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Pakistans gestohlene Kinder

In Pakistan hat die Polizei einen Kinderhändlerring ausgehoben. Sie betrieben einen Schwarzmarkt für Babys. Ärzte, Krankenpfleger und die Kliniken selbst hatten ihre Hände im Spiel. Doch viele der Kinder werden nie zu ihren richtigen Eltern zurückkehren.

Pakistan erschreckt vor sich selbst: Behörden haben einen Schwarzmarkt für Babys aufgedeckt

Pakistan erschreckt vor sich selbst: Behörden haben einen Schwarzmarkt für Babys aufgedeckt

Nach der Geburt ihres Sohnes war Nusrat Khela Orakzai überglücklich. Die Pakistanerin und ihr Mann hatten nun zwei Söhne und zwei Töchter. Perfekt, dachten sie. Doch das währte nur drei Tage. Das Neugeborene wurde wegen Gelbsucht in eine Klinik in die nächstgrößere Stadt Peschawar gebracht - und dort aus seinem Krankenhausbettchen entführt.

"Wenn er gestorben wäre, könnte ich an sein Grab gehen und weinen. Das wäre einfacher - aber so...", sagt Orakzai und bricht in Tränen aus. Seit diesem schrecklichen Tag vor eineinhalb Jahren sei nicht ein Moment vergangen, an dem sie nicht an ihren Sohn gedacht habe. 

Die Familie hat nicht aufgegeben, nach dem Jungen zu suchen. Der Kleine ist wahrscheinlich Babyhändlern in die Hände gefallen - kein Einzelfall in Khyber-Pakhtunkhwa, einer armen Provinz im Norden : Die Polizei sucht dort nach Hunderten verschwundener Kinder.

"Es war ein Schwarzmarkt für Neugeborene"

Einen Kinderhändlerring habe die gerade erst gesprengt, sagt Chefermittler Malik Habib. Eine Gruppe von Ärzten, Pflegekräften und Kriminellen hatte Babys aus Krankenhäusern entführt und an kinderlose Paare verkauft. "Es war ein Schwarzmarkt für Neugeborene. Sie haben sie wie Ware verschachert." Für einen Jungen verlangten diese Babyhändler umgerechnet etwa 6500 Euro, ein Mädchen kostete knapp die Hälfte. 

Das Geschäft mit gekidnappten Babys blüht unter anderem, weil in Pakistan Adoptionen kompliziert und langwierig sind, erklärt Anwalt Rizwan Khan. "Wenn man heute einen Adoptionsantrag stellt, bekommt man vielleicht in zwanzig Jahren ein Kind."

Auf die Spur waren Polizei und Sicherheitsdienste der Gang nach dem Verschwinden eines Mädchens in der Hauptstadt Islamabad vor zwei Jahren gekommen. Monatelang hatten sie Verdächtige beschattet. Polizistinnen gaben sich als schwanger aus und erkundigten sich in verdächtigen Krankenhäusern nach in Pakistan verbotenen Abtreibungen, andere Ermittler spielten potenzielle Käufer. "So haben wir das ganze Netzwerk gekriegt", sagt Habib.

Grausige Details im Zuge der Ermittlungen

Bei den Ermittlungen kamen grausige Details ans Tageslicht. Ärzte hatten Abtreibungen kurz vor dem Geburtstermin durchgeführt, um an tote Babys zu gelangen. Den toten Fötus vertauschten sie dann mit einem lebendigen Neugeborenen, erklärt Habib. Das Neugeborene wurde verkauft und den Eltern wurde gesagt, ihr Kind sei tot zur Welt gekommen. Viele Eltern haben niemals erfahren, dass ihr Kind in Wirklichkeit gekidnappt und verkauft wurde. 

Seit den Festnahmen hat die Polizei Hunderte identifiziert, die bereits verkauft worden waren. Für die Eltern dieser Kinder gibt es aber trotzdem kein Happy-End. Die Behörden haben entschieden, die meisten der gestohlenen Kinder bei ihren neuen Familien zu belassen. Sie hätten sich dort eingewöhnt und es seien gute Familien, heißt es.

Außerdem wäre es "riesige Aufgabe" gewesen, Eltern und Kinder durch DNA-Tests wiederzufinden. "Die hätten wir vielleicht nie vollenden können." Einige der betroffenen Kliniken wurden bereits geschlossen, oder es fehlten die Unterlagen, fügt er hinzu. 

Geburtskliniken wurden geschlossen

Die Behörden in Khyber-Pakhtunkhwa haben im Zuge der Ermittlungen mehrere Geburtskliniken durchsucht, einige wurde geschlossen. Betreiber wurden angewiesen, die Sicherheitsvorkehrungen zu verbessern. Im großen Lady-Reading-Krankenhaus in Peshawar etwa gibt es jetzt Sicherheitskameras und Wachleute gehen öfter ihre Runde, wie ein Krankenhaussprecher sagt.

Außerdem werden nun an den Armen und Beinchen der Neugeborenen Namensschildchen befestigt, sagt der Arzt Mohammed Jehangir. Das war bisher in Pakistan nicht üblich. Die Babys seien unter Beobachtung und nur wenige Mitarbeiter hätten Zutritt zur Geburtsstation. 

Für Nusrat Orakzai kommen diese Maßnahmen zu spät. Sie hofft immer noch, dass ihr Kind eines Tages zu ihr zurückkehren wird.

Zia Khan/DPA

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