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Warum die Welt nicht schlechter wird

Nach diesem Jahr der Krisen, grausam eingerahmt von zwei Anschlägen, haben viele Menschen das Gefühl, die Welt werde ein immer schlechterer Ort. Aber stimmt das eigentlich?

Von Horst von Buttlar

Die Anschläge in Paris, der Absturz der Germanwings-Maschine, die Konterattacke auf "Cahrlie Hebdo"

Die Anschläge in Paris, der Absturz der Germanwings-Maschine, die Konterattacke auf "Cahrlie Hebdo" - viele schreckliche Ereignisse erschütterten uns 2015

Eine der großen Innovationen unserer Informationsgesellschaft ist der tägliche Weltuntergang. Früher hatten die Kirche und ein paar Sekten und Spinner das Monopol auf die Apokalypse, die Filmrechte hielt Hollywood. Inzwischen lässt sich der Ausnahmezustand am Fließband herstellen und die Welt atemlos aus den Fugen deklinieren, ob im Bundestag, in Leitartikeln oder auf Facebook.

Ja, irgendwie ist alles ganz schön krass geworden auf unserem Erdball, viele schlimme Dinge passieren, und so stimmen wir ein in das Weltkriegsgeheul der Großkrisen, das Schlagwortstakkato der Bedrohungen, die uns nicht nur das Gefühl geben, dass 2015 ein ganz schlimmes Jahr war. Sondern dass es mit der Menschheit insgesamt irgendwie ziemlich bergab geht.


Paris, Charlie Hebdo, Germanwings, Ukraine, Syrien, Flüchtlingskrise, IS, EZB, QE, VW, Deflation, Inflation – man hat den Eindruck, dass die Welt ein großer Misthaufen geworden ist und die Politiker und anderen Entscheider mit ihren Mistgabeln beim Umschichten gar nicht mehr hinterherkommen. Und lediglich durch große Worte versuchen, ihre Ohnmacht zur Allmacht umzufunktionieren: Whatever it takes. Wir schaffen das.

Der Aufwärtstrend der Menschheit

Diese Sätze, eine Mischung aus Durchhalteparole und Zauberspruch, wirken mal mehr und mal weniger, am Ende bleibt bei den meisten Menschen die dunkle Ahnung: Ja, die Welt ist tatsächlich aus den Fugen. Die Krisen werden immer größer und immer mehr. Und keiner hat die Lage so richtig im Griff.
Nun wäre es albern, einfach zu sagen, dass die Welt doch ganz okay ist, weil wir schließlich nahezu alle ein Smartphone, sauberes Trinkwasser, neuerdings auch Jobs und einen schier unbegrenzten Nachschub an ziemlich guten US-Fernsehserien haben. 

Und doch, gerade nach diesem Jahr, welches so schrecklich eingerahmt ist von dem Terror in Paris, sollten wir genauer hinschauen. Ein Jahr, welches es bei einer RTL-Show mit Oliver Geissen ("Die schlimmsten Jahre dieses Jahrhunderts") bestimmt aufs Siegertreppchen schaffen dürfte.

Wir sollten hinschauen, weil manche Sätze, Zahlen und Entwicklungen sonst untergehen, die zeigen, dass die Welt in vielerlei Hinsicht besser wird. An der Börse würde man sagen: Der Aufwärtstrend der Menschheit ist ungebrochen. Sie ist ein Kauf.

Erfolge im Kampf gegen Armut und Hunger

Gerade wenn das Gefühl diffus ist, sollte man sich an die Fakten halten. Da gibt es so viele Lichtblicke, so viele Erfolge und Trends, die nach oben zeigen, dass man schnell zu einer Vorstellung unserer Welt kommt, in der zwar schreckliche Dinge passieren, die aber nahelegt: Noch nie ging es so vielen Menschen so gut.

Zum Beispiel die extreme Armut: Seit 2012 ist die Zahl der Armen (Menschen, die weniger als 1,90 Dollar pro Tag haben) um 200 Millionen gesunken. Damit leben zwar immer noch 702 Millionen Menschen in Armut, das sind aber nur 9,6 Prozent der Weltbevölkerung. 1999 lag der Anteil noch bei 29 Prozent, 1990 bei 37 Prozent. "Diese Schätzungen zeigen", sagte im Oktober Weltbankpräsident Jim Yong Kim, "dass wir die erste Generation der Weltgeschichte sind, die die extreme Armut beenden kann."

Das gleiche Bild bei der Unterernährung: Derzeit gelten rund 795 Millionen Menschen als unterernährt. Das ist schlimm. Aber im Zeitraum zwischen 2010 und 2012 waren es noch 821 Millionen, 2005 bis 2007 noch 942 Millionen und Anfang der Neunziger noch über eine Milliarde. Die Kindersterblichkeit: hat sich seit 1990 halbiert. Die Zahl der Malaria-Infektionen: ist zwischen 2000 und 2015 um 37 Prozent gefallen.

