Startseite

Das Erbe des Tyrannen oder Folter trifft Folklore

Ein Kinofilm erzählt die Geschichte der "Colonia Dignidad" in Chile. Doch wer lebt heute noch in dem ehemaligen Foltercamp? Besuch bei den Opfern des Sektenterrors – die heute auf bayerische Folklore setzen.

Colonia Dignidad

Trügerischer Friede: Noch immer wohnen etwa 100 Menschen auf dem Gelände der Colonia Dignidad - und kämpfen mit den Schatten der Vergangenheit

Jürgen ist geblieben. Jürgen kellnert im Wirtshaus der ehemaligen Colonia Dignidad, wo er als Kind jahrelang sexuell missbraucht wurde. Jürgen serviert den Touristen Rouladen und Sauerkraut und findet, dass man im Leben nach vorn schauen sollte.

Auch Sergio ist geblieben. Sergio singt deutsche Volkslieder für Feriengäste. Er singt dort, wo Sektenführer Paul Schäfer ihn früher regelmäßig vergewaltigte. Sergio singt von "ewiger Liebe", aber er hat in seinen 58 Jahren nie eine Frau geküsst.

Winfried ist zurück. Winfried wurde in seiner Kindheit Opfer von Misshandlungen und Sklavenarbeit in der deutschen Kolonie in Zentralchile. Aber Winfried ist anders als der Rest. Er kämpft als Anwalt gegen das Vergessen an. Er findet, dass man ein Konzentrationslager nicht in eine Touristenattraktion verwandeln darf.

"Die Bewohner hier sehen mich als den Teufel persönlich", sagt Winfried. "Sie wollen die Vergangenheit ausblenden. Aber ich lasse sie nicht."

Es geht um den Konflikt, an dem die berüchtigte Enklave zerbrechen könnte. Um die alte deutsche Frage: aufklären oder vergessen? Sie wird wieder hochkommen – jetzt, wo der Spielfilm "Colonia Dignidad" mit Emma Watson und Daniel Brühl in die Kinos kommt. Er zeigt das Unrechtssystem der Kolonie in seiner ganzen Brutalität.

Folter meets Folklore

Es ist ein heißer Februartag am Westrand der Anden in Zentralchile. Jürgen, 51, ein schlanker Mann mit hochroten Wangen, steht hinter dem urbayerischen Tresen im "Zippelhaus" , dem Restaurant der Kolonie. An der Wand hängen Dirndl, Geweihe und eine Anleitung zum Thema "Trachtenpflicht". Der Blick hinaus geht über gepflegte Wiesen und deutsche Eichen zu schneebedeckten Bergen. "Ein Urlaubsparadies", sagt Jürgen. "Sie können hier Unimog-Touren machen oder im Whirlpool liegen und die Landluft genießen."

Jürgen nimmt einen mit auf die "Koloniale Besichtigungstour". Er ist hier auch der Touristenführer. Im Herrensaal, wo unfolgsame Mädchen früher von Männern verprügelt wurden, wird den Hotelgästen heute Schweinshaxe serviert. Über dem Kartoffelschuppen, wo Regimegegner des damaligen Diktators Pinochet gefoltert wurden, leben heute ehemalige Leiter der Kolonie. Und im "Freihaus" , wo Sektengründer Paul Schäfer residierte und sich Nacht für Nacht an Kindern verging, finden heute Hochzeiten statt. Folter meets Folklore.

Colonia Dignidad heute: Eine alte Dame verkauft Strickwesten und Schals

Harmlose Erinnerungsstücke: Eine alte Dame verkauft Strickwesten und Schals


Touristen-Tafel: Im ehemaligen Speisesaal der Kolonie trinkt eine Reisegruppe Kaffee

Touristen-Tafel: Im ehemaligen Speisesaal der Kolonie trinkt eine Reisegruppe Kaffee


In einem dunklen Gewölbe angekommen, sagt Jürgen: "Ich wurde weggesperrt, bis zu zwei Wochen lang. Fünfmal versuchte ich zu fliehen. Jedes Mal wurde ich schlimmer misshandelt, mit Ketten oder Kabeln." Jürgen erzählt emotionslos und schiebt oft den Zusatz "war halt so" hinterher. Er erhält Medikamente. Ein Psychiater der deutschen Botschaft kommt regelmäßig in die Kolonie, um die Opfer von 40 Jahren Tyrannei zu behandeln. "Früher wurde ich mit 20 Beruhigungstabletten am Tag kaltgestellt, das hatte wohl Folgen", sagt Jürgen trocken. Auch sein Rücken ist kaputt nach Jahren harter Feldarbeit als Kind. "Es war wie ein Konzentrationslager mit Gestapo und Menschenversuchen. Der Schäfer war der brutale Ober-Nazi."

