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stern-reportage

Der Moloch und der Tod

In den Vorstädten von Marseille tobt der Krieg der Drogenclans. Die Dealer werden immer brutaler, die Opfer immer jünger. Eines von ihnen war Fahad Echata.

Marseille: Krieg um Drogen

Die Betonburgen der Cité „Parc Kallisté“ im Norden von Marseille. Hier wurde Fahad Echata ermordet.

Der Mistral treibt Müll über den Parkplatz des Einkaufszentrums in der Hochhaussiedlung "Parc Kallisté". Gleich neben der Zufahrt feiert ein Graffito eine Städtepartnerschaft des internationalen Drogenhandels: – Bogota – Baltimore – Palermo – Malaga.

"Parc Kallisté", eine der berüchtigten Problemsiedlungen von Marseille: 753 Wohnungen, verteilt auf neun Gebäude. 18 Stockwerke Verwahrlosung. In den Fluren stinkt's nach Katzenpisse. Riesig sind die Katzen hier. Genau wie die . Verfluchte Cité.

Manche Wohnungen sind vermauert, andere werden besetzt. Viele werden von "Schlaf-Händlern" zu Wucherpreisen untervermietet an Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung. Letzte Station vor der Obdachlosigkeit. In den Hauseingängen warten Dealer auf Kundschaft, Kapuzen tief ins Gesicht gezogen.

Marseille – Bogota – Baltimore – Palermo – Malaga

Viele Geschäfte haben schon zugemacht. Nur der Drogenhandel boomt. Auf dem Parkplatz fahren aller Klassen vor. Der florierende Cannabismarkt ist umkämpft. Der Clankrieg wird immer brutaler. Und die Opfer werden immer jünger. Der 19-jährige Fahad Echata war eines von ihnen.

Heiligabend 2016 war Fahad mit Freunden verabredet. "In dem Teesalon da drüben, gleich neben der Metzgerei mit der zerfetzten Markise", sagt Eddy, Kassierer im Gemischtwarenladen gegenüber. "Der Besitzer hat den Laden dichtgemacht. Steht noch immer unter Schock. Es ist schrecklich. Seit dem Weihnachtsabend kommt kaum noch Kundschaft. Die Menschen haben Angst."

"Eine falsche Bekanntschaft ruiniert dir hier das Leben." Zwei junge Männer in einer der Cités von Marseille.

"Eine falsche Bekanntschaft ruiniert dir hier das Leben." Zwei junge Männer in einer der Cités von Marseille.

Die Dealer machen den Alltag unerträglich. Kassierer Eddy sagt: "Letztes Wochenende musste ich einen Arzt rufen. Den haben die Dealer erst von oben bis unten gefilzt, bevor sie ihn ins Hochhaus gelassen haben."

Seine drei Kinder lässt er nicht auf die Straße – "natürlich nicht". Kauft ihnen alles, was sie wollen. Neueste Playstation, neueste Games – Hauptsache, sie gehen nicht raus. Denn auf der Straße gerät man unweigerlich in die Kreise der Dealer. "Eine falsche Bekanntschaft ruiniert dir hier dein Leben", sagt er.

Schischa rauchen, Handy hören

Fahads Mutter war so glücklich. Erst vor Kurzem konnte sie mit der Familie wegziehen. Hatte eine Wohnung im Stadtzentrum gefunden. Boulevard d'Athènes, nahe der Prunktreppe des Bahnhofs Saint Charles, die mit ihren gleißend weißen Skulpturen an die Kolonialvergangenheit der Hafenstadt erinnert. Nicht einfach, so eine Sozialwohnung zu bekommen. Endlich raus aus dem Elend. Ein erster Schritt nach oben für die Einwanderer von den .

Aber für Fahad war der "Parc Kallisté" noch immer sein Zuhause. Hier war er geboren, hier lebten seine Freunde. Die Jugendlichen hängen an ihrem Viertel. Trotz allem.

Fahad jobbte im Jugendzentrum "Les Bourrely" als Betreuer. Vergangenen Sommer noch war er mit den Kindern aus den Problemsiedlungen im Zeltlager in Montpellier. Zumindest mit denen, die nicht in den Drogenhandel verstrickt waren.

Nichts zu tun: Junge Leute vertreiben sich die Zeit auf der Straße.

Nichts zu tun: Junge Leute vertreiben sich die Zeit auf der Straße.

An diesem hatte das Jugendzentrum geschlossen. Kein Geld für Wochenendbetreuung. Die zwei, drei Imbisse und Bars in der schlecht beleuchteten Ladenzeile sind alles, was die Jugend hier hat an Sonn- und Feiertagen. Bisschen Schischa rauchen, bisschen Handy hören und von Paul Pogba träumen, dem biestigen französischen Fußballnationalspieler, der es aus der Banlieue rausgeschafft hat.

