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"Ich verabschiede mich. Lebe wohl"

Ein zyprischer Ferienflieger mit 121 Menschen an Bord ist bei Athen abgestürzt - offenbar nach einer Ohnmacht der Piloten. Während der "Todesschleifen" am Himmel müssen sich im Flugzeug dramatische Szenen abgespielt haben.

Eine zyprische Chartermaschine ist am Sonntagmittag eineinhalb Stunden lang mit 121 bewusstlosen Insassen an Bord führerlos über Athen gekreist, dann in die Tiefe gestürzt und am Boden nahe dem Dorf Grammatikó zerschellt. Das Unglück hat keiner überlebt, mindestens acht Kinder waren an Bord. Wie griechische Medien übereinstimmend berichteten, waren während des Fluges HCY 522 von Larnaca über Athen nach Prag die Klimaanlage ausgefallen und der Sauerstoff ausgegangen. Es seien giftige Gase ins Flugzeug gelangt und die Piloten bewusstlos geworden. Nachdem der Treibstoff verbraucht war, stürzte die Boeing 737-300 der Gesellschaft Helios-Airways in eine felsige Hügellandschaft rund 10 Kilometer nordöstlich des Athener Flughafens.

Bilder von verstümmelten und verkohlten Leichen

Löschhubschrauber kreisten über der qualmenden Absturzstelle, um ausgebrochene Brände zu bekämpfen. Das griechische Fernsehen zeigte Bilder von verstümmelten und verkohlten Leichen. "Ich bin schockiert. Es ist tragisch", sagte ein Priester, der unter den ersten Augenzeugen war, die die zerstreuten Wrackteile erreichten. Auch der Bürgermeister von Grammatiko, Georgios Papageorgiou, meldete sich von der Unfallstelle. "Überall sind Trümmer, der Rumpf ist total zerstört", sagte er. "Das Flugzeugwrack stürzte in eine Schlucht. Nur das Heck ist noch zu erkennen." Ein Augenzeuge, der in der Region ein Ferienlager betreibt, sagte Journalisten, er habe das Flugzeug am Himmel gesehen, das ihm auch wegen der Kampfjet-Eskorte aufgefallen sei. "Zwei, drei Minuten später habe ich einen lauten Krach gehört."

Unterdessen erklärte der Sprecher des zyprischen Präsidenten Tassos Papadopoulos, Marios Karojan: "Bei allen uns vorliegenden Fakten handelt es sich nicht um einen Terroranschlag." In den Flughäfen von Athen und Nikosia wurden Krisenstäbe eingerichtet. Psychologen versuchten, Verwandte der Opfer zu unterstützen. Griechenlands Ministerpräsident Kostas Karamanlis unterbrach seinen Urlaub und kehrte nach Athen zurück.

Im Flugzeug hätten sich vor dem Absturz dramatische Szenen abgespielt, berichteten griechische und zyprische Medien. Einige der Passagiere - die meisten griechisch-zyprische Touristen - konnten per Handy-Kurzmitteilung ihren Verwandten schreiben, dass sie erfrieren. "Cousine, wir erfrieren. Ich verabschiede mich. Lebe wohl", habe ein Reisender geschrieben, berichtete das Fernsehen. "Der Pilot ist blau im Gesicht. Wir kriegen keine Luft", hielt ein anderer fest.

Der Albtraum der 115 Passagiere und 6 Besatzungsmitglieder dauerte offenbar lange: Der Pilot, der nach zunächst nicht bestätigten Informationen aus Deutschland stammte, habe gegen 10.30 Uhr Ortszeit nur kurz melden können, er habe Probleme mit der Klimaanlage. Danach brach der Funkkontakt ab. Die Maschine flog über der Ägäis rechtsdrehend in einer Art Dreieck.

Anfangs Entführung vermutet

Das alarmierte die Flugsicherung, die anfangs eine Entführung vermutete. Zwei F-16-Kampfjets der griechischen Luftwaffe wurden von Kreta zu dem Flugzeug gesandt, um Sichtkontakt zu den Piloten aufzunehmen. Die Militärflieger stellten fest, dass der eine Pilot nicht zu sehen und der andere ohnmächtig war. Eine dritte Person im Cockpit hatte eine Sauerstoffmaske aufgesetzt. Niemand sei in der Lage gewesen, mit den F-16-Piloten zu kommunizieren. "Es gab kein Lebenszeichen", meldete ein Pilot. Die Insassen des Charterfliegers hatten offenbar das Bewusstsein verloren. Die Maschine flog führungslos in der Luft. Über einen Notruf aus dem Cockpit wurde nichts bekannt. Als der Treibstoff ausging, zerschellte der Flieger um 12.03 Uhr Ortszeit (11.03 MESZ), teilte die Flugsicherung in Athen mit.

