sie zu reißen, ebenfalls. Nützlicher kann die "reife Resignation" sein, dass Familie bei aller Sehnsucht, die die Beteiligten mit ihr verbinden, eigentlich ein mehr oder weniger unmögliches Unternehmen ist. Das gilt natürlich auch für Patchwork-Familien, und man muss sich eigentlich wundern, wie oft es dennoch einigermaßen gut funktioniert. Man kann dann vielleicht auch die kleinen unwahrscheinlichen Erfolge genießen, ohne ständig dem unmöglichen großen und umfassenden Erfolg hinterherzurennen. Und ein wenig Glück braucht man natürlich auch. Das Ziel, alle glücklich zu machen, ist oft der direkte Weg ins Unglück.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 35/2008

Bücher und mehr zum Thema

Bücher und mehr zum Thema Arnold Retzer, "Systemische Paartherapie", Klett-Cotta, 355 S., 34 Euro.
Gut lesbare Einführung in die Praxis der Paartherapie mit vielen alltagsnahen Fallbeispielen

Monika Kiel-Hinrichsen, "Die Patchworkfamilie: Vom Beziehungschaos zur intakten Lebensgemeinschaft", Urachhausverlag, 160 S., 11,90 Euro.
Prima und kompakt

Gerhard Bliersbach, "Leben in Patchwork-Familien. Halbschwestern, Stiefväter und wer sonst noch dazugehört", Psychosozial Verlag, 200 S., 19,90 Euro.
Empfehlenswerte Lebenshilfe

Reinhard Sieder, "Patchworks - das Familienleben getrennter Eltern und ihrer Kinder", Klett Cotta, 409 S., 29,50 Euro.
Vielleicht etwas zu theoretisch, aber dafür ermutigend.

Panorama
Spende sucht soziale Helden
Aktion Deutschlands Herzschlag: Hier können Sie sich bewerben! Aktion Deutschlands Herzschlag Hier können Sie sich bewerben!
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity

  von dorfdepp: Soll sich die westliche Welt Kuba gegenüber öffnen?

 

  von dorfdepp: Gibt es noch Vorbehalte gegen Online-Banking?

 

  von JennyJay: Heißt es "mittels Mobilkrane" oder "mittels Mobilkränen"?

 

  von bh_roth: Vorsätzliche Tötung

 

  von Amos: Warum muß ein Blinder bei "Wetten dass" eine geschwärzte Brille tragen?

 

  von Amos: Seit heute steigen die Preise der DB, wenn ich per Kreditkarte oder Internet bezahle.

 

  von Bananabender: Der Mythos Megapixel

 

  von Amos: Warum müssen verunglückte Reitpferde immer eingeschläfert werden?

 

  von Amos: Haus mit 5 Wohneinheiten. Jetzt steht eine Wohnung längere Zeit leer. Wie verhält es sich dann mit...

 

  von Amos: Smartphones zu Weihnachten: Kaufentscheidung abhängig von der Fotoauflösung? Telefonieren wäre doch...

 

  von StechusKaktus: Wie kann die kalte Progression abgeschafft werden?

 

  von bh_roth: Gastherme versetzen

 

  von Bananabender: Drucker Patronen

 

  von bh_roth: Lichterführung bei speziellen LKW

 

  von Amos: Wenn ich einen Karton Sekt aus Bequemlichkeit im Kofferraum "vergesse": wie hoch ist die...

 

  von Musca: Vogelschwarm filmen

 

  von Amos: Da ich als Arzt nicht mehr tätig bin, habe ich meine Berufshaftplicht gekündigt.

 

  von Amos: Eine Fondsgesellschaft schickt mir am 2..12.2014 die Steuerbescheinigung für 2013. Obwohl ich meine...

 

  von Gast: Ist der Nahme "Haircouture" geschützt

 

  von Gast: ich habe eine rente in höhe von 760 ?,wie viel kann ich dazu beantragen?