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Warum man von der Deutschen Bahn so aus dem Zug geworfen wird ...

Die Deutsche Bahn und ihre Toleranz: Darf ein Passagier, der blind ist, ein Ticket erst im Zug buchen? Und darf eine Klasse ohne abgestempelte Fahrkarte reisen? Nein, meint die Bahn. Und schmeißt die Fahrgäste dann gerne mal raus.

Von Kerstin Herrnkind

Die Deutsche Bahn kennt für blinde Passagiere, die ohne Ticket in der ersten Klasse reisen, kein Verständnis

Die Deutsche Bahn kennt für blinde Passagiere, die ohne Ticket in der ersten Klasse reisen, kein Verständnis

Es geschah ein paar Tage vor Weihnachten. Papst Franziskus mahnte zur "Barmherzigkeit". Die Evangelische Kirche zu "Freundlichkeit und Menschenliebe". Der Regionalexpress von Hamburg nach Lübeck war, wie immer nach Feierabend, rappelvoll. Die Fahrgäste saßen auf den Treppen, standen dicht gedrängt in den Gängen. Nur in der ersten Klasse war noch Platz. Jan Meyn* war froh, hier noch einen Sitz ergattert zu haben. Der 45-Jährige ist seit seiner Kindheit blind.

Die Zugbegleiterin kam, wollte die Fahrkarten sehen. "Und, junger Mann, was ist mit Ihnen?", fragte sie Meyn in scharfem Ton. Als Schwerbehinderter gewährt ihm die Deutsche Bahn freie Fahrt im Nahverkehr. Allerdings nur in der zweiten Klasse. Dort aber waren die Plätze für Schwerbehinderte allesamt besetzt. Meyn bat darum, bleiben zu dürfen, weil es doch so voll sei. Als Antwort hielt die Zugbegleiterin ihm eine Standpauke. Sie habe ihn schon des Öfteren ohne Fahrschein in der ersten Klasse erwischt. "So geht das nicht, junger Mann", schimpfte sie und klang, als würde sie einen unmündigen Teenager zurechtweisen. 

Nur ein paar Tage später, kurz vor Silvester, schmiss ein Zugbegleiter einen Lehrer bei Augsburg aus dem Zug. Sein Vergehen: Er hatte die Toilette der ersten Klasse benutzt, weil die in der zweiten außer Betrieb war. Anschließend hatte er sich eine Zeitung von den Freiexemplaren genommen, die nur für Erste-Klasse-Gäste reserviert sind. Das sei "Diebstahl" und "ein Fall für die Polizei", musste sich der Lehrer anhören. Dass er sich entschuldigte und die Zeitung zurücksteckte, stimmte den Zugbegleiter nicht gnädig. Er holte eine Polizistin, die im Zug saß, und warf den Mann raus.

Bei Polizisten drückt die Deutsche Bahn ein Auge zu

20.000 Zugbegleiter arbeiten für die Deutsche Bahn, sind täglich für 5,5 Millionen Fahrgäste da. Sicher machen die meisten einen guten Job. Trotzdem sorgen immer wieder Mitarbeiter für Schlagzeilen, weil sie zu hartherzig sind. Im September komplimentierte eine Bahnmitarbeiterin eine stillende Mutter aus dem Bordbistro: "Das muss jetzt nicht auch noch sein." In Brandenburg setzte ein Schaffner eine Mutter samt Baby vor die Tür, während draußen ein Orkan tobte. Ihr Kinderwagen hatte im Weg gestanden. Und in Bielefeld warf eine Zugbegleiterin gleich eine ganze Schulklasse aus dem Regionalexpress. Die Lehrerin hatte vergessen, das Gruppenticket abzustempeln.

Nur bei Polizeibeamten, die in der ersten Klasse sitzen, obwohl sie in Uniform nur in zweiter Klasse umsonst fahren dürfen, drücken Zugbegleiter zum Ärger von Fahrgastverbänden gern ein Auge zu. Grund: Sie rufen die Ordnungshüter gern zu Hilfe, wenn es Ärger mit Fahrgästen gibt. So wie bei dem Lehrer, der auf dem falschen Örtchen gesessen und die Zeitung gemopst hatte. Die Bahn hat sich inzwischen bei ihm entschuldigt. Das Verhalten des Zugbegleiters würde dem "Verständnis von Kundenorientierung" widersprechen. Nun winkt ihm ein Reisegutschein. 

Welche Rechte haben behinderte Passagiere?

