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Die Theorie von der unterirdischen Nazi-Fabrik

Ein Jahr ist es her, dass ein Erdrutsch im sachsen-anhaltinischen Nachterstedt Häuser in den Abgrund riss, drei Menschen starben. Bis heute sind die genauen Ursachen unklar. Nun gibt es Hinweise, dass sich unter Nachterstedt eine Nazi-Fabrik befand.

Von Kuno Kruse, Derik Meinköhn und Wolfgang Metzner

Im Dezember 1944 wird der junge Schütze Plumeyer, Mitglied der Waffen SS, am Nordrand der Eifel von Soldaten der Alliierten Truppen gefangen genommen. Bei seiner Vernehmung durch britische Offiziere, zwei Monate später, berichtet der deutsche Gefangene mit der Chiffre CS/1295 von geheimen Kriegsproduktionsanlagen im und um den Harz. Eine davon befand sich nach Plumeyers Hinweisen, gut getarnt und zum großen Teil unterirdisch angelegt, im Ort Nachterstedt in Sachsen-Anhalt - dort, wo vor einem Jahr Häuser in einen gefluteten Braunkohletagebau stürzten und drei Menschen in den Tod rissen. Den Eingang zu der Anlage zeichneten die Vernehmungsoffiziere nach den Angaben Plumeyers nur wenige Schritte von jener Wohnsiedlung entfernt ein, in der sich das Unglück ereignete.

Seit einem Jahr sucht die Bergbaubehörde des Landes Sachsen-Anhalt nach der Ursache des Erdrutsches. Bislang mit wenig Erfolg. Am Donnerstagvormittag teilten die Experten auf einer Pressekonferenz mit, dass sie immer noch im Dunkeln tappen. Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau Verwaltungsgesellschaft kündigt einen Abschlussbericht für Ende 2011 an. Bohrungen sollen weiteren Aufschluss über den Untergrund bringen und die bisherigen Methoden ergänzen.

Die Aussagen des Kriegsgefangenen Plumeyer, die bisher unbeachtet in den Archiven auf Mikrofilmen schlummerten, könnten allerdings eine ganz neue Spur freilegen.

Immer wieder machten die Alliierten Luftaufnahmen

Die 1945 mit dem Stempel "secret" versehenen Aufzeichnungen der britischen Offiziere hat der Jurist und leidenschaftliche Rechercheur in Sachen NS-Geheimprojekte Dirk Finkemeier aus seinem umfangreichen Handarchiv gezogen. Finkemeier sammelt seit Jahren Material über geheime unterirdische Gasproduktionen und Atomforschungstätten des Dritten Reiches, vor allem in seinem westfälischen Heimatort Espelkamp. "Ich war schockiert, als ich dann im Radio von dem Unglück in Sachsen-Anhalt hörte", so Finkemeier. "Der Name Nachterstedt sagte mir sofort etwas. Der Standort war doch Teil meines Manukripts." Seit Jahren recherchiert Finkemeier für ein Buch über geheime Produktionsanlagen der Nazis. Und dabei war er auf Hinweise gestoßen, dass sich in Nachterstedt eine unterirdische Fabrik befand. Die Aufklärungsdienste der Alliierten hegten diesen Verdacht möglicherweise sogar schon vor der Vernehmung des jungen Mannes von der Waffen-SS. Denn immer wieder hatten britische und auch amerikanische Aufklärungsflugzeuge Luftaufnahmen von Nachterstedt gemacht.

So konnten bei dem Verhör die Angaben des Gefangen auf Fotos vom 15. Juni 1944 genau verortet werden. Ein Grafiker fertigte eine Karte an, markierte den angepflanzten Wald, von dem Plumeyer berichtete, dass darunter eine Gas-Fabrikation versteckt liege.

