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Tödlicher Erlkönig

Zwei Helfer hatten schon angehalten, als Sven B. von einem Mercedes-Testfahrzeug erfasst wurde und starb. Gegen den Fahrer ermittelt die Staatsanwaltschaft - und die Autokonzerne stehen am Pranger.

Von Malte Arnsperger

Es sind zwei unscheinbare Sätze in der Straßenverkehrsordnung, doch sie sind eindeutig: In Paragraph drei STVO heißt es: "Der Fahrzeugführer darf nur so schnell fahren, dass er sein Fahrzeug ständig beherrscht. Er darf nur so schnell fahren, dass er innerhalb der übersehbaren Strecke halten kann." Wer diese zwei trockenen Sätze nicht beachtet, kann Leben gefährden. Das belegt nun, nach all dem, was man bisher weiß, erneut ein folgenschwerer Unfall auf der Autobahn 81 südlich von Stuttgart. Ein mit hoher Geschwindigkeit fahrender Mercedes-Testfahrer ist am Samstag mit seinem Prototyp auf einen 26-jährigen Mann aufgefahren, der bei dem Zusammenprall starb. Schon in der Vergangenheit hatte es tödliche Unfälle mit den sogenannten Erlkönigen gegeben. Und wieder geraten die Testfahrten der Automobilkonzerne auf öffentlichen Straßen in die Kritik.

Sven B. aus der schwäbischen Kleinstadt Remseck hilft das nicht mehr. Der 26-jährige war in der Nacht zum Samstag mit seinem Mazda auf der A81 unterwegs. Aus noch ungeklärter Ursache war er bei Rottweil von der Fahrbahn abgekommen und gegen die linke Leitplanke geprallt. Er war gerade ausgestiegen, als ihn ein heranrasender Mercedes erfasste. Der Mazda wurde in mehrere Teile gerissen, Sven B. starb noch an der Unfallstelle. Der getarnte Wagen der Mercedes-M-Klasse überschlug sich und landete mehrere hundert Meter weiter auf dem Dach. Der 52-jährige Fahrer wurde schwer verletzt.

Kaum Verkehr auf der A81

Kurz vor dem Unfall hatten zwei Männer auf der rechten Pannenspur gehalten und wollten Sven B. zu Hilfe eilen. Doch sie kamen nicht mehr dazu. Stattdessen mussten sie sich selber in Sicherheit bringen. Einer der beiden, ein 59-Jähriger, konnte gerade noch hinter die Leitplanken hechten. Der andere Mann, ein 27-Jähriger, wurde von umherfliegenden Trümmerteilen verletzt. "Der Erlkönig fuhr wahnsinnig schnell, der Aufprall war heftig", sagte der Augenzeuge der Bild-Zeitung. "Ich hatte gerade meine Warnweste aus dem Kofferraum geholt, als es diesen Knall gab." Wie schnell der Mercedes wirklich war, muss nun ein Gutachten klären. Polizeisprecher Ulrich Effenberger: "Wenn man sich die Unfallsituation anschaut und die Fläche, auf der die Trümmerteile verteilt waren, kann man schon sagen, dass es eine höhere Geschwindigkeit war." Die Autobahn 81 zwischen Stuttgart und Singen bietet Rasern ideale Verhältnisse. Sie schlängelt sich durch die östlichen Ausläufer des Schwarzwaldes in Richtung Bodensee. Außer zur Hauptreisezeit herrscht auf der idyllischen Strecke durch ländliches Gebiet wenig Verkehr. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt esauf der zweispurigen Straße meist nicht. Das wissen natürlich nicht nur Privatleute, die hier gerne mit ihren schnellen Schlitten fahren. Auch die Automobilkonzerne nutzen die Strecke, um ihre neuen Modelle unter "Normalbedingungen" zu testen. "Wir wissen, dass hier immer wieder Testfahrzeuge unterwegs sind", sagt Polizeisprecher Effenberger. "Das dürfen sie auch, solange sie sich an die Verkehrsregeln halten." Und die gelten auch, wenn es keine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt. Denn grundsätzlich ist jeder Verkehrsteilnehmer laut STVO dazu verpflichtet, auf Sicht zufahren. Dieses Gebot hat der Mercedes-Fahrer - nach Angaben von Daimler ein erfahrener Testpilot - offensichtlich missachtet. Deshalb ermittelt nun die Staatsanwaltschaft Rottweil wegen fahrlässiger Tötung gegen ihn. "Wir warten auf das Gutachten. Das wird allerdings einige Tage dauern, denn es gibt zu dem Testfahrzeug natürlich noch keine Erfahrungswerte", sagte ein Behördensprecher.

