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"Mein Gehirn wollte den Gedanken nicht zulassen"

David Friday und seine Tochter Alexandra verlieren beim Germanwings-Absturz die Hälfte ihrer Familie. Alex ist zwar wütend auf den Co-Piloten, denkt aber lieber an ihren verstorbenen Bruder. David bezeichnet das Vorgehen der Lufthansa nach der Katastrophe als "extrem einfühlsam".

Von Anke Richter

Germanwings-Absturz: Angehörige der Opfer Carol und Greig Friday

David Friday und Tochter Alexander verloren beim Germanwingsabsturz die Hälfte ihrer Familie

David Friday, 67, und Tochter Alexandra Friday, 33, aus Melbourne, Australien

Familie von Carol Friday, 68, und und Sohn Greig, 29


Warum haben ihre Angehörigen die Flugreise unternommen?

David: "Greig war nach der Schule mit dem Rucksack durch Europa gereist. Er hatte seine erste Stelle als Ingenieur und wollte aber noch ein oder zwei Jahre in Europa leben, solange er mit unter dreißig Jahren das Arbeitsvisum dafür bekommt. Am 23. April wäre er 30 geworden. Er hatte hier zuletzt noch einen Kurs absolviert, um in Frankreich Englisch unterrichten zu können. In Deutschland wollte er seine Kusine Pippa besuchen, die dort lebt. Die beiden waren sehr eng, seit der Kindheit. Vorher wollte er noch ein paar Wochen herumreisen, unter anderem nach Spanien und Istanbul. Carol schlug vor, für zwei Wochen mitzukommen. Sie liebt Kunst und Museen und hat viele Kulturreisen gemacht. Nach Spanien wollten sie dann weiter in die Tschechische Republik, wo Freunde auf sie warteten. Von da aus wäre es für Carol allein weitergegangen, nach Amsterdam, und Greig wäre nach Marseille geflogen.“ 

Was waren die letzten Gespräche mit ihnen?

Alex: „Er freute sich so, war aufgeregt. 'In einem Jahr bin ich sicher zurück', sagte er. Ich sagte, 'ich gehe von zwei Jahren aus!', um mir keine zu großen Hoffnungen zu machen. Um ihn nicht zu sehr zu vermissen. Mum und ich sprachen nur über Normales, 'Wir sehen uns in drei Wochen wieder!'“

David: "Wir fanden es toll, dass er das macht - und wir ihn dann mal in Frankreich besuchen kommen könnten."  


Wann und wie haben sie die Todesnachricht erhalten?

David: "Um zwei Uhr morgens rief mich das Auswärtige Amt an: 'Haben Sie Verwandte, die von Barcelona nach Düsseldorf reisen?' Ich wusste ehrlich gesagt nicht den genauen Zeitplan der beiden, wo sie an welchem Tag waren, aber ich wusste, dass sie natürlich dort drüben sind. Man sagte mir, was passiert sei. Es war absolut klar, dass niemand überlebt hatte. Dann rief ich Alex an und sie kam im Auto hier her." 

Alex: "Nachdem Dad mich anrief und ich unter der Dusche stand, um zu ihm zu fahren, dachte ich kurz, dass das alles ein großer Irrtum sein musste. Mein Gehirn wollte den Gedanken nicht zulassen."

Germanwings-Absturz: Passbild von Opfer Carol Friday

Mutter Carol Friday trug ein Passbild bei sich, das im Wrack gefunden wurde


"Wir weinen viel, verstecken es nicht"

Carols Bruder Mal Coram flog nach dem Unglück mit seiner Lebensgefährtin nach Frankreich, auch um seiner anderen Tochter Pippa beizustehen, die weit weg von der Familie in Deutschland lebt. Gemeinsam besichtigten sie die Unglücksstelle, legten Fotos und Briefe dorthin und brachten zwei Steine und Erde von dort mit. 

Alex hat ein paar Wochen bei ihrem Vater gelebt - "alles war wie im Nebel, ich kann mich kaum noch erinnern." Wochenlang waren Familienmitglieder dort, das Haus voller Blumen. Ihren Job in der Stadtverwaltung hat sie weiter gemacht: "Mum und Greig hätten das so gewollt." Sie und ihr Vater sind beide "offene Trauernde": "Wir weinen viel, wir verstecken es nicht." Sie hat allen Kollegen in einer Email mitgeteilt, was passiert ist, damit jeder sie ansprechen kann. Einmal im Monat geht sie zu einer Selbsthilfegruppe für trauernde Geschwister. "Trauer ist so wie ein Vorhang, der sich immer weiter schließt, aber irgendwann reißt er auf und alles ist wieder voll da." 

