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Im Epizentrum der Not

Hilfsgüter unter Haitis notleidender Bevölkerung zu verteilen, ist ein harter Job: Denn wer alles verloren hat, ist zu allem bereit, um auch nur ein bisschen zu bekommen. Zu Besuch bei UN-Soldaten in einem fast vergessenen Provinzstädtchen.

Von Cecibel Romero, Leogane

Um die Mittagszeit fahren drei weiße Lastwagen der Vereinten Nationen in der Provinzstadt Leogane ein. Die Fünf Männer pro Auto tragen olivgrüne Uniformen und schusssichere Westen, in den Händen halten sie Sturmgewehre, auf den Köpfen sitzen blaue Stahlhelme. Die UN-Soldaten sind angespannt. Auf den ersten Blick wirkt es, als gehörten sie zu einem Aufklärungstrupp in einer Stadt, die soeben mit einem Flächenbombardement zerstört wurde. 90 Prozent aller Häuser sind zerstört, einst solide Betongebäude genauso wie Wohnungen aus Holz. Es gibt kein Rathaus mehr, keine Kirche und auch keine Polizeistation.

Drei Stunden Fahrtzeit für zehn Kilometer

Leogane ist gerade einmal zehn Kilometer entfernt vom Epizentrum des Bebens vom 12. Januar. Es liegt nahe bei Port-au-Prince, auf der Straße sind es nur gut 20 Kilometer. In den ersten Tagen nach der Katastrophe war dies zu weit. Das Städtchen lag abseits der Aufmerksamkeit. Die anlaufende Hilfe konzentrierte sich ganz auf die Hauptstadt. Drei Stunden brauchen die Lastwagen für die kurze Strecke vom Flughafen bis hier her. Die Straße besteht mehr aus Schlaglöchern als aus Asphalt und zunächst muss sich der kleine Konvoi durch den inzwischen wieder chaotisch dichten Verkehr von Port-au-Prince kämpfen. Am Wegesrand stehen hunderte von Menschen, die um Lebensmittel betteln. Sie halten den Fahrern der Lastwagen Pappschilder in allen Sprachen entgegen: "We need help!". Aber auch auf deutsch: "Wir brauchen Hilfe!"

Der zentrale Platz von Leogane wurde zur provisorischen Notunterkunft für hunderte Überlebende umfunktioniert. Die Sonne brennt unbarmherzig und trocknet die dürstenden Menschen aus. Nicht nur die Ortsansässigen haben sich hier versammelt. Es sind auch Erdbebenopfer aus den zerstörten Dörfern der Umgebung gekommen. Alle hoffen, etwas von der Hilfslieferung von Caritas International abzubekommen. Die Lastwagen bringen 3000 Kanister mit Wasser, 1100 Decken, 1000 Schachteln mit Tabletten zur Aufbereitung von Wasser und chirurgische Grundausstattungen, mit deren Hilfe in den nächsten drei Monaten 5000 Menschen behandelt werden können.

US-Armee blockiert Hilfslieferung

Die Ladung ist die Hälfte einer Hilfslieferung, die am Mittwoch aus Deutschland auf dem Flughafen von Port-au-Prince angekommen ist. Sie sollte eigentlich viel früher da sein. Doch die US-Armee, die die Kontrolle über die Piste übernommen hat, gab vorher keine Landeerlaubnis. Die andere Hälfte der Ladung bringt die Diakonie Katastrophenhilfe nach Jacmel, einer Stadt rund hundert Kilometer südwestlich der Hauptstadt, ganz im Süden des Landes. Jacmel wurde vor nicht einmal zwei Jahren von vier aufeinanderfolgenden Wirbelstürmen zerstört. Das Wichtigste war gerade aufgebaut. Jetzt haben die Bewohner wieder alles verloren: ihre Häuser, die Schulen, das einzige Krankenhaus in der Umgebung. "Wir gehen dort hin, weil diesen Menschen sonst gar niemand hilft", sagt Astrid Nissen, die Leiterin des Büros der Diakonie Katastrophenhilfe in Haiti.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Nur mit Mühe können die UN-Soldaten das Chaos verhindern. Und das schlimmste steht noch aus, wenn am nächsten Tag die Lebensmittel kommen

