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16. Juni 2010, 09:58 Uhr

Bewohner am Golf von Mexiko trotzen dem Öl

US-Präsident Barack Obama hat sich optimistisch im Kampf gegen die schon fast zwei Monate andauernde Ölkatastrophe im Golf von Mexiko gezeigt.

Dicke schleimige Ölklumpen künden am Strand von Grand Isle von der Ankunft der Katastrophe. Die Ölpest hat die Touristen aus dem Ort an der US-Golfküste vertrieben. Niemand hier will bestreiten, dass die Ölpest ein Fiasko ist. Die Frage freilich ist, welche Konsequenzen aus ihr zu ziehen sind. Viele Menschen hier an der Küste des Bundesstaats Louisiana haben eine unerwartete Antwort auf diese Frage: Weiterbohren. Im Bewusstsein ihrer Abhängigkeit von der Ölindustrie fürchten sie um die Zukunft ihrer Siedlungen.

Als Konsequenz aus der Ölpest im Golf von Mexiko hat US-Präsident Barack Obama ein Umdenken in der Energiepolitik gefordert und die Nutzung sauberer Energien zur "nationalen Mission" erklärt. Die Zeit des billigen Öls neige sich dem Ende zu, sagte Obama in einer Rede an die Nation am Dienstag. Zur Bewältigung der Umweltkatastrophe forderte er von BP die Einrichtung eines Sonderfonds und ernannte einen Öko-Beauftragten.

Außerdem hält Barack Obama an einem sechsmonatigen Bohrstopp für die Meeresregion fest. An der Küste hat diese Entscheidung die Kritik an der Regierung eher noch wachsen lassen. "Das war ein Tiefschlag", sagt der Landrat des Landkreises Terrebone, Michel Claudet, der Nachrichtenagentur AFP. "In meinem Landkreis habe ich noch keinen Menschen getroffen, der von der Ölpest betroffen ist und das Moratorium unterstützt." Etwa 60 Prozent der Wirtschaftsleistung in seinem Landkreis seien vom Ölsektor abhängig, sagt Claudet.

Am Mittwoch will Präsident Obama die Konzernspitze von BP zu einem mit Spannung erwarteten Treffen im Weißen Haus empfangen. Im Umgang mit den Ölkonzernen und dem Krisenmanagement hat der Präsident erkennen müssen, dass er es in dem komplexen Geflecht aus widerstrebenden Interessen nicht jedem Recht machen kann. Im Bundesstaat Louisiana hängen nach Angaben der Landesregierung 320.000 Jobs vom Öl- und Gassektor ab. Der jährliche Umsatz beträgt rund 70 Milliarden Dollar.

"Wenn Obama für sechs Monate die Ölfelder dicht macht, dann sind wir hier Geschichte", kritisiert der Feuerwehrmann Chris Santini aus Grand Isle. "Die Leute werden stehlen und in Häuser einbrechen", prophezeit er düster. Die Bootsdock-Besitzerin Kimberley Chauvin zählt zu den Leidtragenden der Ölpest, und doch springt sie der Ölindustrie bei. Die Frage nach dem Warum sei einfach zu beantworten, sagt sie: "Viele meiner Angehörigen arbeiten im Öl- und Gassektor." Der Elektriker Pete Thompson hat wegen des Ausbleibens der Touristen mit einem Auftragseinbruch zu kämpfen, und doch ist er für weitere Bohrungen: "Die Leute brauchen das Öl."

An 33 Förderplattformen im Golf wurden wegen Obamas Moratorium die Arbeiten eingestellt. Einige von ihnen sollen vielleicht in andere Meeresregionen verlegt werden. Manche an der Küste befürchten, dass nach der Ölpest eine zweite Katastrophe droht, das Ende der Ölindustrie als wichtigster Wirtschaftszweig der Region.

Für Außenstehende sieht das Festhalten der leidgeprüften Anwohner an den innenpolitisch umstrittenen Ölbohrungen ein wenig aus wie ein Flirt mit dem Teufel. Landrat Claudet hat eine Erklärung für die Ansichten seiner Bürger. Früher hätten sich die beiden wichtigsten Wirtschaftszweige der Region - die Fischerei und die Ölförderung - gegenseitig ergänzt: War ein Sektor in der Krise, konnten Arbeitssuchende in den anderen Sektor ausweichen. Die Ölpest hat nun beide Bereiche in die Knie gezwungen - eine verhängnisvolle Doppel-Krise.

Ob die Plädoyers der Küstenbewohner für weitere Ölbohrungen in Washington wirklich Gehör finden, ist allerdings fraglich. Neue Umfragen belegen, dass die Ölpest USA-weit einen regelrechten Meinungsumschwung ausgelöst hat. Waren vor zwei Jahren in einer CBS-Umfrage noch 62 Prozent der Befragten für eine Ausweitung der Bohrungen, waren es Anfang Juni nurmehr 40 Prozent. Mehr als die Hälfte äußert inzwischen die Ansicht, dass das Risiko dabei einfach zu groß sei.

AFP/APN
 
 
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