Viel war aus der Luft nicht zu erkennen. Alle oberirdischen Wege, berichtete der Deutsche, seien getarnt worden, indem man die Spitzen der Bäume darüber zusammengezogen und auch Netze angebracht hätte. Der SS-Mann erklärte seinen Vernehmern, häufiger dort gewesen zu sein, sowohl allein als auch mit Kameraden der nahe gelegenen Junkers-Werke. So konnte er die Gasbehälter genau beschreiben, die dort aufgestellt waren. Was sie enthielten, wusste er allerdings nicht. Die Briten stuften die schwer bewachte Anlage anschließend als "IG-Farben gas plant" ein, eine Gasfabrik.

"Niemand weiß, was in den Stollen versteckt ist"

Die stern.de-Grafik legte aktuelle Luftaufnahmen und die Zeichnung der Vernehmer von 1945 übereinander (hier die grafische Rekonstruktion). Die Straßen verlaufen identisch. Noch heute lässt sich auch der früheren Verlauf der Gleise, die auf den alten Luftaufnahmen deutlich zu sehen sind, an einem Grünstreifen erkennen. Und auch der in schnurgraden Linien gepflanzte Wald steht noch da. Nur dort, wo der Zeichner das Wort "Entrance" schrieb, also "Eingang", ist das Land heute abgerissen. Dort stürzten die Häuser in den See. "Merkwürdig," sagt Finkemeier, der als rebellischer Außenseiter gewohnt ist, abgewimmelt zu werden, "dass scheinbar niemand weiß, und auch nicht überprüft, was dort vielleicht noch in geheimen Stollen versteckt sein könnte."

Vor zwei Monaten legte der stern die Unterlagen Finkemeiers den für Nachterstedt zuständigen Fachleuten am Landesamt für Geologie und Bergwesen vor. Die Behörde, die mit der Ermittlung der Unglücksursache betraut ist, besitzt nach eigenen Angaben keinerlei Informationen über eine solche geheime Anlage bei Nachterstedt, wie sie Plumeyer beschrieb. Auch aus den in Landesamt vorhandenen Plänen ergäben sich keine Indizien für eine Gasproduktion.

Ähnlich reagierte die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau Verwaltungsgesellschaft, die stern.de ebenfalls über die brisante Spur informierte. "Wir nehmen die Hinweise duchaus ernst," erklärte der Sprecher der Bergbaugesellschaft, "nach gegenwärtigen Erkenntnissen aber gibt es keine Hinweise auf eine militärisch genutzte Anlage in diesem Gebiet. Ausschließen können wir es allerdings nicht." Bisher wisse man nur von einem "Sprengmittelbunker" in dem ausschließlich Explosivstoffe für den Bergbau gelagert worden seien.

Plausible Aussagen des Schützen Plumeyer

Die Aussagen des Schützen der Waffen-SS, Plumeyer, erscheinen aber durchaus seriös. Denn er beschrieb auch andere militärische Anlagen detailliert. So berichtete er über seinen eigenen Einsatz bei der Errichtung von Unterkünften in einem Munitionswerk bei Güsen, nordöstlich von Magdeburg. Tatsächlich hatte die Dynamit Nobel AG dort 680 Gebäude errichten lassen, darunter getarnte Stahlbetonbunker. Schütze Plumeyer gab auch an, dass von der Harz-Stadt Goslar eine Bahnlinie zu einer unterirdischen Anlage geführt habe, in der V1-Raketen, noch ohne Flügel, gefüllt und auf Güterwaggons abtransportiert worden seien. Das habe er mit eigenen Augen gesehen. Er schätzte die Zahl der dort gefangenen Zwangsarbeiter auf 5000 bis 6000.

Tatsächlich befanden sich in Goslar riesige Rüstungsproduktionen. Und tatsächlich wurden die V1-Flügel erst später andernorts montiert. Historiker kommen bei ihren Forschungen auf eine übereinstimmende Zahl von Kriegsgefangenen an diesem Ort.