David war beim Therapeuten, hat es aber aufgegeben. Er verbringt seine Tage so ähnlich wie früher: Morgens lange Zeitung lesen, dann im Garten arbeiten. Carol hat dort viel angepflanzt, er zupfte Unkraut. "Wir hatten immer lange Sonntagsfrühstücke im Bett." Sie waren eine glückliche Familie, verreisten oft zusammen. Greig wohnte in einem kleinen Apartment mit im Einfamilienhaus, war in der Aids-Hilfe aktiv. Am Kühlschrank hängt ein Familienfoto, von allen vieren - "die Hälfte der Familie existiert nicht mehr". David hat sich daran gewöhnt, dieses Foto ständig zu sehen. Er versucht, den Schmerz wegzuschließen, um einfach durch den Tag zu kommen. Die Großfamilie hat ihm sehr geholfen, sie treffen sich zum Zelten, für Picknicks. Mit 14 hatte er seinen älteren Bruder verloren. "Es ist so viel schlimmer für Alex, sie hat das alles noch nie erlebt und ist noch so jung." Vor ein paar Wochen hat er einen road trip durchs Land unternommen und hat wochenlang spontan all die Menschen besucht, die er kennt, und sich trösten lassen. Das hat geholfen. Bevor Carol abflog, hatten sie noch eine Tour in ihrem Wohnwagen gemacht, dann brachte er sie zum Flughafen, wo sie die Kinder traf, und fuhr weiter. "Ihre Tasche von dieser letzten Reise habe ich bis heute nicht ausgepackt."

Im Mai sind Alex und er nach Frankreich geflogen, um die Unglücksstelle zu sehen. Bis dahin hat er sie nur zweimal auf der Web-Camera angeschaut. Sie blieben nur eine Nacht. "Wir sind nur die Straße hoch gegangen, bis da, wohin man gehen darf. Haben Fotos und Flaggen abgelegt." Sie waren auch in Frankreich unterwegs. 

Alex: "Ich wollte verstehen, warum Greig dort gerne leben wollte. Das war für mich wichtiger als der Absturzort."

David: "Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder nach Europa reise. Aber wenn, dann schaue ich wieder an der Stelle vorbei." 

Gibt es in ihren Augen einen Schuldigen? 

David: "Wenn es ein Selbstmord war, warum hat er dann nicht einfach sein Segelflugzeug abstürzen lassen? Wie konnte er es für eine gute Idee halten, ein ganzes Flugzeug voller Menschen mit in den Tod zu reißen? Es hat nichts damit zu tun, für welche Fluglinie er flog oder welche Nationalität er hat. Es hätte überall passieren können. Vielleicht hätte es irgendwer verhindern können. Aber die Ärzte durften ihre Schweigepflicht ja nicht brechen. Aber es ist nicht das erste Mal, dass sowas passiert ist, das gab es schon vorher. Trotzdem ist es für mich nachvollziehbar, dass keiner die Gefahr bemerkte." 

Alex: "Ich beschuldige nur ihn allein. Dafür, dass er so egoistisch war. Ich weiß nicht mal seinen Namen, der interessiert mich auch nicht. Ich bin wütend auf ihn. Ich bin wütend auf so viele. Seit dem 11. September wurden die Cockpit-Türen verriegelt, um Schlimmeres zu verhindern. Und dann ist das passiert. Aber ich denke nicht an den Piloten. Ich denke lieber an meinen Bruder.“

Wie hat sich die Lufthansa verhalten?

David: "Absolut professionell, respektvoll und fürsorglich. Mit viel Einfühlungsvermögen. Sie hätten es nicht besser machen können, haben alles für uns organisiert. Als wir nach Europa flogen, wurden wir bereits beim Zwischenstopp in Singapur durch den Flughafen begleitet, und in Frankfurt hatten wir ebenfalls Betreuung. Claudia von der Lufthansa war unsere Begleiterin in Frankreich, ganz wunderbar. Sie nahm uns in Marseille mit zu den Behörden, was uns half. Es war beeindruckend zu sehen, wie viele Menschen an der Unglücksstelle zu Gange waren, was alles getan wurde. Man merkte, dass sich niemand aus der Verantwortung stehlen wollte.