Und Sie führen Besucher jeden Tag an die Orte der Verbrechen? "Nützt ja nichts. Ist meine Arbeit. Wir müssen alle leben." –Kommen da keine Erinnerungen hoch? "Ständig. Aber man muss nach vorn schauen. Das Gute sehen." – Welches Gute? "Heute bin ich frei. Ich darf meine Kleidung aussuchen, darf meine Frau küssen."

Auf dem 30.000 Hektar großen Gelände gibt es nur wenige Hinweise auf die dunkle Vergangenheit. Die Wachtürme wurden entfernt, auch die Selbstschussanlagen und der Nato-Draht, all das, womit man die Bewohner an einer Flucht hindern wollte. In der offiziellen Chronik finden sich für die Zeit von 1961 bis 1997 lediglich zwei Worte: "Schwere Jahre." Auch den Namen haben sie geändert: Aus Colonia Dignidad, Kolonie der Würde, ist Villa Baviera geworden, bayerisches Dorf.

Es ist gutes Marketing, sagen sie hier: Bayern und Trachten kommen in der Welt am besten an.

"Dann verging er sich an mir. Er nannte das Seelsorge"

Paul Schäfer floh 1961 nach Chile, als in Deutschland wegen Kinderschändung gegen ihn ermittelt wurde. Mehr als 100 deutsche Jünger schlossen sich dem Jugendpfleger an. Seine freikirchliche Sekte träumte von einem "urchristlichen Leben im Gelobten Land", aber schon bald baute Schäfer am Fuß der Anden eine Schreckensherrschaft auf. Er nannte sich Tío Permanente, der ewige Onkel. Trennte Kinder von Eltern, um die Kleinen in Ruhe vergewaltigen zu können. Traktierte Jugendliche mit Psychopharmaka und Elektroschocks an den Genitalien. Und schuf ein Überwachungssystem, in dem jeder jeden ausspionierte. Im Nachhinein wirkt sein System wie ein gigantischer sadistischer Menschenversuch: Wie überlebt man 40 Jahre Folter, Frondienst und Gehirnwäsche?

Schäfer nahm sich alle Freiheiten und empfing gern hohen Besuch, vor allem Politiker der CSU. Als Pinochet in den 70er Jahren Gegner loswerden wollte, stellte Schäfer ihm seine Keller als Folterräume und für Exekutionen zur Verfügung. Mehrere Dutzend Gefangene der Militärdiktatur sollen hier verschwunden sein.

Um seinen konstanten Bedarf an neuen Jungen zu befriedigen, machte sich Schäfer an die Hilflosesten heran, an kranke chilenische Kinder, denen er im Hospital der Kolonie eine Gratisbehandlung anbot. Einer von ihnen war Sergio, der an Kinderlähmung litt – "ich kroch auf allen vieren wie eine Echse". Schäfer ließ ihn mehrere Male operieren und danach zu sich kommen. "Er sagte, dass er der Heiland sei und dass er mich nackt sehen müsse. Dann verging er sich an mir. Er nannte das Seelsorge. Irgendwann ließ er mich nicht mehr aus der Kolonie, und meine Mutter durfte nicht rein. Ich bin immer noch hier. Schon 47 Jahre."

Sergio Contreras lebt noch immer in der ehemaligen Colonia Dignidad

Sergio Contreras hat einen Wunsch: Er will einmal eine Frau küssen

Sergio sitzt in seinem Rollstuhl. Er ist die Stimmungskanone hier, ein herzensguter Mann mit feinsinnigem Humor. Aus Spanplatten bastelt er Dekorationen für Hochzeitsfeiern, mit denen die Sekte heute ihr Geld verdient. Er bekommt 250 Euro Gehalt im Monat – "damit bin ich glücklich". 30 Jahre hat er quasi als Sklave gearbeitet, bis zu 16 Stunden am Tag, ohne Lohn. Er ist geblieben, auch nachdem Schäfer 1997 geflohen war. 2005 wurde Schäfer in Argentinien gefasst; 2010 starb er im Gefängnis.

"Wo sollte ich denn hin? Es war nicht alles schlecht. Auch Schäfer war nicht in allem schlecht. Er hat für die Einheimischen eine Schule geschaffen, ein Krankenhaus." Aber hat er Sie nicht schwer missbraucht? "Das stimmt. Er war Sadist. Aber ich habe über die Seelennot zu Gott gefunden."

Sergio erzählt eine Stunde lang, wie Gott ihn zu einem glücklichen Menschen gemacht hat. Man lenkt das Gespräch auf das Unrecht, aber er sagt, der Hass sei das Werk des Teufels. Er will lieber vergeben. Nur am Ende gibt Sergio eine Sehnsucht zu, und es klingt wie eine Todsünde: "Ich würde einmal im Leben gern eine Frau küssen."

