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Eva Herman und der Sündenpfuhl

Während das ganze Land die Opfer der Loveparade betrauert, lässt Eva Herman die Katastrophe in einem zynischen Text als Strafe für eine "riesige Drogen-, Alkohol- und Sexorgie" erscheinen. Nach der Empörung über ihren ersten Artikel hat sie nun noch einmal nachgelegt.

Von Sönke Wiese

Eva Herman kann es nicht sein lassen. 19 Tote und über 500 Verletzte forderte die Loveparade in Duisburg, das friedliche Fest endete wegen eines offenbar mangelhaften Sicherheitskonzepts in einer Katastrophe, das Land steht unter Schock. Und was tut die Ex-"Tagesschau"-Sprecherin? Sie nutzt die Gelegenheit, um sich wieder mit religiös verbrämten Weltanschauungen ins Gerede zu bringen.

Auf den Internetseiten des halbseidenen Kopp-Verlags schrieb sie einen Tag nach dem Unglück in Duisburg: "Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen. Was das angeht, kann man nur erleichtert aufatmen!" Hermans Text, überschrieben mit "Sodom und Gomorrha in Duisburg", erweckt den Eindruck, als sei es für sie vorstellbar, dass die Tragödie nichts anderes sei als eine Strafe einer höheren Gewalt. Überhaupt bemüht Herman in ihrem Erguss gerne Biblisches. "Wer sich die Loveparades aus den zurückliegenden Jahren ansieht", schreibt sie, "glaubt, in der Verfilmung der letzten Tage gelandet zu sein, wie sie in der Bibel beschrieben werden." Besonders das freizügige Gebaren einiger Teilnehmer stößt Herman offenkundig übel auf: "Viele Mädchen haben den Busen blank gezogen, manche sind fast völlig nackt. Sie wiegen sich in ekstatischer Verzückung im ohrenbetäubenden Lärm, Begriffe wie Sittlichkeit oder Anstand haben sich in den abgrundtiefen Bassschlägen ins Nichts aufgelöst."

Dabei sei klar: Bei einem Treiben wie auf der Loveparade sei man nicht weit vom Abgrund entfernt. Denn dieses "'friedliche Fest fröhlicher junger Menschen' ist in Wahrheit eine riesige Drogen-, Alkohol- und Sexorgie". "Wie im Sog" seien die Teilnehmer der Loveparade "dem finsteren Meister der sichtbaren Verführung" gefolgt.

Ein wenig Bedauern über die Katastrophe schwingt dann aber doch auch bei Herman mit: Angesichts der Opfer würden jetzt wohl nicht mehr die "entfesselten Auswüchse" der Party thematisiert, "die symbolisch doch nur für den kulturellen und geistigen Absturz einer ganzen Gesellschaft steht", schreibt sie.

Herman reagiert auf Kritik

In unschöner Regelmäßigkeit meldet sich Eva Herman seit ihrem Rauswurf beim NDR zu Wort, um ihre konservativen Ansichten unters Volk zu bringen. Auf den Seiten des ominösen Kopp-Verlags ("Informationen, die Ihnen die Augen öffnen") verliest sie seit einiger Zeit Nachrichten im "Tagesschau"-Stil. Doch mit ihrer jüngsten Polemik hat sie die geballte Wut vieler Menschen auf sich gezogen, die sie bisher allenfalls belächelt hatten. Und so hat Herman inzwischen eine ungelenke Entschuldigung online gestellt, die ihre ursprüngliche Entgleisung nur verschlimmbessert.

Ihr sei nicht entgangen, dass "einige junge Leute ärgerlich waren", schreibt sie, weil diese die Opfer durch ihren Text diskriminiert sähen. Das bedauere sie nun. Doch dann folgt abermals eine breit ausgewalzte Klage über den angeblichen "allgemeinen Sittenverfall", den ihrer Ansicht nach "hauptsächlich die sogenannten Achtundsechziger" zu verantworten hätten: "Sie haben Werte wie moralischen Anstand nahezu abgeschafft", schreibt Herman. Dagegen kämpfe sie, so Herman, "manchmal vielleicht zu ungestüm". Beim Artikel über die Loveparade habe sie sich allgemein mit dem Thema "Saat und Ernte" befasst.

"Selbstverständlich ist mir auch klar", schreibt Herman nun zu ihrer Verteidigung, "dass bei 1,4 Millionen Besuchern in Duisburg nicht alle betrunken oder zugedröhnt waren. Aber leider sind es eben auch nicht wenige gewesen. Diese Kritik müssten sich die jungen Leute eigentlich ebenso gefallen lassen", wie sie selbst derzeit alle möglichen Institutionen - gemeint sind die Polizei, die Sicherheitskräfte, die Veranstalter - angriffen, um die Schuldigen des Unglücks zu finden.

Wie sie sich die Zukunft Deutschlands vorstellt, fabuliert Herman in dem Text übrigens auch noch: "Ich habe nämlich einen Traum: Den Traum eines Landes mit glücklichen Menschen, ohne Drogen, ohne übermäßigen Alkohol, ohne eine sexualisierte Gesellschaft, sondern eines Landes, in dem Menschen leben, denen Verlässlichkeit und gegenseitiger Respekt wichtig sind."

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