Fahad saß zusammen mit drei Freunden um einen Tisch in dem kleinen Teesalon und wartete, dass die Pizzeria nebenan aufmachte. Gegen neun Uhr abends fuhr ein Auto auf dem Parkplatz vor. Drei vermummte Männer sprangen heraus und stürmten in den Teesalon. Sie schickten alle nach draußen. Fahad wollte auch raus. Sie hielten ihn auf und feuerten ohne Warnung aus einer Kalaschnikow auf ihn. Dann ergriffen sie die Flucht. Das Killerkommando hatte Fahad unter Dauerbeschuss genommen. Bis hinaus auf den Parkplatz hatten die Patronen gestreut. 15 Kugeln steckten in seinem Brustkorb. Er starb kurz nach Ankunft der Rettungskräfte.

Niemand spricht in den Cités. Omertà

Fahad war der Polizei nicht bekannt. In den Drogenhandel der Cité war er nicht verwickelt. Mit seinem Abschluss in Elektrotechnik und seinem Engagement im Jugendzentrum war er ein Vorbild. Einer wie Fahad konnte eigentlich nur versehentlich getroffen worden sein. Doch die Killer hatten ihn ganz gezielt aus den Anwesenden herausgepickt. Als die Polizei am Tatort eintraf, waren sämtliche Freunde Fahads verschwunden. Der einzige Zeuge war der Besitzer des Teesalons, der die Aussage verweigerte. Niemand spricht in den Cités. Omertà. Die Ermittler standen vor einem Rätsel.

Ortstermin im Tribunal de Grande Instance, dem höchsten Gericht von Marseille. Oberstaatsanwalt Xavier Tarabeux ist Chefermittler der Stadt. Er versinkt im Sessel hinter dem Konferenztisch in seinem Büro im fünften Stock. Ruhig hier oben. Die Problemsiedlungen sind weit entfernt.

Über die laufende Ermittlung zu Fahad möchte Tarabeux nichts sagen. Räumt aber ein, dass 2016 eines der brutalsten Jahre in der Kriminalgeschichte von Marseille war. Die wachsende Gewalt sei vor allem auf den Cannabishandel in den Cités zurückzuführen. Die Ware komme aus Marokko über Spanien nach Frankreich.

Plastikbeutel voller Geld: die Tageseinnahmen eines Straßendealers

Plastikbeutel voller Geld: die Tageseinnahmen eines Straßendealers

Tarabeux sagt: "2016 war das Jahr der Abrechnungen. Revierkämpfe der Drogenclans. In den vergangenen Monaten kam es dazu noch verstärkt zu Racheaktionen. Das hat sich hochgeschaukelt. 2016 hatten wir 28 Opfer zu beklagen. 2015 waren es 15 gewesen. Die meisten dieser Abrechnungen werden inzwischen mit Kriegswaffen ausgeführt. Kalaschnikows aus Ex-Jugoslawien. 2016 wurden insgesamt 280 Waffen sichergestellt." Kalaschnikows also. Wie in den brasilianischen Favelas. Eine Waffe, die im Dauerfeuermodus jedes Kind bedienen kann. Genau das sind Mörder und Opfer oft: Kinder.

Bis zu 50.000 Euro am Tag setzt ein Dealernetzwerk in einer Drogen-Cité um

Fünf Clans teilen sich in Marseille den Drogenmarkt auf. Sie kontrollieren die wichtigsten Verkaufspunkte. Zwei dieser Clans sind besonders mächtig: die "Blacks" und die "Gitans". Auf deren Konto gehen die meisten Opfer. Viele der Erschossenen werden in gestohlenen Autos im Niemandsland der Stadtbrachen abgeladen und dort angezündet. "Barbecue" nennen sie das hier. Verwischt alle Spuren.

Der Drogenmarkt der Stadt ist gewinnträchtig. Bis zu 50.000 Euro am Tag setzt ein Dealernetzwerk in einer Drogen-Cité um. Und davon gibt es Dutzende.

Tarabeux managt eine Dauerkrise. In den verrufenen Norden begibt er sich nur, wenn ein spektakuläres Verbrechen stattfindet. Als Fahad Weihnachten erschossen wurde, trat er zusammen mit dem Polizeipräfekten im "Parc Kallisté" vor die Kameras. Danach rauschten beide wieder ab ins Zentrum.

Von Baltimore bis Palermo: Ein Graffito an der Zufahrt zur Cité "Parc Kallisté" nennt Zentren des Drogenhandels.