Keine Schule, keine Bibel, kein Fernsehen

Viele "Colonos", die Bewohner der Colonia Dignidad, haben die Liebe nie kennengelernt, bis sie 40 oder 50 waren. Sie lebten in einer eigenen Welt, einem Staat im Staate, in dem schon der Blick zu einem Mädchen mit Stockschlägen bestraft wurde. Es gab für die Kinder keine Schule, keine Bibel, kein Fernsehen, und in den Büchern wurde jede Passage überklebt, die von Liebe oder Familie handelt. "Ich dachte mit 45 noch, die Engel bringen die Kinder zur Welt", erzählt Horst, der Imker. "Ich wusste nicht, dass es Sex überhaupt gibt."

Sektenführer Paul Schäfer 2005 kurz nach seiner Verhaftung

Tyrann und Kinderschänder: Der Sektenführer Paul Schäfer tauchte 1997 unter und wurde 2005 in der Nähe von Buenos Aires verhaftet

Nachdem Schäfer 1997 untergetaucht war, verließen viele die Kolonie und suchten einen Neuanfang in Deutschland. Ein anderer Teil blieb. Die Jungen hielten Schäfer für einen Tyrannen und zertrümmerten das verspiegelte Badezimmer, wo er sie missbraucht hatte. Einige der Alten halten ihn bis heute für den Heiligen Geist, der lediglich eine große Schwäche hatte.

Wer ein paar Tage in der Villa Baviera verbringt, in dieser Siedlung aus etwa 30 Gebäuden, erlebt nicht wenige Bewohner, die unter Ticks wie Kopfwackeln und Sprachstörungen leiden, einer Folge jahrzehntelanger Zwangsmedikation. Sie blicken zunächst misstrauisch, irgendwann aber überkommt sie die Neugier, sie erzählen von ihren Erlebnissen und wollen nicht aufhören. Erzählen, wie sie mit Mitte 40 plötzlich eine Persönlichkeit entwickeln und schwere Entscheidungen wie den Kauf der eigenen Kleidung treffen mussten. Oft fallen die Sätze: "Ich kenne nichts anderes. Ich kann draußen nicht überleben."

Man würde eine ganze Armee von Therapeuten brauchen.

"Kommerz an einem Unrechtsort"

Rund 100 Bewohner leben noch in der Villa Baviera. Früher waren es 300. Sie betreiben Landwirtschaft und eine Bäckerei, sie produzieren 32 000 Eier am Tag und verkaufen ihren bayerischen Lebensstil anno 1950. Vieles mussten sie aufgeben – etwa den Steinbruch und das Krankenhaus. Für ihr gesamtes Land haben sie Hypotheken aufgenommen, können der Bank aber nicht mal die Kreditzinsen zahlen. Jetzt soll sie der Tourismus retten, aber das Hotel ist nur zu 40 Prozent ausgebucht, und das lukrative Oktoberfest findet halt nur einmal im Jahr statt. "Völlig geschmacklos, hier auf Tourismus zu machen", sagt Winfried Hempel. "Kommerz an einem Unrechtsort."

Winfried Hempel

Winfried Hempel kämpft als Anwalt für Wiedergutmachung

Winfried, 38, gilt vielen hier als größter Feind. Er hat die Kolonie mit 20 verlassen – mit Grundschulabschluss. "Ich hatte die Mentalität eines Achtjährigen." Er ging nach Santiago und holte die mittlere Reife nach, machte Abitur, studierte Jura. Jetzt kehrt er einmal im Monat zurück und vertritt als Anwalt 120 Colonos, zumeist ehemalige Bewohner. Er will den chilenischen und den deutschen Staat wegen Verletzung der Amtspflicht verklagen und Entschädigungszahlungen der Kolonie eintreiben. "Wenn sie kein Geld haben, müssen sie eben Land verkaufen."

Winfried trägt als Einziger hier einen Anzug und schwarze Schuhe. Er schreitet selbstbewusst über das Gelände, er genießt die bösen Blicke der Bewohner. Man spürt: Es gibt überall nur Wunden.

Sein Vater, der in der Kolonie geblieben ist, setzt sich zu ihm. Es gibt Bier und Gulasch. Die beiden haben sich angenähert, "ein langer, schwieriger Prozess". 20 Jahre durften sie sich kaum sehen, obwohl sie nur 100 Meter voneinander entfernt wohnten. "Viele von uns wussten nicht mal, wer ihre Geschwister sind. Die Erziehung übernahmen Heimtanten, die Schäfer direkt Bericht erstatteten."

