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Gauck bittet um Spenden für Flutopfer

Deichbruch in Sachsen-Anhalt, Behinderungen im ICE-Verkehr, Kanzlerin Merkel erneut in der Hochwasserregion: Die Situation bleibt angespannt. Die Hochwasser-Katastrophe kostet Milliarden.

  Tief im Wasser: Die Fahnen der Länder Niedersachsen und Schleswig-Holstein ragen kaum aus der Elbe-Flut in Lauenburg.

Tief im Wasser: Die Fahnen der Länder Niedersachsen und Schleswig-Holstein ragen kaum aus der Elbe-Flut in Lauenburg.

Die Hochwasser-Katastrophe kostet Deutschland Milliarden und ist noch lange nicht ausgestanden. Die Wucht der Elbeflut ließ am Montag einen Damm bei Fischbeck in Sachsen-Anhalt brechen, Tausende Menschen mussten sich in Sicherheit bringen. Weiter nördlich in Brandenburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein hofften Helfer, die Elbeflut mit Massen von Sandsäcken bändigen zu können. Nach einer Brückensperrung kam es zu großen Verspätungen im ICE-Verkehr. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sicherte den Hochwasser-Opfern bei einem Besuch an der Elbe in Wittenberge erneut Unterstützung zu. Bundespräsident Joachim Gauck rief erneut zu Spenden für die Betroffenen auf.

"Ich bitte ganz herzlich alle Menschen, die fernab von dieser Flutkatastrophe leben, sich zu überlegen: Was wäre, wenn es mich betroffen hätte?", sagte Gauck am Abend in einem Interview, das in der ARD ausgestrahlt wurde. Er hoffe darauf, "dass Sie sich dadurch, aber auch durch Ihre guten Erfahrungen von früher, bewegen lassen, das Portemonnaie aufzumachen und zu spenden. Das brauchen die Leute". Zugleich lobte Gauck die Spendenbereitschaft bei der vergangenen Flutkatastrophe: "Wir haben bei der letzten großen Flut auch bewiesen, welch große solidarische Kraft in der Bevölkerung steckt - und das möchten wir jetzt wiedersehen."

Die Flutschäden in ganz Deutschland werden inzwischen auf eine zweistellige Milliardensumme geschätzt. Ein ohnehin geplantes Treffen der 16 Ministerpräsidenten mit Kanzlerin Merkel soll an diesem Donnerstag um Gespräche zur Fluthilfe erweitert werden.

Elbdeich bei Hohengöhren rutscht

Der durchweichte, gebrochene Deich im Landkreis Stendal in Sachsen-Anhalt war gegen Mitternacht in der Nacht zum Montag auf einer Länge von rund 50 Metern gebrochen. 1000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde schossen in die Fläche und überschwemmen nun die Region. Etwa 3000 Menschen mussten sich in Sicherheit bringen, weitere Evakuierungen waren geplant.

Am frühen Montagmorgen sperrten die Behörden aus Sicherheitsgründen eine Eisenbahnbrücke über die Elbe nahe Stendal. Damit mussten Fernzüge von Frankfurt/Main und Hannover nach Berlin auf andere Strecken ausweichen. Das Ende der Sperrung ist derzeit unklar.

Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) sagte, die Bundeswehr verlagere weitere Kräfte in die Region. Auch in Hohengöhren bei Stendal blieb die Lage kritisch, weil ein Elbedeich auf 30 Metern Länge abrutschte. Helfer versuchten, ihn zu halten.

Platzeck: "Mit blauem Auge davongekommen"

In Magdeburg entspannte sich die Lage etwas - bei insgesamt leicht sinkendem Pegelstand. Das lange vom Wasser bedrohte Umspannwerk war zuletzt nicht mehr in Gefahr. Allerdings ist die Scheitelwelle des Hochwassers sehr lang und dürfte noch mehrere Tage lang gefährlich auf die Deiche drücken.

An der Landesgrenze zwischen Sachsen-Anhalt und Brandenburg laufen seit Sonntag planmäßig Polder voll, um die Hochwassersituation zu mildern. In der Nähe von Wittenberge in Brandenburg zeigte das bereits Wirkung. Der Wasserstand sank zeitweise um einige Zentimeter. Der Höhepunkt der Flutwelle wird dort aber erst am Dienstagmittag erwartet.

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) betonte bei seinem Treffen mit Kanzlerin Merkel in Wittenberge: "Ich denke, wir sind mit einem blauen Auge davongekommen." In Dresden wurde am Montagabend der Katastrophenalarm aufgehoben. In den nächsten Tagen nach Vorhersagen des Deutschen Wetterdienstes keine größeren neuen Niederschläge. Es soll stabiles Sommerwetter geben. Merkel erläuterte, sie wisse, dass die Schäden in die Milliarden gehen werden. Wie hoch sie genau sein werden, stehe noch nicht fest.

Politische Diskussion um Hilfsleistungen läuft

Auch in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen laufen Evakuierungen. Teilweise gibt es schulfrei, weil Gebäude zu nah am Wasser liegen oder als Notquartiere nötig sind.

Kanzlerin Merkel hatte bereits in der vergangenen Woche Hochwasserregionen in Bayern und Sachsen besucht und 100 Millionen Euro Soforthilfe der Bundesregierung zugesagt. Steuererhöhungen zur Behebung der Flutschäden in Deutschland hatte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) am Wochenende ausgeschlossen. Die FDP erwartet dennoch eine massive Aufstockung. Da werde mehr kommen, sagte Spitzenkandidat Rainer Brüderle. Die Größenordnung könne derzeit aber niemand seriös abschätzen. 2002 seien nach der Flut etwa sechs Milliarden Euro an Hilfen geflossen.

Die oppositionellen Grünen forderten Milliardenhilfen und ein langfristiges Schutzkonzept. Die Schäden seien größer als bei der Flut von 2002, doch die Mittel bislang weit kleiner als damals.

Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) schloss am Montag Enteignungen von Bauern zum Hochwasserschutz nicht aus. Dies sei aber nur "in letzter Konsequenz in Erwägung zu ziehen", sagte sie am Montag. Besser seien jedoch einvernehmliche Lösungen mit den betroffenen Landwirten.

Angesichts des Hochwassers brachte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) eine Versicherungspflicht gegen Naturkatastrophen ins Gespräch. Der Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, Alexander Erdland, sprach sich dagegen für vorbeugende Maßnahmen aus. Wegen künftig voraussichtlich häufigeren Überschwemmungen gebe es Handlungsbedarf. "In dem Teil, wo es nicht versicherbar ist, muss man sich überlegen, ob man Baugenehmigungen noch erteilen sollte", sagte Erdland. Grundsätzlich wollen die Versicherer im aktuellen Fall den Versicherten rasch und unbürokratisch Abschlagszahlungen zukommen lassen. Die KfW-Bank hat ein Kredit-Förderprogramm für geschädigte Betriebe aufgelegt. Die Anträge können von diesem Dienstag an gestellt werden.

In Deutschland gab es bislang mindestens sieben Tote durch die Flut. Bei mindestens zwei weiteren Toten blieb der Zusammenhang noch unklar. In Tschechien wurde ein elftes Flutopfer tot geborgen. Starkregen und Sturm erschwerten dort die Aufräumarbeiten.

dho/DPA/Reuters/DPA/Reuters

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