Von Baltimore bis Palermo: Ein Graffito an der Zufahrt zur Cité "Parc Kallisté" nennt Zentren des Drogenhandels.

Einer, der bleibt, ist Abdelali Louafi. Sein ganzes Leben hat der 52-Jährige in den brisanten Cités verbracht. Der Leiter des Sozialzentrums "Les Bourrely" ist vielen in den Quartiers Nord nur als "Loul" bekannt. Er ist einer der erfahrensten Jugendbetreuer der Stadt. Er kannte Fahad gut. Hatte ihn 2015 im Jugendtreff eingestellt. Neben seinem Studium betreute Fahad dort regelmäßig Jugendgruppen. Nur 400 Meter entfernt von jenem Teesalon, in dem er Weihnachten sterben sollte. Auf halber Strecke steht ein schrottreifer Wohnwagen, vor dem ein Dealer auf einem Plastikstuhl sitzt. Wartet auf Kundschaft. Es wird niemals aufhören.

"Fahads Tod stürzt unser ganzes bisheriges Erziehungsprogramm um", sagt Abdelali Louafi. Er sitzt an seinem Schreibtisch und tippt auf zwei Handys gleichzeitig herum, während er spricht. "Bislang haben wir den Kindern immer erzählt: 'Mach Sport, sei fleißig in der Schule, engagier dich, dann bekommst du deinen Platz in der Gesellschaft.' Vorbei. All diese Kinder hier sind jetzt mögliche Fahads." Jeder könne unschuldig zum Opfer werden. Und dazu seien die Kinder noch in einer so schwierigen Phase: "Ein schlechter Moment, und sie kippen. Wenn wir Freitag zumachen und Montag wieder öffnen, kann die Arbeit von zwei Jahren verloren sein. Ein Wochenende kann alles kaputt machen. Das Einzige, was hier hilft, ist ständige Präsenz. Aber dafür brauchen wir Geld. Und das wird immer mehr gekürzt."

"Im Ghetto ist ein Licht ausgegangen"

Sobald Abdelali merkt, dass einer seiner Jungs straucheln könnte, versucht er, ihm einen befristeten Vertrag in seinem Zentrum zu geben. So kann er ihn vielleicht noch in der Gemeinschaft halten. Seine Jugendlichen haben einen Trauermarsch bis vors Rathaus gemacht. Sie haben das Gefühl, dass die Stadtoberen sich nicht um sie kümmern. Das Zentrum um den pittoresken alten Hafen herum wird immer feiner. Die Problemviertel deklariert man als "sensible Zone" und schickt ab und an die Polizei zur Großrazzia vorbei. Ansonsten streicht man ihnen die Mittel. Fahads Freunde haben Plakate gemalt, um ihre Trauer zu verarbeiten. Auf einem steht: "Im Ghetto ist ein Licht ausgegangen."

Seit der Teesalon nach dem Mord an Fahad geschlossen hat, ist die Bar "Le Delyse" der einzige Treffpunkt im "Parc Kallisté". Der Papierkorb quillt über von Wettscheinen für Pferderennen. Auf dem riesigen Fernsehbildschirm geht gerade ein Rennen zu Ende. Niemand hat etwas gewonnen. Enttäuscht lösen die Gäste ihren Blick vom Fernseher und versinken in ihren Wettzeitschriften oder verfolgen das Treiben der Dealer draußen auf dem Parkplatz.

Der Tatort vor einem Teesalon. Hier wurde Fahad Echata erschossen.

Der Tatort vor einem Teesalon. Hier wurde Fahad Echata erschossen.

Elias nuckelt an seiner Capri-Sonne. 19 Jahre alt. Daunenjacke, weiches Gesicht unter einer Wollmütze, wässrige Augen hinter der Sonnenbrille. Er sieht müde aus. War feiern gestern. "Ein bisschen müssen wir doch auch von unserer Jugend profitieren, oder etwa nicht?", sagt er. Er trägt eine Trainingshose mit Borussia-Dortmund-Abzeichen. "Die kamen aus dem Nichts in die Champions League. Großartig!" Am meisten bewundert er Ronaldo. "Der trainiert wenigstens hart. Messi hat doch alles in die Wiege gelegt bekommen. Das ist doch kein Verdienst."

Elias ist 19, algerischer Herkunft und wohnt in der Cité gleich nebenan. La Solidarité. Noch härterer Drogenmarkt als hier unten. Sagt zumindest Elias. "Ich würde dir nicht raten, dort oben aufzuschlagen", sagt er. Er spricht, als hätte er etwas Weiches im Mund, das er mal runterschlucken müsste. Der Blick über den Rand seiner Sonnenbrille gibt deutlich zu verstehen, dass er keine Journalisten in seinem Territorium möchte.