Die Gehirnwäsche geht weiter

"Sehen Sie die kleine Frau dort?", sagt Winfried. "Die spioniert heute noch alle aus. Und sehen Sie den Alten? Ein ganz krasser Täter, nennt sich aber Opfer. In ihren Gebetskreisen setzen sie die Gehirnwäsche fort. Hier leben Täter und Opfer zusammen, wie soll das gut gehen?"

Eine Frau erzählt Besuchern von ihrem Leben in der Colonia Dignidad

Rundgang durch die Geschichte: Eine Frau erzählt Besuchern von ihrem Leben in der Colonia Dignidad


Winfried könnte mit seiner Klage alles zerstören. Er selbst sieht sich als den Mann, der den Opfern zu ihrem Recht verhilft.

Eine chilenische Reisegruppe zieht an ihm vorbei. Einige springen in den neu angelegten Whirlpool, andere ins Schwimmbad, das unter den frommen Bewohnern monatelang für Diskussionen sorgte, weil Menschen dort halb nackt sind. Die Chilenen sprechen mit merkwürdiger Hochachtung von diesem Ort, von den Qualitäten der Deutschen: Sauberkeit und Ordnung. Sie wollen von der Vergangenheit nicht viel wissen. Sie wollen einen Urlaub in der Idylle, in einem Stück Lederhosen-Deutschland.

Nur die Angehörigen der Pinochet-Opfer sehen das anders. Sie protestierten vor dem Tor und schrieben in einem Brief: "Warum macht sich die deutsche Regierung nicht für einen McDonald's in Auschwitz oder Treblinka stark?"

Ihre Wahrheit: Es gab einen Teufel – alle anderen waren Geschädigte

Nur langsam setzt sich die Gemeinschaft mit ihrer Vergangenheit auseinander. Sie baut jetzt einen Kartoffelschuppen zum Museum aus. In einem großen Raum wollen sie die "aufopferungsvolle" Geschichte der Bewohner zeigen. Und in einem kleinen – abgedunkelt – die von Paul Schäfer.

Das ist ihre Wahrheit: Es gab einen Teufel – alle anderen waren Geschädigte. Sie erwähnen nicht, dass mehr als 20 Bewohner aus Schäfers Führungsriege wegen Waffenhandels und Beihilfe zum Kindesmissbrauch im Gefängnis sitzen. Und schon gar nicht, dass diese Riege aus dem Knast heraus noch immer die Geschicke mitbestimmt – über ihre Kinder, die die Gemeinschaft heute anführen.

So sucht jeder seinen eigenen Umgang mit der Vergangenheit der Colonia Dignidad. Die Alten ignorieren sie. Jürgen hat seinen Pragmatismus. Sergio seinen Glauben. Winfried den Kampf.

  Aufnahme von 1988: Das Haupttor der 1300 Quadratkilometer großen Siedlung der deutschen Sekte "Colonia Dignidad" in Parral knapp 400 Kilometer südlich von Santiago in Chile

Aufnahme von 1988: Das Haupttor der 1300 Quadratkilometer großen Siedlung der deutschen Sekte "Colonia Dignidad" in Parral knapp 400 Kilometer südlich von Santiago in Chile

Eduardo Salvo, 35, hat alle diese Varianten versucht. Er leidet immer wieder an Depressionen. Er wagte es, bei der Polizei gegen Schäfer auszupacken, und leitete damit dessen Sturz ein. Er trifft sich zum Gespräch in einem Café der Hauptstadt, ein bescheidener Mann, der offen über sein schwieriges Leben spricht.

Eduardos Großvater, Geheimpolizist unter Pinochet, hatte ihm einst einen Platz in der Colonia Dignidad besorgt. Er kannte Schäfer gut. "Es galt als Ehre, dort Ferienlager zu verbringen. Aber es dauerte nicht lange, da missbrauchte Schäfer auch mich. Schlimmer noch, er machte mich zum Adjutanten und zwang mich, ihm andere Kinder zuzuspielen. Mit dieser Schuld kann ich schwer leben", sagt er, und Tränen steigen ihm dabei in die Augen.

Eduardo glaubt an Karma. Sein Großvater war als Polizist einst an der Erschießung Homosexueller beteiligt. Jetzt zahlt er als Enkel für dessen Sünden. "Das Leben verläuft in Kreisen. Wenn das mein Opa wüsste: Ich bin selber schwul."

Seit einer Entscheidung des Obersten Gerichts über eine Entschädigung der Opfer wartet Eduardo auf die Zahlung: 100.000 Dollar. Aber die Colonia zahle "nicht einen Groschen", sagt er. Er lebt von Sozialhilfe und pflückt als Erntehelfer Himbeeren unweit der Kolonie.

Betreten will er Villa Baviera nie wieder. "Können Sie sich das vorstellen? Ich zahle Eintritt an einem Ort, wo ich gequält und vergewaltigt wurde?"

Diese Reportage ist dem aktuellen stern entnommen

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools