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29. Juli 2003, 14:45 Uhr

Suche nach der Mitte

Das Dorf im Müglitztal ist zum Synonym für die verheerende Flut geworden. Der Ortskern wurde bis heute nicht aufgebaut. Viele sind weggezogen, andere kämpfen um die Zukunft. Und gegen die seelischen Wunden.

Weesenstein im Müglitztal: Bei dem Hochwasser im August 2002 wurden zahlreiche Häuser des Ortes zerstört© ddp

Stefan Schüler hat bis zur Flut fünf Jahre an seinem Haus gebaut und nach der Flut acht Monate. Es war stehen geblieben, weil die Häuser davor nacheinander gefallen waren und so die Wucht des Wassers verringert hatten. Die Müglitz kam nur bis in den zweiten Stock der Schülers und nicht im Obergeschoss wieder heraus wie bei den anderen. Kurz vor Ostern waren Elektrik und Fußbodenheizung installiert. Stefan Schüler wollte in diesen Tagen zurück sein, mit seiner Frau und dem Baby, seiner Schwester und ihrem Freund. Es wäre ein Fest geworden. Aber ein Jahr nach dem Hochwasser wird er den Abriss organisieren. Er weiß nur noch nicht, ob er es selbst tun wird. Dabei sein will er auf jeden Fall. Um Abschied zu nehmen.

Zu jung, um zusammenzubrechen

Stefan Schüler ist 23 und zu jung, um zusammenzubrechen. Wenn er nicht mehr kann, kippt er ein paar Bier, wie in der Nacht, als er mit der Familie und den Mietern eingeschlossen war in seinem Haus. Sie hatten überlegt, zu springen und eine Flasche in den reißenden Fluss geworfen, um die Strömung zu testen. Der gelernte Maurer hat erfahren, dass die ehemalige Mühle, Familienbesitz seit 150 Jahren, dem Hochwasserschutzkonzept der Talsperrenverwaltung im Weg ist.

Dort, wo später Schülers Kinder Cowboy und Indianer spielen sollten wie früher der Papa, braucht der Bach ein breiteres Bett. Drei bis fünf Meter zum Auslaufen, für die nächste Sintflut. Eine absurde Vorstellung in diesen Tagen, wo Sachsen austrocknet und die Müglitz mit ein paar Steinen zu stauen ist. Vor einem Jahr war das Wetter ähnlich, sagt Stefan Schüler, und auch jetzt lade sich die Luft wieder auf.

Wunder in Weesenstein

Dass Schülers Haus nach dem 12. August noch stand, erschien vielen Weesensteinern wie ein Wunder. Sie haben sich daran aufgerichtet. Und geschworen, ihrem Dorf wieder ein Gesicht zu geben, ein schöneres als zuvor. Es gab Architekturwettbewerbe, Ideen für Häuser auf Stelzen oder mit Hanglage.

Viel ist passiert: Im barocken Schlosspark steht die Statue der Flora wieder an ihrem Platz. Die Pension Püschel, fast fortgeschwemmt, vermietet Zimmer. Die Schlossgaststätte war in Rekordzeit auf Vordermann gebracht, das Cafe "Kaiserstüb'l", weit gerühmt für sein Buttergebäck, verdreifachte die Fläche. Der Elan des Besitzers, Matthias Kaiser, 42, ist kaum zu bremsen. Man könne doch einen Fluttunnel durch den Fels bohren, eine Art Dorfumgehung für den Fluss. Das würde zwölf Millionen Euro kosten, ein "Lacher" bei dem vielen Geld, das gesammelt worden sei. Im neuen Teich hinterm Cafe schwimmen Koi-Karpfen, in der Küche steht eine 15 000 Euro teure Kaffeemaschine aus Italien. Kaiser braucht sie für die "Reisebusse voll mit Rentnern, die alle gespendet haben und mal gucken wollen, was wir mit ihrem Geld so gemacht haben".

Die Müglitz hat die Dorfmitte kassiert

Die Menschen suchen Häuser, wo heute Geröll ist. Schweres Geröll wie nach einem Lawinenabgang, zu viele Felsbrocken für das Ufer eines kleinen Baches. Die Müglitz hat die Dorfmitte kassiert und plätschert müde dahin. Mücken surren über Steine, der mal Ortskern war. Hier wohnten Neutmanns und Sobczinskis, Jahns und Fritzsches, hier ging die alte Steinbrücke über den Fluss. Hier waren Gärten und standen Obstbäume. Am Ende der Schulstraße überlebte der Maurer Heiko Jäpel mit zwei Kindern und der Oma auf einer 36 Zentimeter schmalen Hauswand, während seine Frau bei Püschels oben eine Schreckensnacht lang verzweifelt und vergebens übers Handy um Hilfe rief. Stefan Schüler hört noch die Schreie der Kinder: "Mutti, Mutti, hilf uns."

Als am Morgen endlich Hubschrauber kamen und einen nach dem anderen von den Dächern holten, Kinder und Alte zuerst, entschied Stefan Schüler, sein Haus sausen zu lassen; er hatte ja noch sein Leben. Als die Helfer anrückten, fünf Soldaten eine Woche lang den Keller ausschippten, als Leute von der Gemeinde kamen und der Pfarrer und alle sagten, sein Haus sei ein Symbol, da machte er sich wieder an die Arbeit. Er fühlte sich auch verpflichtet durch 120 000 Euro an Spenden.

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