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"Ich habe geweint wie noch nie zuvor"

Als Fernanda Ricco Razo vom Tod ihrer kleinen Schwester Daniela erfährt, ist sie gerade bei der Pediküre. "Sie zu verlieren war, wie mein halbes Ich zu verlieren", sagt sie heute. Ihre Schwester selbst hatte zwei Monate vor dem Unglück offenbar so etwas wie eine Vorahnung.

Von Annett Heide

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"Meine kleine Schwester zu verlieren war, wie mein halbes Ich zu verlieren", beschreibt Fernanda Ricco Razo (r.), hier neben Mutter Gladys, den Verlust von Schwester Daniela, die als Managerin in Barcelona gearbeitet hatte

Fernanda Ricco Razo, 43, aus Tampico, Mexico

Schwester von Daniela Ayón Razo

"Daniela war meine jüngere Schwester. Sie ist eine Woche vor ihrem Tod 36 geworden. Sie war Yogalehrerin. Eigentlich hatte sie International Business studiert und zehn Jahre in Barcelona für Nestlé gearbeitet. Aber 2008 belegte sie ein spirituelles Seminar in Frankreich. Kurz danach kündigte sie, ging ein Jahr nach Australien und reiste durch die Welt. Dann zog sie wieder nach Mexiko und bot selbst Workshops für ein besseres Leben an.

Im Januar vergangenen Jahres lernte Daniela in Playa del Carmen Michail kennen. Er lebt in Amsterdam. Sie war total verliebt. Sie wollte Kinder mit ihm. Sie sagte, er wäre der Mann ihres Lebens. Am 17. März hatte sie Geburtstag und flog deshalb zu ihm. Danach wollte sie einige Tage ihre alten Freunde in Barcelona besuchen. Michail wollte sie begleiten, aber sie sagte nein. Sie wolle ihre Freunde treffen und dann kehre sie zurück nach Amsterdam. Er war sehr wütend darüber. Auf diesem Rückflug war sie.

Das letzte Mal, als ich mit Daniela gesprochen habe, waren wir am Telefon. Ich stand die meiste Zeit in meiner Haustür, weil ich eigentlich los wollte. Wir haben darüber geredet, dass sie meine Kinder in den Frühlingsferien nimmt.

"Ihr Flugzeug ...., da zerbrach alles um mich"

Und dann kam der 24. März. Es war ein Dienstag. Ich bin sehr früh aufgewacht an dem Morgen und früher als sonst zum Yoga gefahren. Danach sah ich die ganzen Nachrichten auf Facebook: Daniela, bist du da? Alles in Ordnung? Ich dachte, ihre Freunde versuchen herauszufinden, ob sie zurück ist, weil sie eine Überraschungsparty zum Geburtstag für sie geben wollten. Ich habe eine Freundin von ihr danach gefragt. Sie schrieb zurück: Hast du mit der Airline gesprochen?

Ich wusste nicht, was sie meinte, aber ich bin rechts rangefahren. Ich war im Auto. Da sah ich, dass mein Mann angerufen hatte. 16 Mal. Ich rief zurück, aber er wollte mir nichts sagen, weil ich im Auto war. Er wollte, dass ich sofort nach Hause komme. Aber ich wollte noch meine Nägel machen lassen.

Als ich bei der Pediküre saß, sah ich die Nachrichten. Ich rief wieder meinen Mann an. Er sagte nur: Ihr Flugzeug ...., da zerbrach alles um mich. Ich konnte mich nicht mehr kontrollieren. Ich habe geweint wie noch nie zuvor. Die Besitzerin des Nagelsalons hat mich nach Hause gebracht.

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Die Familie von von Daniela Ayón Razo bekam ein Paket mit Danielas Sportkleidung, ihrem Tagebuch und Fotos vom letzten Skiurlaub


"Leute kamen, um DNA zu holen"

Gegen 9 Uhr hat mein Mann jemanden angerufen, er hat Kontakte zur Regierung. Innerhalb von Sekunden haben die uns bestätigt, dass Daniela an Bord war und dass vermutlich niemand überlebt hat. Keine Ahnung, woher die so schnell die Informationen hatten.

Dann hat sich einer ihrer Anhänger gemeldet. Er hatte durch Facebook mitbekommen, dass sie in Barcelona am Flughafen war. Er arbeitet dort und war zum Gate geeilt. Und er wurde dann derjenige, der sie beschreiben konnte. Was sie anhatte, was sie dabei hatte, welche Farbe ihr Nagellack hatte. Man musste die Person so gut wie möglich beschreiben, damit die Airline zuordnen konnte, was sie fand. Nagellack: blau. Ohrringe: zwei in jedem Ohr. Koffer: grau. Sie hatte eine GoPro-Kamera und einen pinkfarbenen Laptop. Er war der Engel, der uns geholfen hat, diese Tonnen von Formularen auszufüllen.

Meine Mutter war dazu nicht in der Lage, also habe ich es gemacht. Fotos gesucht. Ein Foto vom Auge zum Beispiel. Ich musste eins finden, wo man es groß zoomen kann und es möglichst scharf bleibt. Leute kamen, um DNA zu holen. Als nächstes hat German Wings eine Internetseite für die Angehörigen eingerichtet. Dort wurden seitenweise die Dinge abgebildet, die am Absturzort gefunden wurden. Man konnte ankreuzen, wenn man etwas zu erkennen glaubte.

"Sie zu verlieren war wie mein halbes Ich zu verlieren"

Im Dezember bekamen wir diese schwarze Schachtel mit Danielas Sachen von German Wings. Sie waren in kleine Plastiktüten sortiert. Die Kleidung war gewaschen. Zwei T-Shirts, eine Yogahose. Ihr Tagebuch. Sie hatte es zusammen mit unserer Mutter gekauft. Ihr Portemonnaie. Darin waren Dollar, Euro, Pesos. Fotos von meinen drei Söhnen. Ein Foto aus ihrem letzten Skiurlaub im Februar in Lake Tahoe. Alles befindet sich jetzt in Danielas altem Kinderzimmer.

Sie zu verlieren war, wie mein halbes Ich zu verlieren. Ich musste mich selbst ohne sie kennenlernen. Ich kannte diese Fernanda ohne Schwester nicht. Sie hatte alles gemacht, was ich auch gern getan hätte, aber nicht tat, weil ich ein anderes Leben gewählt habe. Sie war Single und 8 Jahre jünger, ich bin verheiratet und habe drei Kinder.

Ich kam erst wieder zu mir, nachdem wir ihre Asche in den Bergen bei Marseilles verstreut hatten. Wir wurden gefragt, ob wir sie haben wollten und ob es eine Zeremonie geben sollte. Wir haben uns entschlossen, sie dort in den Bergen zu lassen. Denn dieses Wissen, das sie lehrte, hat sie in Frankreich entdeckt. Dort ist ihr Leben geendet. Sie selbst hat das so entschieden. Daran glauben wir.

Zwei Monate vor ihrem Tod stand Daniela mit meiner Mutter in der Küche und sagte: Mama, denk’ dran, dass ich früh sterben werde. Ich will zu Energie werden, um den Menschen besser helfen zu können. Sie antwortete: Daniela, was redest du. Hör auf damit! Doch Daniela glaubte, wenn alles unendlich ist, dann gibt es keinen falschen Weg. Jeder hat seinen Weg, aber wir enden alle an demselben Ort. So wie die Pflanzen. Sie können klein oder groß sein, bunt oder grün, im Schatten oder im Licht, aber alle richten sich zur Sonne."



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