Diskussion um Verbot von Testfahrten

Doch können solche tödlichen Unfälle vermieden werden? Etwa, indem Testfahrten auf Autobahnen künftig verboten werden? Rainer Hillgärtner, Sprecher des Auto Club Europas, meint ja: "Erlkönige gehören bei Hochgeschwindigkeitsfahrten ausschließlich auf die Teststrecken, nicht in den öffentlichen Verkehr." Sein Kollege Klaus Reindl vom ADAC sieht das ganz anders. "Ein Verbot von Testfahrten? Nein, warum. Die Autobahn kann jeder nutzen, wenn er sich an die die Verkehrsregeln hält", sagte Reindl stern.de. "Es war sicher ein tragischer Unfall. Aber so etwas kann anderen Autofahrern auch passieren. Da tut es nichts zur Sache, ob es ein Testfahrer war oder nicht."

Trotzdem gerät nun insbesondere Daimler in die Schusslinie. Schließlich gibt es schon Forderungen, den Konzern als Fahrzeughalter in Mithaftung zu nehmen. In Stuttgart gibt man sich zerknirscht: "Wir tun alles, um den Unfallhergang aufzuklären. Wir sind sehr betroffen und fühlen mit den Angehörigen", sagte eine Sprecherin. Doch an der öffentlichen Erprobung der Erlkönige will Daimler festhalten und weist auf semantische Unterschiede hin: Der Todesfahrer sei nicht auf einer Test-, sondern auf einer Versuchsfahrt unterwegs gewesen. Testfahrten, so die Sprecherin, fänden auf abgegrenzten Strecken statt. "Bei Versuchsfahrten wird das Auto so gefahren, wie es der Kunde später fährt und erlebt. Diese Fahrten auf öffentlichen Straßen sind notwendig, um bei fast serienreifen Modellen zu überprüfen, wie sie sich in realen Bedingungen verhalten."

Mehrere tödliche Unfälle mit Testautos

Jeden Tag sind in Deutschland Testfahrer mit den neuesten Modellen auf der Straße. Und immer wieder sind auch Mercedes-Fahrer in tödliche Unfälle verwickelt. Im Winter 2005 hatte ein Mercedes-Testfahrer in Schweden eine 44-Jährige überfahren. Im Juli 2003 war "Turbo-Rolf" Rolf F. bei Karlsruhe mit seinem über 400 PS-starken Mercedes mit Tempo 250 auf einen Kia aufgefahren. Die Fahrerin, eine 21-jährige Mutter, hatte wohl vor lauter Schreck das Steuer verrissen, sie und ihre zweijährige Tochter starben. Testfahrer Rolf F. war zunächst zu 18 Monate ohne Bewährung verurteilt worden, später wurde das Strafmaß auf zwölf Monate mit Bewährung herabgesetzt.

Nun fordert Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) strengere Maßstäbe für Werksfahrer. "Testpiloten sind Berufsautofahrer", sagte er der Bild-Zeitung. "Sie dürfen sich nicht wie Rambos benehmen, sondern müssen sich noch vorbildlicher als alle anderen an die Verkehrsregeln halten. Deutsche Straßen sind nicht der Nürburgring. Ich appelliere an die Autokonzerne, für Testfahrer einen besonderen Verhaltenskodex mit strengen Regeln zu erlassen."

Bei Daimler gibt es einen solchen Kodex, den jeder Testfahrer unterschreiben muss, sagt die Sprecherin. Unter anderem werde darin eine "grundsätzlich defensive" Fahrweise festgelegt. Und: "Die Fahrer sollen ruhig, besonnen und vorrauschauend fahren."

Doch eigentlich reicht auch der Blick in die Straßenverkehrsordnung. Denn schon im allerersten Paragrafen steht unter der Überschrift "Grundregeln": "Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht. Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird."

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