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Kampf gegen die Zeit

Seuchen, Wassermangel und eine Hungersnot bedrohen die Menschen in den Krisengebieten am Indischen Ozean. Regenfälle und Nachbeben erschweren die Hilfslieferungen. Die Lage in Südostasien ist mit jedem Tag verzweifelter.

Nach der Flutkatastrophe mit offiziell inzwischen 126.000 Toten wird die Hilfe für die Überlebenden zum Wettlauf gegen die Zeit: Seuchen, Wassermangel und eine Hungersnot bedrohen die Menschen in den Krisengebieten am Indischen Ozean. Auf Sri Lanka werden Wasser und Nahrung knapp, es gibt die ersten Cholera-Fälle. In Indonesien sind nach Angaben von Medien und Hilfsorganisationen möglicherweise ebenfalls bereits hunderte Menschen an Cholera erkrankt. Zerstörte Straßen, ein Mangel an Fahrzeugen und Fehler bei der Koordinierung behindern die Hilfsarbeiten.

Regenfälle und Nachbeben verschlimmern die Situation

Heftige Regenfälle haben das Elend der Flutopfer im Katastrophengebiet weiter verschärft. In Sri Lanka musste deswegen ein Lager mit 2.000 Menschen evakuiert werden, die seit der Flutwelle vom 26. Dezember keine Unterkunft mehr haben. Auch auf der indonesischen Insel Sumatra ging am Samstag heftiger Regen nieder, womit sich das Risiko von Cholera und anderen Seuchen erhöhte. In der Umgebung der zerstörten Provinzhauptstadt Banda Aceh auf Sumatra waren mehrere tausend Leichen noch nicht geborgen.

Mehrere Nachbeben versetzten die Menschen erneut in Schrecken. Einer der Erdstöße erreichte am Samstag eine Stärke von 6,5, das Zentrum lag 250 Kilometer südwestlich von Banda Aceh unter dem Meeresgrund.

"Alles ist zusammengebrochen"

"Transport, Kommunikation, alles ist zusammengebrochen", schilderte eine Sprecherin der Hilfsorganisation Oxfam am Samstag aus dem besonders schwer betroffenen Norden der Insel Sumatra. Die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" berichtete von schwer zerstörten Dörfern, in denen nicht einmal mehr ein Hubschrauber landen kann. Bei seinem Besuch in der Katastrophenregion wies der indonesische Präsident Susilo Bambang Yudhoyono die Helfer des Militärs an, Hilfsgüter umgehend zu verteilen. "Erfüllen Sie Ihre Pflicht so gut wie möglich, Tag und Nacht", sagte der Staatschef.

Hilfsgüter kommen nicht an

Doch vielerorts klagen Betroffenen, dass von den Hilfsgütern nichts bei ihnen ankommt. Sie machen die Schwerfälligkeit der Verwaltung verantwortlich. Präsident Yudhoyono räumte ein, dass es Probleme bei der Verteilung an die Hunderttausenden von Obdachlosen gibt. "Das Ausmaß der Katastrophe ist einfach zu groß", sagte der Präsident. "Wir können die Hilfe und die Lebensmittel heranschaffen, aber wir brauchen auch die Leute, um sie zu verteilen."

Die Regenfälle erschwerten auch die Hilfslieferungen auf dem Landweg. Wegen überschwemmter Straßen im Osten von Sri Lanka konnten mehrere Lastwagen mit Hilfsgütern am Samstag nicht ihr Ziel erreichen, wie die Behörden mitteilten.

"Gefühllosigkeit der Verwaltung"

In Indien ist die Situation nicht besser. In Madras, der Hauptstadt des besonders schwer getroffenen Bundesstaates Tamil Nadu, protestierten Fernsehberichten zufolge Fischer am Samstag vor Regierungsbüros, um versprochene Hilfsgüter einzufordern. "Sie kündigen an, dass Hilfe kommen wird, aber es kommt nichts", sagte einer der Demonstranten. Wie es hieß, träfen zwar Hilfsgüter und Spenden in den Krisengebieten ein. Doch verlaufe ihre Verteilung durch die Behörden nur sehr schleppend.

Auch auf den teilweise verwüsteten Andamanen und Nikobaren wurde ausbleibende Hilfe beklagt. "Mehrere Tage sind seit der Flutwelle vergangen, aber die Hilfsgüter haben wegen der Gefühllosigkeit der Verwaltung eine Menge Orte noch nicht erreicht", schrieb ein Beamter, der auf der Inselgruppe lebt, an die indische Zeitung "Telegraph".