Sie drücken und schreien

Der argentinische Oberleutnant Leonardo Cicarello ist der Chef des UN-Konvois nach Leogane. Er steigt aus und sondiert die Lage. Er braucht einen Platz, an dem er die Sicherheit der deutschen Helfer und ihrer haitianischen Mitarbeiter garantieren kann. Er entscheidet sich für den Hof des Gebäudes, das vor dem Erdbeben das Rathaus war. Ohne dass sie dazu aufgefordert worden wären, stellen sich die Menschen auf dem Platz schnell in eine Schlange auf einer Seite des Hofes. Sie drücken und schreien, die Helfer sollten sich beeilen.

Doch die Schlange hat sich vor dem falschen Eingang gebildet. Die Militärs entscheiden sich für eine Tür im stehen gebliebenen Teil der Umfassung. Die lässt sich von zwei Männern in Uniform blockieren. Zwischen ihnen kann sich immer nur ein Hilfesuchender durchquetschen. So kann das Chaos wenigstens einigermaßen unter Kontrolle gehalten werden. Doch es ist nicht leicht. An einer anderen Stelle ist die Mauer des Hofs eingestürzt. Es erfordert die ganze Kraft der Soldaten, die dort andrängende Menge zurückzuhalten. "Kannst du den Leuten erklären, dass sie ruhig bleiben sollen, dass jeder etwas bekommen wird?" fragt Cicarello einen haitianischen Helfer. Der tut sein Bestes, aber er kann sich kein Gehör verschaffen. Der Konvoi hat es versäumt, ein Megafon mitzunehmen.

Die Stärksten drängen sich nach vorn

Als die Hilfsgüterverteilung endlich beginnt, löst sich die Schlange sofort in ein drängendes Knäuel auf. Die ersten, die sich hereinquetschen, sind die stärksten Männer. Sie bekommen nichts. Oberleutnant Cicarello lässt sie von seinen Soldaten sofort wieder hinauswerfen. Er will klar machen: Zuerst sind die Frauen an der Reihe. Viele Männer draußen suchen resigniert nach einem Fleckchen Schatten. Joseph Carlo, 28, ist einer von ihnen. "Ich habe seit drei Tagen nichts mehr gegessen", sagt er. "Ich habe furchtbaren Hunger." Beim Erdbeben hat er seine fünfjährige Tochter und seine Eltern verloren. Vorher arbeitete er als Mechaniker in einer Werkstatt, die es heute nicht mehr gibt. Was er nun tun wird? "Keine Ahnung", sagt er und schüttelt den Kopf. Seine Augen füllen sich mit Tränen.

Die Frauen, die nun eine nach der anderen eingelassen werden, wirken erschöpft. Sie atmen schwer, doch sie lachen befreit und ordnen ihre im Gedränge aus der Form geratenen Kleider. Gleich wird es etwas geben. Jede bekommt zwei Kanister mit Wasser, 50 Tabletten zur Wasseraufbereitung, eine Decke, eine Plastikplane und ein Stück starken Faden, um sie irgendwo festmachen zu können. Der Druck von draußen lässt jetzt nach. Nur noch ab und zu schreien die Soldaten: "Zurück!" Manche Frauen werfen den Uniformierten Handküsschen zu und versuchen so, sich schneller Zutritt zum Hof mit den Hilfsgütern zu verschaffen.

"Morgen wird es schlimmer, dann gibt es Lebensmittel"

Drei Stunden dauert die Verteilung. Am Ende versagt Oberleutnant Cicarello die Stimme. Er ist erleichtert, dass alles ohne Gewalt von statten ging. "Es ist normal, dass die Menschen ungeduldig sind", sagt er. "Sie haben alles verloren und sind bereit, alles zu tun, um auch nur ein bisschen zu bekommen." Auf dem Rückweg denkt ein Caritas-Mitarbeiter schon an den nächsten Tag: "Morgen wird es schlimmer", sagt er. "Morgen verteilen wir Lebensmittel."

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