Damit kann der blinde Passagier Jan Meyn nicht rechnen. "Die Zugbegleiterin hat korrekt gehandelt", erklärt ein Bahnsprecher. Die Mitarbeiterin habe den Fahrgast schon häufiger in der ersten Klasse sitzen sehen und aus "Kulanz" immer darüber hinweggesehen, dass er keinen Fahrschein hatte. "Wenn die Kollegin nun nach wiederholten Hinweisen die Regeln durchsetzen wollte, möchte ich dies nicht kritisieren." Peter Brass, Präsidiumsmitglied des Deutschen Sehbehinderten und Blindenverbandes, findet das ein bisschen zu streng. "Grundsätzlich ist es richtig, dass man als Blinder nur einen Anspruch auf einen Platz in der zweiten Klasse hat. Aber gerade die Regionalzüge sind oft so voll, dass man sich als blinder Fahrgast nicht allein durch die Menschenmenge wühlen kann. Die Züge sind auch nicht wirklich barrierefrei, so dass man die Plätze für behinderte Menschen problemlos finden könnte."

Blinde hätten ohnehin das Recht Fahrkarten im Zug nachzulösen, weil sie die Automaten nicht bedienen könnten, glaubt Brass und verweist auf eine EU-Verordnung "über die Rechte und Pflichten der Fahrgäste im Eisenbahnverkehr". Tatsächlich steht dort: "Personen mit Behinderungen und Personen mit eingeschränkter Mobilität sollten die Möglichkeit haben, Fahrkarten im Zug ohne Aufpreis zu kaufen". Hätte der blinde Passagier das Ticket für die erste Klasse nicht einfach nachlösen können?

Kein Recht auf Erste-Klasse-Fahrten

Nein, sagt die Bahn, das ginge nicht. Der Passus in der EU-Verordnung sei nur eine "Forderung", aber kein geltendes Recht. "Wo an Bord eines Zuges keine Fahrkarten verkauft werden, muss auch ein blinder Fahrgast sein Ticket vorher kaufen." Und das sei im Nahverkehr nun mal der Fall. "Natürlich ist es für sehbehinderte und blinde Fahrgäste schwieriger, ein Ticket zu erwerben", räumt die Bahn ein. Aber: "Bei allem Respekt kann daraus aber doch nicht das Recht abgeleitet werden, ohne Ticket die erste Klasse zu benutzen."

Peter Brass hält das für kleinlich. "Bei vollen Zügen sollte das Zugpersonal kulant sein und den blinden Fahrgast in der ersten Klasse sitzen lassen oder ihm bei der Suche nach einem Platz in der zweiten Klasse behilflich sein", schlägt er vor. 

Kein Entgegenkommen für notorischen Erste-Klasse-Schwarzfahrer

"Natürlich hätte die Kundenbetreuerin dem blinden Fahrgast anbieten können, ihn in die zweite Klasse zu einem der dort für Behinderte reservierten Sitzplätze zu führen", gibt die Bahn zu. Allerdings sei Jan Meyn schon so häufig in der ersten Klasse erwischt worden, dass die Zugbegleiter dahinter Absicht vermuteten. Mit anderen Worten: Die Bahn hält den blinden Mann für einen notorischen Erste-Klasse-Schwarzfahrer. 

Jan Meyn bestreitet gar nicht, oft in der ersten Klasse zu sitzen. "Ich bin immer froh, wenn ich im Gedränge überhaupt einen Sitzplatz finde", sagt er. "In der zweiten Klasse ist es aber meistens voll, die Plätze für Behinderte sind besetzt. Und ich mag die Leute nicht aufscheuchen." Gerne würde er ein Ticket für die erste Klasse nachlösen. Oder sich in die zweite Klasse führen lassen, sagt er. "Aber das hat mir bisher noch kaum einer angeboten." Die meisten Zugbegleiter seien auch nett und ließen ihn sitzen. Über den Ton der Zugbegleiterin habe er sich neulich "schon sehr geärgert".

WLAN statt Freundlichkeit

Immerhin dafür entschuldigt sich die Bahn nun doch. "Sollte die Zugbegleiterin den falschen Ton getroffen haben, bitten wir den Reisenden um Entschuldigung". Übrigens: Der Papst hat 2016 zum Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen. Und die Bahn hat vor wenigen Tagen ihr Konzept "Zukunft Bahn vorgestellt". Sie will kundenfreundlicher werden. Was das für sie heißt? Mehr Pünktlichkeit, mehr WLAN in die Züge. Und saubere Bahnhöfe.


*) Name von der Redaktion geändert  


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