Manchmal springen die Menschen aus den Hochhäusern

Elias hat einen Abschluss in Elektrotechnik. Genau wie Fahad. Er sagt, wenn irgendwer die Adresse auf seinem Lebenslauf sieht, wirft er ihn doch sofort in den Papierkorb. "Wenn ich hier oben nicht ein, zwei Dinger links und rechts drehe, komme ich nicht voran. Nicht einfach hier. Manchmal springen die Menschen aus den Hochhäusern. Ich bin in meinem Leben schon an drei Toten vorbeigegangen."

Ein Mann mit Downsyndrom betritt die Bar und albert mit den Dealern herum. Sie klopfen ihm auf die Schulter und knuffen ihn in die Rippen.

Elias sagt: "Ich bin jung. Ich habe nix zu verlieren. Man muss hier raus, um Erfolg zu haben. Eines weiß ich: Wenn ich noch länger als ein Jahr hierbleibe, wandere ich in den Knast. Ich bin vorbestraft. Beim nächsten Mal fahre ich ein. Gefängnis 'Les Baumettes'. Die Hölle. Mit Ratten und allem Drum und Dran. Wenigstens kenne ich da schon jeden. Was für eine Schande für meine Eltern."

Das konfiszierte Lager eines Drogenclans – unter anderem 1,2 Kilo Kokain.

Das konfiszierte Lager eines Drogenclans – unter anderem 1,2 Kilo Kokain.

Dann springt er plötzlich auf, als hätte er schon viel zu viel von sich preisgegeben. Tritt an den Bildschirm und studiert ein Pferderennen in irgendeiner Provinzstadt, die er wohl niemals kennenlernen wird. Schließlich zieht er den Reißverschluss seiner Jacke zu und sagt zu einem Kumpel: "Komm, wir gehen hoch." Hoch in die Solidarité. Zwei, drei Dinger drehen. Um irgendwie über die Runden zu kommen.

Hakim, 41, ist ein respektierter Mann in der Bar "Le Delyse". Jeder, der reinkommt, gibt ihm die Hand und führt sie dann zum Herzen. Hakims Vater kam 1958 aus Algerien nach Frankreich. Hakim ist in "Bassens" geboren und aufgewachsen – einer Cité, die Ermittler als einen "Mount Everest der Gewalt" beschreiben. Damals war Bassens noch ein Slum, wie die meisten Problemsiedlungen, die ursprünglich nur provisorische Auffanglager waren. Unter primitiven Bedingungen lebten dort die vielen Migranten aus den ehemaligen Kolonien.

Sie bringen dir bei, wie man jemanden verhört. Oder exekutiert

Hakims Bruder war in der Bande von Raymond Mihière, einem berüchtigten Boss der Marseiller Unterwelt. "Wir Kinder haben zu früh zu viele schlimme Sachen gesehen", sagt Hakim. "Du musstest dich früh durchsetzen. Sonst warst du ein Weichling. Wir hatten keine Zeit, erwachsen zu werden."

Hakim hat alles hinter sich, was man in den Quartiers Nord so hinter sich haben kann. Mehr will er dazu nicht sagen. "In den Kellern von Bassens gibt es die 'Schule des Verbrechens'. Da bringen sie dir bei, wie man jemanden verhört. Oder exekutiert."

Er spricht nur im Flüsterton. Sein Blick flackert, seine Augen wandern hin und her: Bar, Fernseher, Gesprächspartner. Und immer wieder Straße. "Ich habe meine Umgebung gern im Blick", sagt er. "Wissen Sie, man hat uns dazu gedrängt, böse zu sein. Sie haben uns nicht als Kinder der Republik behandelt." Sie. Die da oben.

Am Eingang jeder Cité findet man den Posten des "Guetteur", des Spähers, der vor der Polizei warnt. Hier ist ein "Guetteur" bei der "Arbeit" zu sehen.

Am Eingang jeder Cité findet man den Posten des "Guetteur", des Spähers, der vor der Polizei warnt. Hier ist ein "Guetteur" bei der "Arbeit" zu sehen.

