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"Neben mir schrie eine Frau um ihr Leben"

Vor einem Jahr wollte Judith vom Felde die Loveparade live erleben. Ihr Ausflug auf die Technomeile endete mit schweren Prellungen. Stern.de erzählt sie, wie sie das Drama von Duisburg überlebt hat.

Wir kamen um 14 Uhr am Duisburger Hauptbahnhof an. Ich war mir da schon sicher, dass das hier alles nicht gut gehen kann. Es herrschte ein Riesengedränge. Die Masse bewegte sich Richtung Alter Güterbahnhof. Wir kamen kaum vorwärts, für 2000 Meter brauchten wir zwei Stunden. Danach hatten wir die erste Absperrung erreicht und es ging nichts mehr. Tausende wurden auf Glasflaschen kontrolliert, irgendwann ging es schleppend weiter. Kurz vor dem Tunnel war wieder alles abgesperrt. Die Polizei hatte einen Einlassstopp verhängt und öffnete den Tunnel erst nach etwa zwanzig Minuten wieder. Daraufhin strömten alle hinein. Gleichzeitig kamen uns von vorn Massen entgegen, die wieder raus wollten. Niemand hatte die Situation unter Kontrolle.

Mich wunderte in diesem Moment, dass wir überhaupt rein gedurft hatten, weil ja eigentlich nichts mehr ging. Am Ende des Tunnels kamen von überall her Leute, die drückten und schoben. Man hat gemerkt, es sind viel zu viele Leute und ein viel zu kleiner Raum. Mein Gedanke war in diesem Moment: "Ich will nur noch weg hier."

Man hatte ständig Füße im Gesicht

Plötzlich entstand eine große Unruhe. Wir sahen, wie Leute auf Lichtmasten kletterten, weil sie aus diesem Käfig raus wollten. Das war uns jedoch zu gefährlich. Dann haben wir die Treppe gesehen, die in Richtung der Brücken führte. Es war eine zehn Meter hohe Nottreppe, die mit einem kleinen Zaun abgesperrt war. Aber das interessierte keinen mehr. Alle rannten zu dieser schmalen Treppe, rissen den Zaun nieder und kletterten hoch. Ich habe einen gesehen, der von dieser Treppe herunterfiel. Es war viel zu wenig Platz.

Wir sind gar nicht zur Treppe gekommen. Wir waren in diesem Kessel, der zur Bühne führte, eingesperrt. Ich war klatschnass geschwitzt. Das war abartig, was sich da abspielte. Ich habe meine Freundin gesehen, die fast erstickte. Neben mir schrie eine Frau, so um die 20, um ihr Leben. Sie lag in den Armen ihres Freundes, am Ende war sie bewusstlos oder tot. Andere schrien in Panik. Einige traten anderen auf die Köpfe, um nach oben zu den Brücken zu kommen. Man hatte ständig Füße im Gesicht oder andere Körperteile. Und keiner half uns, die Polizei guckte einfach nur zu. Während wir in diesem Schlauch um unser Leben kämpften, haben andere auf den Brücken über uns sogar getanzt. Es gab Leute, die haben uns von oben mit Cola bespritzt und uns ausgelacht.

Ich dachte, ich sterbe

Ich dachte, ich würde ersticken. Ich habe mich gezwungen, bei Bewusstsein zu bleiben. Die ganze Zeit dachte ich nur, wenn ich jetzt ohnmächtig werde, ist es vorbei. Jeder dachte nur noch an sich. Auf einen Schlag fielen hundert Leute um, weil ein stämmiger Mann andere als Leiter benutzen wollte. Wir lagen kreuz und quer übereinander. Erst gegen 17.30 Uhr schritt die Polizei ein und versuchte, einzelne rauszuziehen. Mein rechtes Bein wurde dabei total zerquetscht. Vorher war schon jemand draufgefallen. Ich konnte nicht mehr laufen. Die Polizisten legten mich zwischen die Brücken. Ich war so glücklich, dass ich es geschafft hatte, da rauszukommen. Dieser ganze Wahnsinn dauerte mindestens eine Stunde. Ich hatte echt gedacht, ich sterbe, das ist kein Witz.

Die Sanitäter trugen mich kurz darauf raus, ich sah Leichen, eine Frau wurde wiederbeatmet. Ich dachte, das hättest auch du sein können. Im Nachhinein bin ich froh, dass ich relativ groß bin, ich hätte ansonsten wohl keine Luft mehr in diesem Kessel bekommen. Die Sanis legten mich auf eine Liege und gaben mir etwas zu trinken. Wegen meiner Schmerzen und am Rücken durfte ich mich nicht mehr bewegen. Nach etwa anderthalb Stunden, so gegen 20 Uhr, wurde ich ins Krankenhaus gefahren.

Meine Mutter konnte ich erst im Krankenhaus erreichen. Sie hatte sich solche Sorgen gemacht und weinte am Telefon. Ich war schon auf so vielen Konzerten, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Das hätte ich auch nicht für möglich gehalten. Ich habe die Nacht über kaum geschlafen, mir sind immer wieder die Bilder der Leichen und der schreienden Menschen durch den Kopf gegangen. Diese Bilder werde ich nie mehr vergessen. Das war alles viel zu krass. Das war kein Spaß mehr, ich hatte Todesangst.

Aufgezeichnet von Frank Gerstenberg

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