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Aufräumen unter Lebensgefahr

Kazuto Tatsuta hilft als Aufräumarbeiter in der Ruine des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi. Als er schon nach einem halben Jahr die Jahresdosis Strahlung aufgenommen hat und nicht mehr arbeiten darf, beginnt er zu zeichnen.

  Kazuto Tatsuta berichtet von seiner Zeit in Fukushima. Hier steht er zum ersten Mal vor dem zerstörten Reaktor.

Kazuto Tatsuta berichtet von seiner Zeit in Fukushima. Hier steht er zum ersten Mal vor dem zerstörten Reaktor.

Es hilft kein großes Drumherumreden, " Reaktor 1F" ist ein Buch für Menschen, die es genau wissen wollen. Die Nachfühlen möchten, wie es ist, dabeigewesen zu sein. Nicht 2011, sondern danach. Bei der Beseitigung der Schäden. Bei dem Aufräumen unter Lebensgefahr. Für Menschen, die erfahren wollen, wie ging das eigentlich damals? Wer hat sich denn, bitte schön, in diese Region getraut? Wer war so verrückt, sein Leben zu riskieren?

"Reaktor 1F – Ein Bericht aus Fukushima" ist ein Arbeitstagebuch, das Kazuto Tatsuta unter Pseudonym gezeichnet hat, weil sein Arbeitgeber schwieg. Der heute 50-jährige Japaner beschreibt darin die Verhältnisse und Zustände auf dem radioaktiv verstrahlten Gelände, die Ängste der Arbeiter vor verseuchtem Regen, undichter Schutzkleidung oder etwa Haarausfall. Ebenso erinnert sich Tatsuta an das Misstrauen, das herrschte, zum Beispiel bei der Richtigkeit der Strahlungswerte, die täglich an der Kleidung der Arbeiter gemessen wurden. So nah dran an 1F, dem Reaktor, dessen Kern am 11. März 2011 als Erster schmolz, waren vor allem die, deren Herz an der evakuierten Region hing, weil sie selbst daher stammten. Oder die, die dringend Geld brauchten – so wie Tatsuta.

Stumpfe Arbeit, aber ...

Man würde lügen, wenn man behauptete, Tatsutas Alltag, erst im Pausenbereich des Geländes Fukushima Daiichi, später auf 1F selbst, sei immer nur spannend gewesen. Sehr viel der Arbeitszeit ging allein mit dem An- und Ausziehen von Schutzkleidung drauf. Doch die Atmosphäre, die Freundschaften, aber auch Spannungen unter den Männern und die kleinen Herausforderungen, die über Leben und Tod entscheiden konnten, sind wohl selten so detailliert aufgezeichnet worden. Wie funktioniert eine Toilette, wenn das Wasser kontaminiert und damit nicht zu benutzen ist? Wie ertragen die Arbeiter den heißen Sommer in vier Schutzanzügen? Tatsutas Augenzeugenbericht wurde 2014 zum Verkaufshit in Japan, denn er enthielt mehr Informationen als jede Nachrichtensendung. 

Der Carlsen Verlag, bei dem "Reaktor 1F" in drei Bänden erscheint, hat ein Interview mit dem Illustrator geführt, das erstaunliche Antworten Tatsutas enthält – denn er liebt Fukushima.

Was war zuerst da: Die Idee, im Reaktor 1F zu arbeiten oder die Idee, einen Manga über die Katastrophe in Fukushima zu zeichnen?
Ich suchte einen Job im Katastrophengebiet (hätte ebenso gut in Miyagi, Iwate oder Ibaraki sein können), letztendlich hat es mich dann aber direkt ins Werk Fukushima 1 verschlagen. Und nein, ich habe meine Arbeit nicht mit dem Vorsatz angetreten, darüber einen Manga zu machen. Aber als Zeichner beschlich mich dann doch die Frage, ob ich einige interessante Erfahrungen nicht im Manga festhalten sollte. Tatsächlich hatte Fukushima 1 meine Neugier am stärksten entfacht. Wenn es sich dort nicht lohnte, wo dann? Insofern hatte ich großes Glück, auch dort einen Job zu finden.

Auf welche Weise haben die Erfahrungen durch die Arbeit in Fukushima Ihr Leben beeinflusst?
Ich habe mehr Freunde und Bekannte, und die Liebe zur Region Fukushima ist gewachsen. Auch jetzt, wo ich nicht im Kernkraftwerk arbeite, besuche ich sie oft. Vielleicht werde ich eines Tages dort hinziehen.

Hatten Sie jemals Angst, durch die Arbeit im Reaktor krank zu werden?
Nein, und ich hatte auch nie Angst davor, gesundheitlichen Schaden zu nehmen. Bisher habe ich eine Gesamtstrahlendosis von 30mSv angehäuft. Auch wenn ich damit unter Einhaltung der vorgeschriebenen Strahlenmenge weiterarbeiten würde, bestünde kein Grund zur Sorge, denke ich. Sollten bei mir schon Anzeichen von Strahlungsschäden auftreten, dann müssten sie bei anderen Leuten, die schon länger mit Radioaktivität zu tun haben, erst recht auftreten. Aber davon ist mir nichts bekannt. Doch solange dazu keine wissenschaftlich fundierten Daten in die Öffentlichkeit gelangen, wird es wohl auch weiterhin Bedenken hinsichtlich der entsprechenden Berufe geben.

Sie durften wegen der Strahlung nur eine begrenzte Zeit am Stück in Fukushima arbeiten und haben in den Pausen am Manga gearbeitet. War es immer einfach, Ihre praktischen Erfahrungen direkt aufs Papier zu bringen?
Für mich war es sinnvoller, die Erfahrungen zu Papier zu bringen, solang sie noch frisch und lebendig waren. Also möglichst schnell und ohne Pause. Außerdem wollte ich meine Leser nicht zu lang warten lassen. Allerdings kostete es mich jedes Mal Mühe, wieder zurück zum Zeichnen zu finden, nachdem ich mich an das Leben als Arbeiter auf Fukushima 1 gewöhnt hatte.

Wollen Sie immer noch in Fukushima arbeiten, jetzt, nachdem Sie die Arbeit an "Reaktor 1F" abgeschlossen haben?
Ich habe bei verschiedenen Firmen vorgesprochen und sie gebeten, mich zu benachrichtigen, wenn es Arbeit gibt. Sollte ein Angebot kommen, werde ich es annehmen.

Was denken Sie über die Entscheidung der japanischen Regierung, die nach der Katastrophe abgeschalteten Atomkraftwerke wieder hochzufahren, anstatt z. B. in alternative Energien zu investieren?
Nach der Reaktor-Stilllegung auf Fukushima 1 bin ich in Sachen Kernkraft geteilter Meinung. Und ich finde, dass es hier auch verschiedene Stimmen geben sollte. Insofern habe ich zur Zukunft der Kernkraft nichts zu sagen. Tatsächlich aber macht es mich sprachlos, wie manche Gegner vor lauter Idealismus die Schäden durch den Reaktorunfall bis zum Exzess hochspielen und Ängste vor Gefahren schüren, die es gar nicht gibt. Sie benutzen das Unglück für irgendwelche politischen Anschauungen oder Bewegungen. Ich wünschte, dass das aufhört.

bal
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