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Kansai - gelobtes Land im Süden

Strahlung und Furcht vor Massenpanik verleiten viele Menschen aus Tokio zur Flucht in den Süden, vor allem Ausländer. In Osaka, Kyoto oder Kobe ist es, als gäbe es kein Fukushima. Von Mareike Dornhege, Kyoto

Von Mareike Dornhege, Kyoto

  Das Ballungsgebiet Kansai im Süden Japans: Hierher flüchten immer mehr Menschen aus dem von der Atomkatastrophe bedrohten Norden

Das Ballungsgebiet Kansai im Süden Japans: Hierher flüchten immer mehr Menschen aus dem von der Atomkatastrophe bedrohten Norden

Sie sind derzeit die gelobten Städte für viele Japaner - und vor allem für Ausländer: Osaka, Kyoto und Kobe. Im Süden des Landes gelegen und damit immerhin 700 Kilometer vom AKW Fukushima enfernt, bilden sie den zweitgrößten Ballungsraum in Japan. Immer mehr Menschen flüchten vor der Strahlen-Bedrohung in die Region.

Die drei Städte sind als Kansai bekannt, und das Leben dort läuft derzeit, als wäre im Norden nichts gewesen: Die Züge verkehren regelmäßig, die Gegend ist von Erdbeben verschont, die Straßen pulsieren mit Leben. Auch von Lebensmittel- oder Benzinknappheit ist nichts zu spüren. "Als ich ankam, war ich sofort entspannter", berichtet eine Deutsche, die gestern den Schnellzug Shinkansen von Tokio nach Kyoto nahm. "Die immer wiederkehrenden Erdbeben und die Möglichkeit, dass jeder Zeit die Züge wieder ausfallen könnten, haben mich am Ende wahnsinnig und klaustrophobisch gemacht. Ich hatte Angst, den Zeitpunkt zu verpassen, zu dem ich Tokio überhaupt noch verlassen kann."

"Flüchtlinge" riskieren einiges

In den Hotels und Hostels haben sich viele "Expats", ausländische Angestellte, aus Tokio eingefunden. Japaner, die es aus Tokio hierhin verschlagen hat, sieht man nicht. "Als ich in meiner Firma bekannt gab, für eine Woche nach Osaka zu fahren, fragten mich meine japanischen Kollegen, ob ich eine Geschäftsreise unternehmen werde", berichtet ein Amerikaner aus New York, der in Tokio bei einer internationalen Firma arbeitet. "In meiner Firma sind viele Europäer angestellt. Alle italienischen Angestellten sind bereits nach Italien zurückgekehrt, die Franzosen sind in Japan geblieben, aber entweder nach Osaka oder Fukuoka gegangen."

Wie es jetzt in Kansai weitergehen soll, wissen die meisten allerdings nicht. "Ich überlege, ob ich morgen woanders hinfliegen sollte, eventuell nach Bangkok oder Hongkong. Dort sind schon Freunde von mir. Es gibt noch genügend Flüge, aber die Preise sind unglaublich hoch", berichtet ein amerikanischer Englischlehrer, den es auch aus Tokio vorübergehend hierhin verschlagen hat. Teilweise riskieren die "Flüchtlinge" einiges. "Meine Firma war nicht begeistert, als ich angekündigt habe, dass ich diese Woche nicht zur Arbeit komme", berichtet die Deutsche, die in Tokio bei einer Werbeagentur arbeitet. "Wenn ich nächste Woche nicht wieder da wäre, und die Umstände hätten sich nicht verschlimmert, riskiere ich meinen Job und mein Arbeitsvisum. Solange es nicht zu einer atomaren Katastrophe in Tokio kommt, kann ich meinen Job und meine Wohnung nicht einfach aufgeben."

Sorge um die Angehörigen

Viele sind hin- und hergerissen - sich einerseits in Sicherheit bringen zu wollen, andererseits fühlen sie sich ihrer Arbeit verpflichtet und wollen Partner oder Familie nicht in Tokio zurücklassen. Viele treibt die Sorge um ihre Lebenspartner um. Eine seit Jahren in Tokio lebende Polin, die mit einem Japaner verheiratet ist, berichtet den Tränen nahe, dass sie den letzten Shinkansen von Osaka genommen habe. "Danach fuhren keine mehr wegen des Stromausfalls." Ihr Mann sei aber erst nach der Strahlenwarnung am Mittag von seiner Arbeit entlassen worden. "Ich weiß nicht, ob er es heute noch hierhin schafft." Eine amerikanische Studentin berichtet ebenfalls, dass sie nach dem erneuten Beben ihren Koffer gepackt hat, um nach Kyoto zu fahren. "Mein Freund kann aber erst Freitag nachkommen, bis dahin muß er noch in Tokio arbeiten. Ich mache mir Sorgen, wer weiß, was bis Freitag alles passiert."

Die lokale Bevölkerung in Kansai ist besorgt, fühlt sich aber sicher. "Ich habe das große Erdbeben in Kobe unverletzt überlebt. Ich mache mir keine Sorgen, wir werden das auch schaffen", sagt ein Hotelangestellter aus Kobe. Und dass sie sich vor der Strahlung hier sicher fühlen und keine Pläne haben, Kansai zu verlassen, bekräftigen die Japaner einstimmig. Die ausländischen Nuklearflüchtlinge hoffen still, dass sie recht behalten werden. Die meisten haben aber schon mal vorsichtshalber nach Flugtickets geschaut. Die letzten "echten" Touristen verabschieden sich gerade aus dem Hotel: Das italienische Pärchen ist enttäuscht: "Wir haben noch gar nichts von Japan gesehen."

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