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Passaus aussichtsloser Kampf gegen die Flut

Sie wissen, dass sie keine Chance haben - und trotzdem kämpfen die Passauer gegen die Fluten. Eindrücke aus einer Stadt, die unter Wasser steht.

Von Georg Wedemeyer, Passau

  Menschen paddeln mit einem Schlauchboot durch die Fußgängerzone von Passau, das Hochwasser erreichte um 4 Uhr in der Nacht zu Dienstag seinen Höhepunkt.

Menschen paddeln mit einem Schlauchboot durch die Fußgängerzone von Passau, das Hochwasser erreichte um 4 Uhr in der Nacht zu Dienstag seinen Höhepunkt.

  • Georg Wedemeyer

In der Grabengasse 26 in Passau sägt einer. Mit einer winzigen Säge ein dickes Brett. Es ist Hans Zehntner, der Hausbesitzer. Der 72jährige müht sich ab, aber helfen lassen will er sich nicht. "Des pack ma scho selber." Seine Frau Renate riskiert einen Blick um die Ecke. Dort, etwas 15 Meter weg, züngelt die Flut. Schiebt sich Pflasterstein für Pflasterstein nach vorne. "Es kimmt", sagt sie und ihr Mann sägt ein wenig schneller. Das Brett soll die Haustüre absperren. Zusammen mit ein paar Sandsäcken könnte es vielleicht ein bisschen was ausrichten. Aber eher nicht. Das Hochwasser ist längst im Keller, während Zehnter an der Haustüre noch an seinem Brett sägt. Entweder eingedrungen über einen Ablauf im Keller. Oder einfach von der ungeheuren Kraft des Hochwassers durch die Wand gedrückt. Die Zehntners wissen das. Sie wissen, dass sie keine Chance haben, keine Chance gegen das, was da am Montagnachmittag auf sie zukommt. Aber sie machen keinen traurigen Eindruck. Sie sind Passauer und in Passau sind Hochwasser normal.

Dieses Mal sei es besonders hoch, ja, aber so ist das eben. Eine Versicherung gegen Hochwasserschäden hat hier kaum jemand. "Ist in einem Hochwassergebiet wie Passau einfach zu teuer", sagt Zehntner.

Ein paar Straßen weiter hat der Rechtsanwalt Markus Ihle, 39, auch einen langen Kampf hinter sich. Er raucht eine Zigarette und erinnert sich. "Vor 15 Stunden haben wir da drüben aus dem 30 Meter entfernten Tor noch jede Menge Möbel rausgeschleppt." Jetzt steht es einen Meter unter Wasser. "Die Türe da in zehn Meter Entfernung haben wir vor drei Stunden aufgegeben. Als das Wasser im Hausgang bis zu den Steckdosen stieg, wurde es zu gefährlich." Jetzt schleppt er Sandsäcke zur dritten Tür. Die ersten hat die Flut schon erfasst. Ihle macht weiter. Seine Hoffnung: "Wenn das Wasser durch die Sandsäcke eindringt, wird es gefiltert und ist nicht so dreckig."

Gespenstische Ruhe in der Altstadt

Die Stimmung in der Passauer Altstadt ist merkwürdig ruhig. Die meisten Häuser dort sind mittlerweile verlassen. Nicht weil das Wasser bis in den dritten Stock steigen könnte. Sondern weil es keinen Strom und kein Wasser mehr gibt. Das zieht man freiwillig aus. Nur 101 Menschen mussten in Sicherheit gebracht werden, 63 davon aus einem Altenheim. Die Notbetten in der Dreiländerhalle, wo sonst die CSU ihren politischen Aschermittwoch abhält, nutzt kaum jemand, die meisten kommen bei Verwandten unter. Auch das ist Passauer Hochwasserroutine.

Am späten Montagnachmittag dann plötzlich nochmal Aufregung. Feuerwehr und technisches Hilfswerk wollen Ladenbesitzern in der Theresienstraße beim Auspumpen der Keller helfen. Wie dem Optiker Reinhold Springer. Er spricht mit einem Feuerwehrmann. Der sagt: "Momentan steigt der Inn nicht weiter, nur die Donau." "Und?", fragt Springer. "Wenn der Wasserstand in den Kellern stabil bleibt, pumpen wir nicht", sagt der Feuerwehrmann. Immerhin gibt es Springer schon mal einen Schlauch.

Bei der Aktion in der Theresienstraße behindern sich Autos von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und Roten Kreuz gegenseitig. Dann kommen auch noch Bundeswehrfahrzeuge dazu. Und in der Mitte steht ein weißes Mercedes-Coupe im Parkverbot. Hinter der Winderschutzscheibe liegt ein Zettel: "Die Tiefgarage war wegen Hochwasser geschlossen. Deshalb stehe ich hier. Bitte um Verständnis." Darum drängen sich zahlreiche Hochwassertouristen und lästern über "den Deppen". Eine Gasse weiter hat ein Ladenbesitzer an sein Schaufenster geschrieben: "Wassertouristen! Bitte gehen Sie nach Hause."

In all dem Chaos rattern plötzlich kleine Kofferräder über das Pflaster. Eine vierköpfige Familie zieht die Koffer hinter sich her. Alle bis auf die zweijährige Tochter sind auch bepackt mit Plastiktüten. Sie wohnten am Römerplatz, der unter Wasser steht. Mussten raus aus dem dritten Stock "weil das Kind krank ist. Das geht nicht ohne Wasser und Heizung." Jetzt sind sie auf dem Weg zu einer Schwägerin, die sie aufnimmt. "Wir müssen weiter." Und wie heißen Sie? "Bensch. Wie Mensch nur mit B".

Der Morgen danach

Am Montagabend dann erreicht das Wasser seinen Höhepunkt: Gegen 21 Uhr wird 12,89 Meter gemessen, damit übertrifft der Pegel die Rekordwert von 12,20 Meter aus dem Jahr 1954. Selbst um 4 Uhr in der Nacht steht das Wasser noch bei 12,40 Metern.

Am Morgen nach dem Jahrhunderthochwasser: Der Pegelstand sinkt. Es ist kühl, trüb und schmuddelig in Passau. Nur wenige Menschen sind in der Altstadt unterwegs.

An einigen Stellen, an denen sich das Wasser zurückgezogen hat, liegen zerplatzte Sandsätze. Eine Bäckerin am Residenzplatz wartet auf frische Semmeln und Kuchen für ihr Café. Sie hofft, dass der Lieferant zu Fuß durchkommt. Der Mann schafft es später tatsächlich irgendwie, die Backwaren zu liefern. Auf dem Residenzplatz soll auch ein Wassertankfahrzeug die Anwohner mit Trinkwasser versorgen, aber bisher ist es noch nicht da.

mit Agenturen

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