Hakim ist heute Betreuer in einem Zentrum für straffällig gewordene Jugendliche. Weit weg von hier, Richtung Meer. Man müsse diese Jugend aus den Problemvierteln rausholen, sagt er. Sonst werde sie immer wieder rückfällig. "Ich habe Bassens verlassen, um meine vier Jungs hier großzuziehen", sagt er. "Vierzimmerwohnung, 650 Euro Miete. Ich verdiene 1300 Euro netto im Monat. Mit vier Kindern und einer Frau, die nicht arbeitet. Hier ist es etwas ruhiger als drüben in Bassens. Trotzdem: Ich bringe meine Jungs persönlich zur Schule. Rufe sie regelmäßig an, um zu schauen, wo sie sind. Manchmal gehe ich nicht zur Arbeit, um sie im Blick zu haben. Ich würde meine Jungs ja gern zum Sport schicken. Kann ich mir aber nicht leisten."

Nein, Hakim will keine Führung durch die Cité "Parc Kallisté" machen. "Ich habe ein Feuerwerk im Kopf" , sagt er. "Für die Cité muss man gefestigt sein. Manchmal habe ich das Gefühl, mein Herz explodiert. Du kennst hier alles, aber hast nichts im Griff. Das kann hier jeden Moment entgleisen. Eben hat dich noch jemand umarmt, im nächsten Moment haut er dir einen Dolch in den Rücken."

Hakim beugt sich ein Stück vor und sagt: "Fahad hat einen Bruder. Ist im Drogenhandel. Macht Transporte aus Spanien. Wurde von der Polizei geschnappt. Hat jemanden ans Messer geliefert. Sie wollten ein Exempel statuieren. Fahad und sein Bruder sahen sich sehr ähnlich. Sie haben einfach den Falschen erwischt."

So erklärt auch Eddy aus dem Gemischtwarenladen Fahads Tod. Abdelali hingegen sagt, diese Version sei von der Polizei nicht bestätigt.

Bloß keine Rache

In Abdelalis Büro sitzt Mohammed Ali Hablani. Er war Fahads bester Freund, ist 22 und wurde im "Parc Kallisté" geboren. Inzwischen lebt er in der Nachbarsiedlung "La Solidarité" . Etwas hübscher dort oben, seit der Renovierung. Abdelali hat ihn im Jugendzentrum eingestellt. Er braucht all die Jugendlichen aus den Vierteln als Betreuer. Nur die wissen, wie es hier wirklich läuft.

Mohammed Ali sagt, natürlich sei es enttäuschend, wenn der Staat ihnen immer mehr wegnehme. Neulich erst haben sie eine Sporthalle zugemacht. Dabei sei Sport doch so wichtig hier draußen. Und dann versuch hier mal, abends einen Bus in die Stadt zu bekommen. Aber sie seien es schon gewohnt, vom Staat nicht mehr viel zu erwarten. "All die gebrochenen Versprechen", sagt Mohammed Ali. Kaum einer der jungen Leute geht noch zur Wahl. Sie zählen nicht mehr auf den Staat. Viele verspüren eine Art Ekel. Sie sagen sich: Wir können auch ohne den Staat leben. "Kein Wunder, dass die Rechtsradikalen vom Front National sogar den Bürgermeister im Nachbarbezirk stellten", sagt Mohammed Ali. Deren Anhänger würden sich niemals enthalten.

Am Heiligabend wurde sein Freund Fahad mit einer Kalaschnikow niedergeschossen. Die Bürgermeisterin habe sich nicht einmal blicken lassen. Er fühlt sich alleingelassen. Wie kann das sein, dass inzwischen sogar Kriegswaffen in den Siedlungen zirkulieren? "Man hat den Eindruck, dass der Staat die Augen vor allen Übeln in den Cités verschließt", sagt er. Mit dem Tod von Fahad habe er gesehen: "In diesem Staat ist kein Platz für uns."

Abdelali gibt Mohammed Ali einen aufmunternden Klaps auf die Schulter. Mohammed Ali sagt: "Wir alle, die nicht in den Drogenhandel verwickelt sind, haben uns gesagt: Bloß keine Rache! Obwohl wir zuerst schon mit dem Gedanken gespielt hatten. Aber das bringt niemanden weiter. Dann würde es niemals aufhören. Wir müssen die Gewaltspirale durchbrechen. Halten wir zusammen gegen die Dealer. Machen wir mit unserem Leben weiter. Gehen wir weiter in die Schule. Widmen wir uns unseren Zukunftsprojekten. Wir haben uns gesagt: Folgen wir Fahads Beispiel. Ehren wir sein Andenken, indem wir den Weg weitergehen, den er uns gezeigt hat. Das ist, als würden wir ihm zuzwinkern. Aber natürlich ist das nicht einfach. Unsere Mütter stehen jeden Morgen auf und haben Angst, dass ihre Kinder sterben. Für nichts und wieder nichts."

Fahads Freunde aus dem Jugendzentrum haben eine Kollekte organisiert, damit seine Familie ihn auf den Komoren beerdigen konnte.

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