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Die Bundesregierung tut, was sie kann. Aber das reicht nicht

Viele Staaten haben ihre Mittel für Hilfsorganisationen gekürzt. Würden weniger Asylbewerber nach Europa kommen, wenn mehr Geld für ihre Versorgung vor Ort vorhanden wäre? Fünf Fragen an Ralf Südhoff vom Welternährungsprogramm.

Flüchtlinge Jordanien Nahrung

Etwas Gemüse für syrische Flüchtlinge in Jordanien: Unsicherheit ist für viele ein Grund, sich auf den Weg nach Europa zu machen

Herr Südhoff, internationale Hilfsorganisationen wie das Welternährungsprogramm (WFP) klagen schon länger darüber, dass sie immer weniger Mittel zur Verfügung haben. Einige Experten behaupten sogar: Wäre das WFP in der Lage, die Flüchtlinge vor Ort besser zu versorgen, würden sich nicht so viele Menschen auf den Weg nach Europa machen. Teilen Sie die Ansicht?

Diesen Zusammenhang kann man sehen, auch wenn es natürlich nur bedingt seriöse Studien dazu gibt. Fakt ist: Wir und andere Organisationen, etwa der UNHCR, mussten unsere Unterstützung ab Januar 2015 deutlich kürzen. Im Libanon zum Beispiel hatten wir statt 27 Dollar, die dort jeder Flüchtling mindestens zum Überleben braucht und wir über Geldkarten auszahlen, ab Sommer nur noch die Hälfte zur Verfügung. Und im August, September dann brach sich die Flüchtlingswelle Bahn.

Ralf Südhoff

Ralf Südhoff ist Leiter des World Food Programmes im deutschsprachigen Raum. Die UN-Organisation versorgt weltweit notleidende Menschen mit Nahrungsmitteln - etwa Opfer von Naturkatastrophen, Flüchtlinge und Einwohner von Regionen mit dauerhaft schlechter Lebensmittelversorgung


Deutschland ist einer der großen Geldgeber des WFP. Ist die Flüchtlingskrise, die die Bundesregierung derzeit stark unter Druck setzt, hausgemacht?

So einfach ist es nicht, Deutschland kann dies nicht allein finanzieren. Wir reden von mehr als zehn Millionen Vertriebenen in Not und wohin Menschen flüchten, hängt von vielen Faktoren ab. Aber ich bleibe einmal beim Beispiel des Libanon: Wegen der Budgetkürzungen konnten wir die Flüchtlinge nicht mehr ausreichend versorgen. Das Land reagierte darauf mit weitgehender Schließung der Grenzen. Ab dem Moment war der Libanon für Syrer nur noch ein Transitland. Häufige Folge: Weil die Menschen dort nicht bleiben konnten, gingen sie lieber gleich nach Europa. Den gleichen Eindruck haben wir auch aus Umfragen unter Flüchtlingen in Jordanien bekommen.

Sind die Geberländer, vor allem die europäischen Staaten, denn großzügiger geworden in letzter Zeit?

Viele Staaten haben ab September tatsächlich mehr Mittel zur Verfügung gestellt. In Jordanien und im Libanon konnten wir die Unterstützung der Bedürftigen deshalb von rund 50 Prozent auf 80 Prozent erhöhen. Das verdanken wir unter anderem den schnellen Zuwendungen auch aus Deutschland. Die Bundesregierung hat beispielsweise kurz vor Budgetschluss ein Sonderpaket in Höhe von 65 Millionen Euro bewilligt, das komplett an uns ging. Mit diesen Mitteln können wir bis März unsere Hilfen aufrechterhalten - zumindest zu 80 Prozent des Mindestbedarfs. Für 100 Prozent allerdings reichen die internationalen Spenden nicht.

Aus ihrer Sicht macht die Bundesregierung also einen guten Job?

Ja, Deutschland ist nach den USA mittlerweile unser zweitgrößter Geldgeber in der Syrienkrise. Zudem hat die Bundesregierung uns schon Ende letzten Jahres klare Zusagen gemacht, dass wir mit Mitteln in mindestens der gleichen Höhe dieses Jahr planen können. Das ist ganz entscheidend, denn dadurch wird die Hilfe planbarer, günstiger und wir können den Flüchtlingen nicht erst am Monatsende sagen, ob sie am nächsten 1. überhaupt noch Geld bekommen. Diese Unsicherheit ist für viele einer der wichtigsten Gründe, sich auf den Weg nach Europa zu machen. Zumal immer weniger absehbar ist, ob und wann sich die Situation in Syrien zum Besseren wendet.

Der Bürgerkrieg dort tobt seit 2011, doch wirklich reagiert hat die Bundesregierung erst Mitte 2015. Hat sie nicht schlicht ein absehbares Problem verschlafen oder zumindest unterschätzt?

Die Bundesregierung hat uns auch in den Jahren zuvor unterstützt, dies allein reichte nur leider nicht, weil viele ölreiche Staaten etwa aus der Region sich kaum engagierten. Heute trommeln deshalb Angela Merkel und ihre Minister weltweit dafür, allen Hilfsorganisationen die nötigen Mittel für die Hilfe vor Ort zur Verfügung zu stellen. Die Bundeskanzlerin wird als Gastgeberin einer großen Syrien-Konferenz in London Anfang Februar deshalb dafür werben, die Hilfen von allen Seiten auszubauen, was ein ganz wichtiger Schritt wäre, um das Problem auch vor Ort in den Griff zu bekommen.

Interview: Niels Kruse
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