Wir hatten bereits eine Trauerfeier und Melbourne hinter uns und wollten daher lieber, dass Carol und Greig in Frankreich eingeäschert werden. Claudia hat das alles für uns arrangiert, eine richtige Zeremonie, bei der sie Worte von uns vorgelesen hat und Fotos gemacht hat. Sie haben dort Blumen aufgestellt, alles sehr sorgsam und bedacht. Das hat uns sehr gerührt. Die Asche kam nicht einfach nur in irgendeinem Styroporbehälter, sondern in zwei edlen Holzurnen, die jetzt hier im Wohnzimmer stehen.“ 

Wann und wie haben sie erfahren, dass Dinge von ihren Angehörigen in den Trümmern des Flugzeugs gefunden wurden?

David: "Das Lufthansa Care Centre war unsere Kontaktstelle, wir haben mit denen gesprochen und telefoniert. Im Juli hatten sie die Pässe identifiziert, aber bekommen haben wir sie immer noch nicht. Später - wahrscheinlich September - haben sie dann diese Webseite eingerichtet, auf der man sich mit Password einloggen kann und alle Fotos der gefundenen Gegenstände durchforstet, um zu sehen, ob man etwas identifizieren kann. Eigentlich war es gar nicht so viel. Vor allem war es Kleidung. Mich wundert, dass sie bei all den Laptops im Gepäck nur einen einzigen Computer gezeigt haben. Es waren auch keine Handys dabei, die haben sie wohl noch zur Auswertung behalten." 

Alex: "Ich hätte gerne Mums I-Pad, um ihre letzten Fotos zu sehen." 

David: "Das Vorgehen von Lufthansa war wieder extrem einfühlsam. Sie fragten, ob wir die Dinge per Kurier bekommen wollen oder jemand sie uns persönlich vorbeibringen soll. Sie haben wirklich an alle Eventualitäten und kulturellen Befindlichkeiten gedacht." 

Wann haben sie diese Dinge bekommen? Und um was handelt es sich?

David: "Die Sachen sind erst Mitte letzter Woche angekommen. Eine Outdoorjacke und Pelmütze von Greig waren dabei. Von Carol ein kleines besticktes Etui mit Reißverschluss sowie 15 Quittungen und Eintrittskarten. Ein paar beschriebene Seiten aus Carols Notizbuch und ein Foto von Greigs Studentenausweis. Und ein Passfoto von Carol, das sie lose dabei hatte."

Germanwings-Absturz: Studentenausweis von Opfer Greig Friday

Der halbe Studentenausweis von Greig Friday wurde im Wrack entdeckt


Welche Erinnerungen verbinden sie mit diesen Gegenständen?

Alex: "Ich habe Greig noch am Tag vor dem Abflug packen geholfen. Er hatte einen großen Rollkoffer, schwarz und gelb. Da er für ein Jahr oder länger gepackt hat, waren darin auch seine Anzüge und guten Jacken, alle vakuumverpackt. Aber diese Outdoor-Jacke, die war sicher im Handgepäck. Ich habe sie sofort erkannt. Er war ja nicht groß, eher schmächtig. Die Mütze hatte ihm ein Freund aus Russland mitgebracht. Er trägt sie auf einem Foto, das er uns von der Reise per WhatsApp geschickt hatte." 

David: "Carol hat so ein ähnliches Täschchen für ihre Kamera, das ist noch hier. Wahrscheinlich vom letzten Türkei-Urlaub. Ich schätze, darin hat sie die Quittungen und ihre Reisenotizen aufbewahrt. Alex hat ihre Schrift auf den Fotos erkannt, ich habe die Beträge mit den Ausgaben der Visa-Karte verglichen und wusste so, dass es ihre sind. Sie hat alle Aufgaben aufgelistet, so wie ich das sonst immer auf unseren Reisen mache. Wir haben Ordner voll von diesen Zetteln und Tickets zuhause, Kuba und Vietnam und China - irgendwann hat sie die dann sortiert und daraus Reisetagebücher mit Fotos gemacht.“

"Am Jahrestag wollen wir zwei Bäume pflanzen"

David liest aus den Notizen vor: "Cold day in Istanbul", "slight snowflakes seen from balcony. Woke at six, had a tea, finally got up to go to the grand bazaar."

Auf einem der Belege aus Istanbul steht hinten: "Food for expressing thanks to a little girl we met on the escalators going into university. She worked part time."

Was machen sie nun damit?

David: "Wir wissen es noch nicht. Es ist noch alles so frisch. Die Zettel und Notizen kommen vielleicht in das Album mit den Fotos von der Beerdigung."

Alex: "Wir wollen am Jahrestag des Absturzes im Park in Casey, wo Mum gearbeitet hat, zwei Bäume pflanzen. Da kommt dann auch die Erde von der Absturzstelle mit hinein."



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