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New Yorks stummer Star

Während Millionen Amerikaner vor dem tosenden Hurrikan "Sandy" Zuflucht suchten, wurde eine Frau geräuschlos berühmt: Die Gebärdensprachdolmetscherin Lydia Callis. Sie wird als Heldin gefeiert.

Von Carsten Heidböhmer

Stahl New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg die Show: Gebärdensprachdolmetscherin Lydia Callis

Stahl New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg die Show: Gebärdensprachdolmetscherin Lydia Callis

Fast jede Krise produziert einen Helden. Jemanden, den bis dato niemand kannte, der sich urplötzlich aus der Masse hervorhebt und den übrigen Menschen Mut macht, sie wieder aufrichtet und ihnen Zuversicht spendet. Oder Menschen, die ihr eigenes Leben riskiert haben, um anderen das Leben zu retten. Bei den Anschlägen vom 11. September 2001 waren es die New Yorker Feuerwehrleute, die mit ihrem unermüdlichen und mutigen Einsatz als Vorbild dienten. Als die "Costa Concordia" kenterte, war es Fregattenkapitän Gregorio De Falco, der im Hafenamt in Livorno Dienst hatte und den feigen Kapitän Francesco Schettino anwies: "Geh an Bord zurück, verdammt!" Nach der Havarie im Atomkraftwerk Fukushima kämpften "50 Helden" gegen den absoluten Super-GAU.

Beim Hurrikan "Sandy", der die amerikanische Ostküste verwüstet hat, ist es eine unscheinbare Latina, die im Mittelpunkt steht und den Menschen aus der Seele spricht: Lydia Callis. Die Gebärdensprachdolmetscherin von New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg ist binnen Stunden zur Berühmtheit geworden. Nicht nur New Yorker lieben sie für ihre emotionale Mimik. Sie hat die Herzen der Amerikaner erobert und innerhalb kürzester Zeit eine riesige Fangemeinde um sich gesammelt. Im Netz und bei Twitter wird sie als Heldin gefeiert: "A Star is born", schreibt der Politexperte Brit Hume in einem Tweet. "We don't need another hero", heißt es in einem Lydia Callis gewidmeten Blog.

Über Callis ist wenig bekannt

Ihr Ruhm ist inzwischen sogar bis nach Deutschland vorgedrungen: "Sie hat die USA hypnotisiert mit ihren Übersetzungen", heißt es in dem Gehörlosen-Blog Meinaugenschmaus. In Deutschland wäre ein derartiger Kult freilich nicht möglich: Hier werden lediglich die "Tagesschau" und das "heute Journal" von einer Gebärdensprachdolmetschern übersetzt - auf dem Spartenkanal Phoenix.

Über Lydia Callas ist bislang wenig bekannt, nicht einmal ihr genaues Alter weiß man. Sie ist eine Latina und hat ihre Ausbildung in Rochester absolviert. Dort hat sie die American Sign Language (ASL) gelernt, eine nur in den USA und Kanada gebräuchliche Gebärdensprache, die sich aus einem Miteinander von Gebärden, expressiver Mimik, Körperhaltung und Mundbildern zusammensetzt.

Bei ihren Simultanübersetzungen der Reden von Michael Bloomberg versprüht sie so viel Energie, dass New Yorks Bürgermeister daneben blass und abgeschlafft wirkt. In ihren Gesten liegt ein Schwung, der ansteckend ist, aus ihren Augen blitzt eine Zuversicht, dass auch von Hochwasser und Stromausfall betroffene Amerikaner glauben, die Krise gehe schnell vorüber. Dass sich in all dem Getöse um den Sturm "Sandy" ausgerechnet eine Frau hervortut, die gerade nicht mit ihrer Stimmgewalt besticht, sondern geräuschlos auftritt - darin liegt vielleicht die größte Überraschung dieser Tage im Ausnahmezustand.

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