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6. September 2006, 18:35 Uhr

"Es war grauenvoll"

In einem Gespräch mit der WAZ und dem österreichischen Magazin "News" hat das Entführungsopfer Natascha Kampusch zum ersten Mal über ihre acht Jahre dauernde Gefangenschaft gesprochen. Sie hatte jede Hoffnung aufgegeben, je wieder gefunden zu werden.

Natascha hat sich während ihrer Gefangenschaft wie ein Huhn in einer Legebatterie gefühlt© Ronald Zak/DPA

Frage: Frau Kampusch, wie fühlen Sie sich also in Ihrer neuen Freiheit?

Natascha Kampusch: Na ja, sieht man davon ab, dass ich mich sofort verkühlt und mir einen Schnupfen eingefangen habe, lebe ich jetzt ziemlich normal. Ich habe mich sehr schnell wieder ins soziale Leben gefunden. Erstaunlich, wie rasch das ging. Ich wohne und lebe jetzt mit anderen Menschen zusammen - und habe damit keine Schwierigkeiten.

Sie treffen hier im Allgemeinen Krankenhaus (AKH) auf junge Menschen, die therapiert werden.

Ich habe mich rasch zurechtgefunden. Das war nicht zuletzt auch deshalb nicht schwer, weil ich mich mit vielem, was ich hier erlebe und sehe, identifizieren kann. Da gibt es Suizidgefährdete und Anorexiepatienten (Essstörungen). Und mit allen komme ich sehr gut zurecht, weil ich mich in sie hineindenken kann.

Wieso können Sie sich in Magersüchtige so gut hineindenken?

Weil sich Magersüchtige immer zum Essen zwingen müssen. Und ich selbst habe in der Zeit meiner Gefangenschaft zeitweise auch nur sehr wenig gewogen.

Wollen Sie über diese Gefangenschaft reden?

Ich bin sehr freiheitsliebend. Ich bin durchdrungen vom Gedanken der Freiheit. Das sagt alles. Jetzt haben Sie Ihre Freiheit vor sich.

Ihre Zukunft ist wohl mehr als Freiheit. Das sind Visionen, Pläne, Wünsche. Was planen Sie?

Ja, was plane ich eigentlich? Wahrscheinlich alles Mögliche. Jemand mit meiner Vergangenheit plant auf jeden Fall einmal das Naheliegendste: Ich möchte mich gegen alles Mögliche impfen lassen - zuallererst gegen Grippe. Wie Sie sehen, hat mich der Schnupfen voll erfasst, was nicht passiert wäre, hätte ich eine Impfung dagegen bekommen. Also, das ist nur so ein Beispiel für meine Zukunft.

Jetzt, wo ich Ihren argen Schnupfen erlebe, drängt sich - ohne dass ich zu sehr ins Private eindringen will - die Frage auf: Waren Sie eigentlich in den letzten acht Jahren nie krank?

Doch - aber ich musste in dieser Zeit keine Interviews geben (lacht). Das war also gar nicht so schlimm. Ich war ja einen großen Teil meines Lebens nicht mit Menschen zusammen, die mich hätten anstecken können.

Sie glauben, dass Sie sich hier im AKH angesteckt haben?

Ziemlich wahrscheinlich. Oder zumindest diese scheußliche Klimaanlage ist schuld.

Welche Gefühle überkommen Sie, wenn Sie an die vergangenen acht Jahre zurückdenken?

Ich habe mich immer und immer wieder gefragt, warum das mir - unter den vielen Millionen Menschen ausgerechnet mir - passieren musste. Ich hatte immer den Gedanken: Ich bin sicher nicht auf die Welt gekommen, dass ich mich einsperren und mein Leben vollkommen ruinieren lasse. Ich bin verzweifelt an dieser Ungerechtigkeit. Ich habe mich immer gefühlt wie ein armes Hendl in einer Legebatterie. Sie haben sicher im Fernsehen und den Medien mein Verlies gesehen. Also wissen Sie, wie klein es war. Es war zum Verzweifeln.

Konnten Sie dieses Verlies nie verlassen?

Doch, ich war jeden Tag oben und hab mit ihm irgendetwas gemacht. Irgendwelche ganz alltäglichen Kleinigkeiten halt. Aber sofort danach bin ich wieder hinuntergeschickt worden. Zum Schlafen. Zum Leben. Wenn er weg musste untertags. Immer wieder musste ich in dieses Verlies hinunter.

Das war wohl ärger als ein Gefängnis.

Sicher. Besonders schlimm war es, wenn Besuch oder seine Mutter übers Wochenende gekommen ist.

Und da waren Sie ein ganzes Wochenende lang in diesem engen, kleinen Raum?

