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Eiskalter Held wider Willen

Im britischen Watchet bugsiert eine Windböe einen Kinderwagen ins Hafenbecken. Dass der kleine Sam noch lebt, verdankt er George Reeder. Der Hafenmeister gibt sich nach seiner Heldentat bescheiden.

Von Thomas Schmoll

  Bescheidener Held: "Die meisten Menschen hätten das getan. Ich bin nur der Kerl, der hineinsprang", sagt Hafenmeister George Reeder.

Bescheidener Held: "Die meisten Menschen hätten das getan. Ich bin nur der Kerl, der hineinsprang", sagt Hafenmeister George Reeder.

  • Thomas Schmoll

Als George Reeder auf der Pier, die zum Leuchtturm führt, Schreie einer Frau hörte, schwang er sich sofort auf sein Fahrrad und radelte, so schnell er konnte, zu der Stelle, von der die Hilferufe kamen. Zunächst dachte der Hafenmeister des kleinen südenglischen Städtchens Watchet, ein Hund sei ins Wasser gefallen. Als er an der Unglücksstelle eintraf, begriff er rasch, dass es um ein Menschenleben ging. Die Frau rief mit angsterfüllter, panischer Stimme: "Mein Baby, mein Baby!"

George Reeder lief zum Rand des Hafenbeckens und dann wusste er, was genau geschehen war: "Ich konnte den Kinderwagen sehen, wie er, verkehrt herum, wegtrieb", berichtete er später britischen Zeitungen und TV-Sendern. Den Buggy, in dem der sechs Monate alte Sam noch vor wenigen Minuten warm eingepackt schlief, hatte eine seitliche Sturmböe erfasst und in das rund 3,5 Meter tiefe Hafenbecken geweht. Dem 63-Jährigen war sofort klar: Es geht um Sekunden geht.

Der Hafenmeister zögerte keinen Augenblick und sprang in das eiskalte Wasser. Als erstes drehte der mutige Retter den Kinderwagen um. Dann zog er ihn zur Pierwand. Vom Fußweg aus ließen Helfer ein Seil herab. George Reeder befestigte es an dem Buggy. Anschließend zogen mehrere Passanten den Kinderwagen aus dem Wasser. Ein wahrer Kraftakt, weil er sich voll Wasser gesogen hatte. Erleichterung machte sich breit, als die Mutter und die Helfer feststellten, dass Sam noch immer in dem Kinderwagen war. Aber lebte er noch? George Reeder erinnert sich: "Es war sehr sehr kalt. Das Baby muss gut fünf Minuten unter Wasser gewesen sein."

"Er wird wieder okay"

Tanya Allan, eine gelernte Krankenschwester zur Betreuung psychisch Kranker, war ebenfalls zur Unfallstelle geeilt. "Wir hatten gehofft, dass der Junge in Ordnung ist. Das sah anfangs nicht gut aus für ihn." Sie begann mit Wiederbelebungsversuchen. "Ich war besorgt, dass ich ihm nicht weh tue, dass ich nicht seine Rippen breche", erklärte die Frau im Sender "Sky News". Tanya Allan fragte sich: "Mach ich es richtig?" Schließlich hatte sie nie zuvor einen Menschen reanimiert. Und nun gleich ein so zartes Wesen wie ein Baby. "Ich war so froh, dass ich es etliche Male trainiert habe, Jahr für Jahr." Dann - endlich! - blubberte Wasser aus dem Mund des Kleinen, er begann zu atmen. In diesem Augenblick wusste George Reeder, dass Sam ins Leben zurückgeholt werden konnte. "Er wird wieder okay", dachte er.

Inzwischen erreichte Martyn Stevens die schreckliche Nachricht: "Es ist dein Baby." Als er das hörte, rannte der 35-Jährige runter zum Yachthafen. Ein halber Kilometer ist es von seiner Wohnung zur Unglücksstelle. Er hat keine Erinnerung daran, "was mir durch den Kopf ging". Als er ankam, sah Martyn Stevens seine Freundin, die gerade einen Alptraum erlebte, und seinen Sohn am Boden, umringt von Lebensrettern. "Ich hörte ihn schreien und sah ihn atmen. Das war das beste Ding auf der Welt."

Wie kann ein sechs Monate altes Baby eine solche Tortur überleben? Generell sinkt die Kreislaufaktivität beim Eintauchen in kaltes Wasser, sodass man mit der Luft in der Lunge es länger aushält als an Land. Kinder vertragen zudem grundsätzlich Unterkühlung erheblich besser als Erwachsene. Die rasche Abkühlung führt dazu, dass der Stoffwechsel umgehend gedrosselt wird. Erwachsene kämpfen nämlich automatisch gegen drohende Abkühlung, was viel Energie kostet. Der Kreislauf kollabiert und es kommt zu Herzflimmern. Bei einem Kind im "Kälteschlaf", so der Fachausdruck, werden alle Organe weiterhin minimal durchblutet. Vor allem das Gehirn sei geschützt, erklärt ein Hamburger Kinderarzt, der seinen Namen nicht veröffentlicht haben möchte. "Ganz anders im Sommer: Innerhalb weniger Minuten kommt es bei einem vor dem Ertrinken gerettetem Kind im Gehirn zu irreparablen Schäden."

Viel Glück gehabt

Sam und seine Eltern hatten in vielerlei Hinsicht Glück. Nach der kühnen Rettung aus dem kalten Wasser und er Wiederbelebung an Land war das Drama längst nicht beendet. Von größter Bedeutung war, dass das Baby schnell ins Krankenhaus geflogen wird, um versorgt zu werden. Immer noch drohte Unterkühlung. Der Rettungshubschrauber musste erst noch sicher landen bei dem heftigen Wind. "Der Helikopterpilot hatte nur einen Versuch zu landen", berichtete der Vater im "Guardian". Er schaffte es und flog den kleinen Patienten in eine Klinik im rund 25 Kilometer entfernten Taunton. Wenige Stunden später teilten die Mediziner den Eltern mit, dass ihr Bub außer Lebensgefahr ist. Wen wundert es, dass der Vater verkündet: "Ich fühle mich großartig. Es ist pure Euphorie."

Der Junge wird keine bleibenden organischen Schäden behalten. Die Polizei der Hafenstadt bestätigte inzwischen, dass das Baby die Intensivstation verlassen konnte. Einziges Problem: "Der Junge hat etwas schmutziges Wasser in die Lungen bekommen." George Reeder, übrigens ein begeisterter Surfer, ist glücklich, dass Sam lebt und er dazu beigetragen hat, dass der Junge den ungewollten Sprung ins kalte Wasser glimpflich überstanden hat. Der 63-Jährige wird in Großbritannien als Held gefeiert - obwohl er sich nicht als solcher sieht. "Nein. Die meisten Menschen hätten das getan. Ich bin nur der Kerl, der hineinsprang", sagte er. Vermutlich war das auch der Grund, warum der Hafenmeister nach der Rettung des kleinen Sams rasch nach Hause fuhr, eine Dusche nahm und seinen Dienst fortsetzte.

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