Bildung für alle

Auch in der Bildung macht die Menschheit große Fortschritte. Im Vergleich zu 1999 sind heute 48 Millionen Kinder mehr eingeschult. Die Analphabetenrate ist seit dem Jahr 2000 von 18 auf 14 Prozent gefallen. Im Jahr 2000 schlossen je 100 Jungen noch 81 Mädchen die Sekundarstufe ab, heute sind es 93. "Die Welt hat große Fortschritte hin zu 'Bildung für alle' gemacht", verkündete in diesem Jahr die UNESCO-Generaldirektorin Irina Bokova.

Ihre Botschaft war freilich eine andere: Das reicht nicht. Klar, noch immer gehen über 100 Millionen Kinder nicht zur Schule. Aber es gibt Erfolge, Früchte der harten Arbeit.

Die Glas-halb-leer-Zahlen haben es leichter

So könnte man das beliebig fortsetzen, durch Statistiken, Bildungs- und Armutsberichte und Datenbanken pflügen. Der Human Development Report der Uno bringt es in etwa auf die Formel: Wir haben seit 1990 mehr erreicht, als wir zu träumen gewagt haben.
Wenn also viele Zahlen so erfreulich sind, warum haben viele Menschen dennoch das Gefühl, dass die Welt aus den Fugen ist, dass die Krisen sich verdichten?

Das Problem hat zunächst viel mit unserer Wahrnehmung zu tun. Natürlich werden manche Pessimisten schnell Statistiken herbeischaffen, die darlegen, wie schlimm die Welt ist. Dass es 2015 weltweit 214 Millionen Malaria-Erkrankungen und 438.000 Todesfälle gab. Dass in Afrika rund 232 Millionen Menschen hungern, sogar 50 Millionen mehr als 1990 (aber weniger im Vergleich zur stark gewachsenen Gesamtbevölkerung – das ist wichtig!).

Die Glas-halb-leer-Zahlen haben es nun mal leichter: Ebola ist dramatischer als die Erfolge bei Malaria und Masern. Die UNESCO warnt mehr, als über Erfolge zu sprechen. Zu einem Gutteil ist das ihr Job, sie braucht schließlich Geld, um die unerreichten Ziele zu erreichen. Trotzdem sollte man sich öfter an die Losung des früheren US-Präsidenten Bill Clinton halten: "Follow the trend lines, not the headlines."

Wie schlimm sind die Kriege?

Besonders deutlich wird unsere verzerrte Wahrnehmung bei dem Thema, das die meisten Menschen derzeit beschäftigt: Krieg und organisierte Gewalt. Schon das Jahr 2014 galt, so die Zahlen des renommierten Uppsala Conflict Data Program (UCDP), mit rund 126.000 Toten als das mit den höchsten Opferzahlen seit 20 Jahren. Das gleiche Bild findet man bei der Anzahl bewaffneter Konflikte, die das UCDP mit 40 beziffert – sechs mehr als noch 2013.

Diese Zahlen bestimmten die Schlagzeilen. Wer etwas tiefer in die Untersuchungen der schwedischen Forscher schaut, findet aber auch solche Sätze: „Verglichen mit der großen Anzahl zwischenstaatlicher Kriege des 20. Jahrhunderts war die Zahl der Todesopfer relativ klein.“ Die Welt, so heißt es in der jüngsten Studie, „ist dennoch viel weniger gewalttätig als zu Zeiten des Kalten Krieges“. Und: „Sieben Konflikte, die 2013 registriert wurden, waren ein Jahr später befriedet.“ Und: „Eine positive Entwicklung seit 2011 ist die Anzahl der geschlossenen Friedensabkommen.“ Etwa in Kolumbien.

Wer auf die Zahlen schaut, sieht den Trend: Ja, die Zahl der bewaffneten Konflikte nimmt seit einigen Jahren wieder zu, von 31 im Jahr 2010 auf 40 im Jahr 2014. Aber: 1990 wurden noch 49 Konflikte gezählt, 1994 waren es 48. Von 1997 bis 1999 lag die Zahl konstant bei 40.

Kopf ab und Daumen hoch auf Facebook

Wenn die Welt also heute aus den Fugen ist, sollten wir fragen, in welchem Zustand sie war, als in Europa die Bürgerkriege auf dem Balkan wüteten. Oder in Ruanda die Horden der Hutu so viele Tutsi abschlachteten, dass man den Völkermord oft aus den Statistiken ausklammert und extra aufführt, weil diese sonst verzerrt werden.

Es sind nicht immer die Zahlen, die sich verändern, sondern unsere verdichtete Wahrnehmung: Die Heckenschützen in Srebrenica waren trotz allem weit weg, man sah, wenn überhaupt, kurze Ausschnitte des Grauens in der "Tagesschau". Heute filmt jeder Terrorist, der einen Arzt oder Journalisten als Ungläubigen enthauptet, seinen bestialischen Akt und stellt ihn ins Internet.