Auch das Befüllen von Raketen in Goslar erscheint durchaus logisch. Denn die zentrale Produktionsstätte für die von Propagandaminister Goebbels "Vergeltungswaffen" genannte Flugbombe V1 und Rakete V2 befand sich in Stollen auf der südlichen Seite des Harzes. Dort wurden bei der Raketenproduktion im Mittelwerk Dora 20.000 Häftlinge zu Tode gequält. Dora war eine Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald, die sich wiederum auf 40 Lagerkomplexe in dieser Gegend verteilte.

Mit den Ergebnissen der historischen Forschung deckt sich auch Plumeyers Beschreibung der Heeresmunitionsanstalt (MUNA) in Aschersleben, nur 10 Kilometer von Nachterstedt entfernt. Auch hier befand sich eine Außenstelle des KZ Buchenwald.

Die SS gab den geheimen Anlagen Tiernamen

In Nachterstedt selbst weiß man nur von der IG-Farben-Fabrik im zwei Kilometer entfernte Nachbarort Frose, auf der anderen Seite des Waldes. Auf einer Liste des US-amerikanischen Strategic Bombing Survey aus dem Sommer 1945 taucht der Name Nachterstedt mit dem Code "Molch 6" auf. Die SS benutzte Tiernamen für geheime Anlagen. Andere IG-Farben-Anlagen mit der Bezeichnung "Molch 3" und "Molch 4" wurden in Auschwitz errichtet. Die Fabrik in Frose produzierte Tetraethylblei zur Oktananreicherung für Flugbenzin.

So scheint möglich, dass sich Plumeyer geirrt, und vielleicht diese Fabrik gemeint haben könnte. Doch alle seine Angaben zur "Gas Plant" deckten sich präzise mit den Luftaufnahmen der britischen Aufklärer - und zwar nicht mit dem Ort Frose, sondern mit der Unglückstelle von Nachterstedt. Gab es vielleicht eine zweite, unterirdische Fabrik? Oder wurden Gänge eines geheimen Teils der IG-Farben-Anlage von Frose zwei Kilometer weit durch das Kohlerevier getrieben? In alten Plänen sind jedenfalls kilometerlange Verbindungen skizziert. Damit stellt sich die Frage: Sind dann Teile davon heute noch vorhanden? Und, falls ja: Was befindet sich dann in den Stollen?

Der Rechercheur Finkemeier kann sich verschiedene Szenarien vorstellen. Zum Beispiel eine Pilotanlage für das unter dem Code "N-Stoff" hergestellte Chlortrifluorid. Ein flüssiges Gas, das sich durch Berührung mit organischen Materialien, zahlreichen Metallen und auch Wasser schlagartig entzündet. Es konnte sowohl als Treibstoff als auch Kampfmittel dienen. Die Reichsführung übertrug die Entwicklung der SS.

Jetzt soll ein Historiker beauftragt werden

Finkemeyer will nicht einmal ausschließen, dass Bestände des in Schlesien produzierten Nervengases Tabun an den Harzrand transportiert und versteckt wurden. Das Gas sollte auf keinen Fall in die Hände der vorrückenden russischen Truppen fallen. Belegen kann das Finkemeyer nicht. Der Chef-Chemiker des Heereswaffenamtes, Emil Ehmann, nannte aber später in Vernehmungen neben Sachsen auch Anhalt als einen möglichen Lagerplatz.

1945 eroberten die Amerikaner das Gebiet, und sie verschlossen in der Regel gefährliche militärische Anlagen. Sie wurden von Briten abgelöst, die das Gelände dann russischen Truppen überließen. Könnte es sein, dass die Übergabe von brisanten Unterlagen beim Stabwechsel vergessen wurde? Und ist es vielleicht möglich, dass der Erdrutsch vor einem Jahr durch bisher unentdeckte unterirdische Hohlräume, durch vergessene Stollen oder sogar durch eine Explosion von Munitionsrückständen ausgelöst wurde?

Die LMBV plant nun, eine militärhistorische Studie beim Militärarchiv in Freiburg in Auftrag zu geben. Vielleicht kann sie Licht in das Dunkel bringen, das immer noch über dem Drama von Nachterstedt liegt.

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