Die Boeing war nach Berichten des griechischen und des zyprischen Fernsehens "bekannt für ähnliche Probleme." Vor wenigen Monaten, am 18. Dezember 2004, hatte es auf dem Flug von Warschau nach Larnaka ein ähnliches Problem gegeben. Es verlief glimpflich. Wie die zyprische Presse damals berichtet hatte, seien die Menschen "wie betäubt" aus dem Flieger herausgekommen. Auch vor dem Abflug am Sonntag sei in Larnaka ein Problem mit der Klimaanlage repariert worden, berichtete das zyprische Fernsehen. Das abgestürzte Flugzeug soll zudem zwei Mal in den vergangenen Monaten Probleme mit der Klimaanlage und mit dem Luftdruck-Ausgleichssystem gehabt haben. Endgültige Erkenntnisse zur Absturzursache werden von der Auswertung der Flugschreiber erwartet. Sie wurden wenige Stunden nach der Katastrophe gefunden, wie das staatliche griechische Fernsehen berichtete.

"Sonderbare" Hinweise

Experten sagten, die vorliegenden Hinweise seien sonderbar. Es seien zwar Fälle bekannt, in denen beiden Piloten das Bewusstsein verloren hätten. "Dass es bei einem großen Flugzeug wie einer Boeing 737 mit ihren ganzen Reservesystemen passiert, erscheint doch sehr außergewöhnlich", sagte Kieran Daly von Air Transport Intelligence. Vermutlich würden die Ermittlungen schwierig werden.

Eine komplizierte Klimaanlage regelt im Flugzeug während des Fluges Luftdruck und Temperatur in der Kabine. Moderne Passagierflugzeuge sind im Reiseflug in einer Höhe von 10 bis 13 Kilometern unterwegs. Der Druck in der Kabine entspricht dann aber nur einer Höhe von etwa 2 Kilometern. Dazu wird verdichtete Luft aus den Triebwerken abgezweigt und nach entsprechender Klimatisierung in die Kabine geleitet. In einer Höhe von 10 bis 13 Kilometern droht einem Menschen ohne zusätzliche Sauerstoffversorgung nach wenigen Sekunden Bewusstlosigkeit und Tod. Deshalb sind Flugzeuge für Notfälle mit Sauerstoffmasken für Piloten und Passagiere ausgerüstet. Sie sollen bei einem Druckabfall die Menschen an Bord so lange mit Sauerstoff versorgen, bis eine niedrige Flughöhe erreicht ist.

Tumulte zwischen Angehörigen und Helios-Vertretern

Nach dem Absturz ist es zu Tumulten zwischen Verwandten und Vertretern der Luftfahrtgesellschaft gekommen. Zahlreiche aufgebrachte Angehörige der Opfer riefen den Helios-Vertretern am Flughafen von Larnaka Vorwürfe zu wie: "Mörder, Ihr habt eine defekte Maschine fliegen lassen." Das berichtete das Fernsehen. Andere Verwandte versuchten nach zyprischen TV-Angaben, die Landebahn zu stürmen, um weitere Abflüge von Maschinen der Gesellschaft zu verhindern. Die zyprische Polizei griff ein, um Schlimmeres zu verhindern. Es gab zudem Berichte im griechischen Fernsehen, wonach Techniker von Helios angeblich gekündigt worden waren, weil sie sich weigerten, ein Flugtauglichkeitsdokument dieser Maschine zu unterschreiben. Eine Helios-Sprecherin sagte in Larnaca: "Wir haben keine Information über irgendwelche Probleme mit der Klimaanlage. Dieses Flugzeug wurde normal gewartet und verließ Zypern ohne irgendein Problem".

Helios ist Zyperns erste private Fluggesellschaft. Sie wurde 1999 gegründet und steuert neben Athen auch Dublin, Sofia, Warschau, Prag, Straßburg und mehrere britische Flughäfen mit Maschinen des Typs Boeing B737 an. Die Boeing 737-300 zählt zu den weltweit meistgebauten Passagierflugzeugen. Sie kommt vor allem auf Kurz- und Mittelstreckenflügen zum Einsatz. Der zweimotorige Jet ist 33,40 Meter lang, hat eine Spannweite von 28,80 Metern und bietet je nach Ausstattung Platz für bis zu 150 Passagiere. Die 737-300 mit einer maximalen Abflugmasse von rund 60 Tonnen wurde Anfang der 80er Jahre als Nachfolgeversion der erfolgreichen Boeing 737-200 entwickelt. Insgesamt sind seit den späten 60er Jahren mehrere tausend Flugzeuge der Boeing 737-Familie weltweit im Einsatz. Dazu zählen neben der 737-200 und 737-300 auch die Modelle 737-400,-500,-600,- 700,-800 und -900. Sie unterscheiden sich in Länge und Reichweite.

AP/DPA/Reuters/AP/DPA/Reuters

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