Die Bilder sind so zahlreich, so überwältigend, so unmittelbar und vor allem: verfügbar. Der Akt ist archaisch und hochmodern zugleich, Kopf ab und Daumen hoch auf Facebook. Eine widerliche Intensität.

"Overkill an Krisen"

Die Propaganda der Terroristen wird dann zur Contentschlacht. Auch unserer Gesellschaft gelingt es, und das ist trotz Medienkrise fast ein Wunder, Weltereignisse wie Charlie Hebdo innerhalb von 48 Stunden komplett zu durchleuchten, zu rekonstruieren und durchzudeklinieren. Alles wird so schnell gedeutet und bis in den letzten Winkel erklärt, dass unser Gehirn die Ereignisse vielleicht noch verarbeiten kann. Aber nicht der Rest, ob man das nun Herz oder Seele nennt.

Also bleibt die Angst, dieses diffuse Gefühl der Bedrohung.

Der Berliner Politikwissenschaftler Eberhard Sandschneider, der unserer Welt einen "Overkill an Krisen" diagnostiziert, spricht von einem "Wissensparadox": Wir wissen mehr, aber verstehen weniger. Man könnte auch sagen: Wir wissen alles ganz schnell, jedes Detail im Liveticker-Modus, können aber die Komplexität nicht erfassen.

Probleme in Analyseabschnitte zerlegen

Deshalb bieten Ideologien oder Religionen auch vermeintlich einfache Lösungen für die Komplexität. Und wir versuchen mit einfachen Mustern und Übertreibung zu deuten: Erst wankten Banken, dann die Staaten, nun die ganze Welt. Die Welt ist aus den Fugen. Weltkrieg III.

Was aber können wir tun, damit die Welt um uns herum nicht permanent versinkt?

Zunächst: die Probleme wieder in ihre Analyseabschnitte zerlegen. Die Ukraine-Krise etwa war von Anbeginn eine klassische außenpolitische Krise; schwierig, aber mit Diplomatie lösbar. Die Flüchtlingskrise ist eine immense Herausforderung, aber nicht größer als die Herkulesaufgabe der deutschen Einheit oder die Finanzkrise 2008. Es gibt Hebel, Wege, Ideen, Lösungsansätze.

Epochale Krisen gelöst

Neben der Wahrnehmung, die oft verzerrt oder kurzsichtig ist, geht es aber auch um unsere Einstellung. Wo ist unser Grundvertrauen, dass vom Menschen gemachte Krisen vom Menschen lösbar sind? Immerhin hat die Welt innerhalb einer Dekade mehrere Megakrisen bewältigt, die oft als epochal bezeichnet wurden.

Lehman- und Euro-Krise drohten seit 2008, die Welt ebenfalls aus den Angeln zu heben. Sie sind nicht ganz verarbeitet, siehe Griechenland, aber den meisten Ländern, allen voran Deutschland, geht es heute wieder besser. So gut wie noch nie.

Wir feiern Rekorde, die wir 2009, als die Wirtschaft um fünf Prozent einbrach, als Mittelständler die Hälfte ihres Umsatzes verloren, als wir panisch Milliarden ausgaben, um unseren Wohlstand zu verteidigen, nicht für möglich gehalten hätten. Diese Erkenntnis ist auch die Lehre für die Flüchtlingskrise: Man kann den Kuchen, den wir Wirtschaft oder auch BIP nennen, größer machen.

Und dazu brauchen wir noch etwas, das besonders unserer Gesellschaft in Deutschland verloren gegangen ist: ein Glaube daran, dass wir in der Zukunft mithilfe von Innovationen Probleme lösen können, die uns heute unlösbar erscheinen.

Mark Zuckerberg und Smartphones machen Hoffung

Das Smartphone gibt es seit acht Jahren. Heute benutzen es zwei Milliarden Menschen. Darunter viele, die vor einigen Jahren von einem solchen technologischen Schlüssel zur Welt nur träumen konnten.

Warum etwa glaubt niemand mehr an die Kernfusion (das Gegenteil der gefährlichen Kernspaltung)? In den USA haben Tech-Milliardäre, darunter Peter Thiel und Amazon- Chef Jeff Bezos, in Forschungsprojekte investiert. Sie glauben an die Lösbarkeit von Problemen, wir analysieren zu oft die Unlösbarkeit.

Anfang Dezember gab Mark Zuckerberg bekannt, dass er 99 Prozent seiner Facebook-Anteile spenden möchte, insgesamt 45 Mrd. Dollar. Er schrieb keine Pressemitteilung, sondern einen Brief an seine neugeborene Tochter. In diesem Brief, ein Manifest des Glaubens, dass Probleme lösbar sind, heißt es: "Während sich Schlagzeilen oft auf das konzentrieren, was schiefläuft, wird die Welt in vielerlei Hinsicht besser. Die Menschen werden gesünder. Die Armut schrumpft. Das Wissen wird größer. Leute verbinden sich. Der technische Fortschritt bedeutet, dass Dein Leben deutlich besser sein sollte als unseres heute."

Das sollte uns allen gefallen.


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