Ja - aber mit der Zeit gewöhnt man sich einfach dran. Ich bin mittlerweile doch ziemlich gerne alleine. Ich hatte die Wahl, allein oder in seiner Gesellschaft zu sein. Und diese Alternativen sind wohl nicht sehr berauschend. Aber Weiteres möchte ich dazu nicht sagen. Sie sollten mit mir nicht so sehr über Herrn Priklopil reden, weil er sich hier ja nicht mehr verteidigen kann. Also bringt das gar nichts, wenn wir uns allzu sehr in so was vertiefen. Die arme Frau Priklopil möchte sicher nicht, dass die Öffentlichkeit Sachen über ihren Sohn in der Zeitung liest, die niemanden - außer vielleicht die Polizei - etwas angehen. Über einen Toten zu schimpfen, finde ich vor allem wegen seiner Mutter nicht sehr schön.

Ihr Wunsch ist zu respektieren. Ich möchte mit Ihnen über etwas reden, das aber sehr wohl Sie - und nur Sie - betrifft: Ihre Flucht. Kam sie spontan, oder war sie geplant?

Ja, das war sie. Schon mit zwölf oder ungefähr diesem Alter habe ich davon geträumt, mit 15 - oder irgendwann einmal, wenn ich stark genug bin dazu - aus meinem Gefängnis auszubrechen. Ich habe immer wieder getüftelt an dem Punkt, zu dem die Zeit reif ist. Ich konnte aber nichts riskieren, am wenigsten einen Fluchtversuch. Er litt sehr stark unter Paranoia und war chronisch misstrauisch. Ein Fehlversuch hätte die Gefahr bedeutet, nie mehr wieder aus meinem Verlies herauszukommen. Ich musste mir sukzessive sein Vertrauen sichern.

Sie dachten also schon an Flucht, als Sie 12 waren.

Ich habe es mir ab diesem Alter sozusagen selber versprochen. Ich habe es mir versprechen lassen von meinem jetzigen Ich. Ich habe meinem künftigen Ich versprochen, dass ich den Gedanken an Flucht nie außer Acht lassen werde.

Sie haben also ganz fest an sich geglaubt.

Ja, sicher. Es war auch sehr frustrierend für mich, als ich erfuhr, dass die Leute nach mir jetzt mit dem Bagger in Schotterteichen suchen. Sie haben meine Leiche gesucht. Und ich war verzweifelt, als ich das Gefühl hatte, dass ich, als Lebende, bereits abgeschrieben bin. Das war Hoffnungslosigkeit: Ich war überzeugt, dass niemand mehr je nach mir suchen wird und ich daher auch niemals wieder gefunden werde. Am Anfang habe ich ja noch darauf vertraut, dass mich vielleicht die Polizei oder sonstwer findet, dass vielleicht jemand den Täter gesehen und mit meinem Verschwinden in Zusammenhang gebracht hat. Oder dass irgendwelche Spuren auftauchen, oder etwaige Komplizen irgendwas sagen.

Komplizen? Gibt es die?

Das weiß man noch nicht sicher, aber ich glaube, es gab keine. Nach meinem jetzigen Informationsstand gab es einfach keine Komplizen.

Wie sind Sie mit dieser Einsamkeit fertig geworden?

Ich hatte keine Einsamkeit. Ich hatte Hoffnung und glaubte an eine Zukunft. Irgendwann. Dazu muss ich jetzt etwas anmerken, was meine Mutter betrifft. Viele werfen ihr jetzt vor, dass sie jetzt nicht bei mir ist. Und ich nicht bei ihr. Sie hat mich aber schon besucht. Das hat nichts mit Herzlosigkeit zu tun - wir verstehen uns auch so. Wir brauchen nicht zusammen zu wohnen, um zu wissen, dass wir zusammengehören. Ich habe mich während der ganzen Zeit auch immer an meine Familie erinnert.
Für sie war die Situation um vieles schlimmer als für mich. Sie glaubte, ich wäre tot. Ich aber wusste, sie lebt und vergeht vor Sorge um mich. In dieser Zeit war ich glücklich, auf die Erinnerungen an meine Kindheit in Freiheit zurückgreifen zu können. Nein: Man tut meiner Mutter jetzt Unrecht, wenn man ihr irgendetwas Böses unterstellt. Ich liebe sie und sie mich.

Wenn man in diesem Loch Jahre verbringen muss - welche Gedanken schießen einem da durch den Kopf?

Ich hatte auch schlimme Gedanken. Sie sehen daran, wie sehr sich das Gehirn quält, wenn es nach einer Lösung sucht. Immer wieder habe ich dann nach logistischen Lösungsansätzen gesucht. Zuerst die Flucht selbst und dann, was danach passieren soll. Soll ich in Strasshof ganz einfach auf die Straße laufen, schreien, Nachbarn aufsuchen? Mir ist sogar in den Kopf geschossen, dass ich nach einer Flucht weltberühmt sein würde und was ich machen müsste, dass mir die Medien nicht sofort nachlaufen, ich vielmehr die Augenblicke meiner Freiheit eine Zeit lang allein genießen kann.

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