165.000 Opfer befürchtet

Angesichts der konstant hohen Vermisstenzahlen scheinen sich Befürchtungen zu bewahrheiten, die Flutwelle könnte deutlich mehr als 165.000 Menschen den Tod gebracht haben. Allein die indonesische Regierung rechnet inzwischen mit 100.000 Toten, offiziell bestätigt waren zunächst knapp 80.000 Opfer. In Sri Lanka wurden 28.475 Tote bestätigt, Helfer befürchten dort jedoch mehr als 42.000 Opfer. Die beiden Länder sind am schwersten von der Katastrophe betroffen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden insgesamt in den Krisenregionen bis zu fünf Millionen Menschen obdachlos.

Im Osten Sri Lankas mussten unterdessen tausende Überlebende mit ansehen, wie ihre Unterkünfte durch heftige Regenfälle erneut weggeschwemmt wurden. Care International Indonesien berichtete, viele Kinder litten dort bereits an extremen Durchfallerkrankungen und bräuchten dringend Hilfe. Das Eindringen von Meerwasser in das Trinkwassersystem, das feucht-schwüle Klima der Regenzeit und die unzähligen ungeborgenen Leichen seien eine fatale Kombination. Das derzeit der Bevölkerung zur Verfügung stehende Wasser beeinhalte bis zu 50 verschiedene Krankheitserreger.

Internationale Zusagen für Hilfszahlungen haben Milliardengrenze überschritten

Die internationalen Hilfszahlungen für die von der Flutkatastrophe betroffenen Länder sind nach Angaben der Vereinten Nationen auf 2 Milliarden Dollar angewachsen (rund 1,7 Milliarden Euro). Unter anderem haben die USA ihre ursprünglich zugesagte Leistung auf nunmehr 350 Millionen Dollar verzehnfacht. US-Präsident George W. Bush versprach der Erdbebenregion darüber hinaus langfristige Hilfe. An diesem Sonntag werde eine Regierungsdelegation unter Führung von Außenminister Colin Powell in die Region reisen, um zusätzliche Hilfsmöglichkeiten zu erkunden, sagte Bush in seiner wöchentlichen Radioansprache.

US-Außenminister Powell bekräftigte unterdessen die führende Rolle der Vereinten Nationen bei der Koordinierung der internationalen Hilfe. Die von den USA mit Japan, Australien und Indien geschaffene so genannte Kerngruppe für die Fluthilfe stimme ihre Aktivitäten mit der Weltorganisation ab, betonte Powell in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit UN-Generalsekretär Kofi Annan in New York. Bush hatte zuvor erklärt, die USA würden die Hilfsaktionen in Südasien anführen.

Kanzleransprache: "Die Menschen nicht alleine lassen"

Bundeskanzler Schröder forderte in seiner Neujahrsansprache: "Wir dürfen die von der Flutwelle am stärksten betroffenen Länder, die Menschen dort nicht allein lassen. Nicht jetzt, aber auch nicht in Zukunft." Er schlug vor, die Industriestaaten sollten Partnerschaften mit den betroffenen Regionen für deren Wiederaufbau eingehen. Der französische Staatspräsident Jacques Chirac sprach sich als Konsequenz aus der Tsunami-Katastrophe für eine "humanitäre schnelle Eingreiftruppe" der Vereinten Nationen aus.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, sagte in seinem "Wort zum Jahresbeginn" in der ARD, der Einsatz der Helfer und Spenden trügen bei zu einer Brücke der Menschlichkeit. Die vorgeschlagene Partnerschaft zum Wiederaufbau der betroffenen Länder weise in diese Richtung. Neben die Sorge um die eigene Zukunft trete die lebensbedrohende Not in anderen Erdteilen. "Wir lernen wieder, auf die Maßstäbe zu achten", sagte Huber. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, sagte, die Flutkatastrophe zeige durch ihre Ausmaße schlagartig, dass die Menschen nicht "die Herren der Welt" seien, wie sie oft meinten.

Bundeswehr verstärkt Hilfe

Die Bundeswehr verstärkt derweil ihre Hilfe für die Flutopfer in Asien. In der Katastrophenprovinz Aceh im Norden von Sumatra werde eine Krankenstation errichtet, sagte ein Sprecher desVerteidigungsministeriums in Berlin. Für den Einsatz hielten sich 100 Soldaten bereit.

Der Staatssekretär im Auswärtigen Amt Klaus Scharioth warnte Angehörige dringend davor, auf eigene Faust nach Vermissten zu suchen: "Sie können in der Region nichts bewirken."

Zu den 34 identifizierten deutschen Toten seien seit Freitag keine weiteren hinzugekommen, sagte Scharioth. Dies bedeute aber "überhaupt keine Entwarnung". Die Zahl der Vermissten steige unverändert. "Wir liegen deutlich über tausend." Nach Einschätzung des thailändischen Regierungschefs Thaksin Shinawatra sind 80 Prozent der Vermissten wahrscheinlich tot.

DPA/AP/Reuters/AP/DPA/Reuters

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