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Psychiater wollte Lubitz zwei Wochen vor der Katastrophe einweisen

Wie kann in Zukunft verhindert werden, dass kranke Piloten eine Katastrophe auslösen? Die französische Untersuchungsbehörde legt nach dem Germanwings-Unglück jetzt Empfehlungen vor - auch in Sachen ärztliche Schweigepflicht.

Andreas Lubitz

Eigentlich sollte Andreas Lubitz gar nicht an Bord der Germanwings-Maschine sein. Einer seiner Ärzte wollte, das er in einem psychiatrischen Krankenhaus behandelt wird.

Knapp ein Jahr nach der Germanwings-Katastrophe hat sich die französische Flugunfallbehörde BEA für eine Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht bei Piloten mit psychischen Problemen ausgesprochen. In ihrem am Sonntag vorgelegten Abschlussbericht zum Absturz der Maschine in den französischen Alpen fordern die Ermittler, Ärzte müssten die Behörden informieren, wenn Piloten ein "großes Risiko für die öffentliche Sicherheit" darstellen.

Mehrere Ärzte hätten von der Erkrankung des Copiloten Andreas Lubitz gewusst, sagte BEA-Experte Arnaud Desjardins. "Aber diese Information ist weder zu den Luftfahrtbehörden noch zum Arbeitgeber Germanwings gelangt." Es müssten "klarere Regeln" eingeführt werden, "um zu wissen, wann es notwendig ist, die ärztliche Schweigepflicht zu brechen".


Eigentlich sollte Lubitz nach dem Willen eines seiner Ärzte in einem psychiatrischen Krankenhaus behandelt werden, wie es in dem Abschlussbericht heißt. Der Mediziner habe am 10. März - zwei Wochen vor dem Absturz - eine mögliche Psychose diagnostiziert und eine Einweisung empfohlen.

Lufthansa-Psychiater urteilte Falsch über Lubitz

Der Airbus A320 der Lufthansa-Tochter Germanwings war am 24. März 2015 auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf in den südlichen französischen Alpen abgestürzt. Alle 150 Menschen an Bord kamen ums Leben, unter ihnen 72 Deutsche.

Die BEA bestätigt in ihrem Abschlussbericht, dass der Copilot Lubitz die Maschine absichtlich zum Absturz brachte. Den Flugkapitän hatte er zuvor aus dem Cockpit ausgesperrt. Der 27-Jährige hatte in der Vergangenheit unter schweren Depressionen gelitten und sich in den Tagen vor dem Absturz im Internet über Möglichkeiten eines Suizids informiert.

Lubitz hatte bereits 2008 wegen einer schweren Depression seine Pilotenausbildung bei der Lufthansa unterbrechen müssen. Im Juli 2009 erhielt er dann aber ein neues Tauglichkeitszeugnis, wenn auch mit einem Sondervermerk. Dieses wurde in der Folge jährlich verlängert.

Das Magazin "Spiegel" berichtete in seiner neuesten Ausgabe, ein Psychiater des flugmedizinischen Dienstes der Lufthansa habe im Juli 2009 nach einer Untersuchung offenbar falsch geurteilt, dass Lubitz seine schwere Depression überwunden habe. Unter Berufung auf Ermittlungsakten berichtet der "Spiegel" von einem auf Dezember 2009 datierten Eintrag in seiner Krankheitschronik, in der Lubitz sich mit seiner noch akuten Depression auseinandersetzt.


Flugunfallbehörde fordert strengere Kontrollen

Bei den fünf Untersuchungen in den folgenden Jahren habe die Lufthansa Lubitz nie von einem Psychologen oder Psychiater begutachten lassen, berichtet der "Spiegel" weiter. Mediziner hätten ihn lediglich nach psychischen Problemen gefragt, die Lubitz abgestritten habe.

In ihrem Abschlussbericht spricht sich die französische Flugunfallbehörde nun für strengere medizinische Kontrollen für Piloten aus. Es müsse regelmäßig geprüft werden, ob Piloten insbesondere aus "psychologischen oder psychiatrischen Gründen" nicht in der Lage seien, ein Flugzeug zu steuern. Dabei müsse insbesondere darauf geachtet werden, dass Piloten ihre psychischen Probleme verschweigen könnten - aus Angst, ihre Fluglizenz zu verlieren.

Cockpit-Türen - "terroristische Gefahr" besteht weiter

Keine Änderung verlangt die BEA dagegen bei dem Verriegelungssystem von Cockpit-Türen. Lubitz hatte die Tür abgesperrt, nachdem der Flugkapitän das Cockpit verlassen hatte - dieser hatte keine Möglichkeit, die Tür von außen zu öffnen. Entsprechende Sicherheitsmaßnahmen sind seit den Anschlägen vom 11. September 2011 üblich, um ein Eindringen Unbefugter zu verhindern. BEA-Chef Rémy Jouty betonte am Sonntag, die "terroristische Gefahr" bestehe nach wie vor.

Keine Angaben macht die BEA außerdem zu der Frage, ob sich während eines Fluges stets zwei Besatzungsmitglieder im Cockpit aufhalten müssen. Die EU-Luftsicherheitsbehörde EASA hatte dies nach der Germanwings-Katastrophe empfohlen.

Der Absturz in den südlichen französischen Alpen hatte international für Entsetzen gesorgt. Am 23. März werden die Angehörigen bei einer Zeremonie im südfranzösischen Marseille der Toten gedenken, bevor sie am Jahrestag selbst in die Nähe der Absturzstelle gefahren werden.


amt/DPA/AFP
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