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So schlimm steht es um Fukushima 1

Diese Frage bewegt die Welt: Was passiert in Fukushima 1? Die Wortwahl der Verantwortlichen wird dramatischer, die Aktionen werden zunehmend verzweifelter.

Von Mareike Rehberg

Im Atomkraftwerk Fukushima 1 im Nordosten Japans spitzt sich die Lage nach dem schweren Erdbeben und dem Tsunami dramatisch zu. Die Ereignisse im AKW überschlagen sich, allerdings fließen die Informationen nur spärlich und mit Verzögerung. Immerhin hat die Regierung am Dienstag erstmals einen "beträchtlichen Anstieg" der Strahlung in der Umgebung eingeräumt. Regierungssprecher Yukio Edano sprach von einem Niveau, "das die menschliche Gesundheit beeinträchtigen kann", sogar die Betreibergesellschaft Tepco schätzt die Situation als "sehr schlimm" ein.

Mittlerweile ist die Strahlung im Kernkraftwerk so weit gestiegen, dass sich das noch verbliebene Personal nicht mehr in den Kontrollräumen des Reaktors aufhalten kann. Ohnehin sind nur noch rund 50 der ursprünglich 800 Mitarbeiter vor Ort. Christian Küppers, Experte für Nukleartechnik beim Öko-Institut in Darmstadt, schildert stern.de zwei Möglichkeiten für die zu hohe Strahlung. Entweder gelangt sie durch den Ausfall der Luftfiltersysteme in die Kontrollräume oder es handelt sich, was schlimmer wäre, um Direktstrahlung. In dem Fall wäre der Reaktor schon stark beschädigt.

Seit der Naturkatastrophe hat es bisher vier Explosionen in den Reaktoren gegeben, erstmals wurde am Dienstag in Block 2 auch ein Reaktorbehälter beschädigt, was die nach außen dringende radioaktive Strahlung erheblich erhöhen kann. Bei den Wasserstoffexplosionen in den Reaktoren 1 und 3 am Samstag und am Montag waren lediglich die Außenhüllen zu Schaden gekommen. In einem Lager für verbrannte Brennstäbe in Block 4 brach am Dienstag nach einer weiteren Explosion ein Feuer aus, auch hier ist die Außenwand stark beschädigt. Zudem kann das Aufbewahrungsbecken für die verbrauchten Brennstäbe nicht mehr mit Wasser gefüllt werden. Die Betreiber erwägen nun, Reaktor 4 mit kühlendem Wasser per Hubschrauber zu versorgen.

Meerwasser mit Borsäure als Notlösung

Sorgen bereitet den Ingenieuren vor allem die Kühlung der Brennstäbe in den Reaktoren. In drei Reaktorblöcken sind die Kühlsysteme durch das schwere Beben ausgefallen und auch in Block 4 könnten die Brennstäbe das Kühlwasser zum Kochen bringen. Verzweifelt versuchen die AKW-Mitarbeiter bereits seit Samstag, die Brennstäbe mit Meerwasser zu kühlen – eine Maßnahme, die Fachleute als allerletzte Lösung bezeichnen. Dem Wasser wird Borsäure zugesetzt, weil es die bei einer Kettenreaktion entstehenden Neutronen "einfängt" und so einen Kernspaltungsprozess verhindert. Wegen des hohen Drucks im Inneren der Reaktoren ist diese Prozedur jedoch schwierig. Experten vergleichen sie mit dem Versuch, einen aufgeblasenen Ballon mit Wasser zu füllen.

Mehrmals hatten die Brennstäbe in Reaktorblock 2 am Montag komplett trocken gelegen – ein fataler Zustand. Der Schaden am Reaktorkern beginnt schon, wenn nur die Spitzen der Brennstäbe mehr als 40 Minuten nicht von Kühlwasser bedeckt sind. Die Hitze ist in den Reaktoren so groß, dass die vielen Kubikmeter Kühlwasser, die pro Sekunde eingeleitet werden, binnen kürzester Zeit verdampfen. Liegen die Brennstäbe länger frei, so kommt es zur Kernschmelze: Der Reaktorkern wird so heiß, dass sich die Schmelzmasse aus Uran und Plutonium durch das Reaktorgefäß frisst. Eine große Menge Radioaktivität würde so frei.

Alle Notfallsysteme haben versagt

Ausgelöst wurde die Kette der Atomunfälle am Freitag durch das schwere Erdbeben. Die externe Stromversorgung der Reaktoren wurde durch die Erschütterung gekappt. Auch die Notkühlsysteme funktionierten nur kurz, weil die Dieselgeneratoren, die im Notfall anspringen, bereits nach einer Stunde den Dienst versagten. Der gewaltige Tsunami hatte sie überflutet. Die für solche Situationen vorgesehenen Batterien waren nach wenigen Stunden leer.

Die Ingenieure hatten außerdem ein weiteres Problem zu bewältigen: Offenbar wurden auch verschiedene Messinstrumente zerstört, so dass Experten die Dramatik der Situation zunächst gar nicht richtig einschätzen konnten. Sie sahen zwar, dass das Kühlwasser sank, die Messungen waren aber ungenau.

AKW darf nicht sich selbst überlassen werden

Nach Ansicht einiger Experten besteht kaum die Aussicht darauf, den Unfallablauf im AKW Fukushima 1 noch zu beeinflussen. Die gegenwärtigen Ereignisse sind niemals theoretisch durchgespielt worden, es existiert kein Plan für dieses Szenario. Selbst wenn es gelänge, Brennstäbe ausreichend zu kühlen, kann es noch Wochen dauern, bis die Gefahr einer Kernschmelze gebannt ist.

Dennoch hält es der Physiker Küppers für unmöglich, das AKW Fukushima 1 sich selbst zu überlassen. Es müsste immer Personal vor Ort sein, das dafür sorgt, dass die Feuerwehrpumpen, die das Meerwasser in die Reaktoren leiten, genügend Kraftstoff haben. Und selbst wenn es zur Kernschmelze käme, dürfte man die Mitarbeiter nach Ansicht des Experten nicht abziehen. "Dann wird es darum gehen, aus einer hundertprozentigen Katastrophe eine achtzigprozentige zu machen", sagt Küppers.

mit Agenturen

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