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"Der Abschlussbericht verschont Airbus"

Der gestern vorgestellte Bericht zum Absturz des Air-France-Airbus wird vom Verein "Hinterbliebene der Opfer des Flugzeugabsturzes AF447" heftig kritisiert. stern.de sprach mit dem Vorsitzenden Bernd Gans.

Herr Gans, Ihre Tochter kam beim Absturz des Air-France-Fluges 447 im Juni 2009 ums Leben: Nun hat die französische Flugunfallbehörde BEA ihren Bericht zu dem Unglück vorgelegt. Wie bewerten Sie ihn?
Die Behörde hat zwar empfohlen, dass fünf technische Fehler an den Flugzeugen und deren Software korrigiert werden. Sie hat aber acht Empfehlungen für die Piloten ausgesprochen.

Warum ist das so wichtig?
Es wird anhand der Zahlen klar, dass man unbedingt bei der Linie bleiben will: Die Piloten tragen die Hauptschuld. Und man will den Hersteller Airbus unbedingt schützen.

Ist das berechtigt?
Nein. Es ist viel zu offensichtlich, dass die BEA vor allem den Piloten die Schuld zuschieben will.

Was ist denn laut BEA genau passiert in diesen Sekunden?
Nachdem die Pitot-Sonden vereisten, wurde der Automatismus, der das Flugzeug sonst schützt, teilweise außer Kraft gesetzt. Die Piloten mussten manuell übernehmen und entscheiden, was zu tun ist. Der Flight-Director hat dem Piloten empfohlen, die Nase des Flugzeuges nach oben zu ziehen. Genau das hat er getan aber dadurch nahm die Katastrophe erst ihren Lauf.

Der Fehler lag also Ihrer Ansicht nach eher bei der Technik?
Genau. Natürlich muss auch die Ausbildung der Piloten verbessert werden, was von der BEA ja auch empfohlen wird. Aber die Journalisten haben bei der Vorstellung des Berichtes immer wieder nachgebohrt und die BEA-Experten gefragt: Was hätte der Pilot in der damaligen Situation sonst tun sollen?

Die Vertreter der BEA haben geantwortet: Es sei ja nur ein Hinweis gewesen, der Pilot hätte auch anders handeln können, als die Nase nach oben zu ziehen. An dieser Stelle der Pressekonferenz sind sie aber ziemlich ins Schwitzen geraten und haben die Fragerunde schnell beendet. Denn es ist klar, dass dadurch der Akzent verschoben wurde. Weg von der Linie "Pilotenfehler" hin zu "Fehler der Instrumente".

Sie denken, der Bericht schont bewusst den Hersteller Airbus?
Ja. Airbus ist in Frankreich ein Nummer-eins-Unternehmen, der größte Exporteur, die technische Speerspitze des Landes. Alleine aus Imagegründen tut man alles, um Schaden von der Firma abzuwenden. Und es gibt reichlich persönliche Verbindungen zwischen der BEA und Airbus.

Ist mit dem BEA-Bericht die Aufarbeitung des Unglücks abgeschlossen?
Nein. Wir sind nächste Woche bei einer Richterin in Frankreich, die die strafrechtlichen Untersuchungen leitet. Es steht der Vorwurf des fahrlässigen Totschlags durch Airbus und Air France im Raum.

Kommt es demnächst also zu einem Prozess?
Die Richterin wird das demnächst entscheiden. Ich habe jetzt in Paris mit vielen Journalisten und Experten gesprochen. Es wird allgemein angenommen, dass es zu einem Prozess kommt. Aber dann nicht vor nächstem Jahr.

Wäre das für Sie und die anderen Angehörigen wichtig?
Natürlich, denn wir sind Nebenkläger und können bei einem Prozess selber agieren und zum Beispiel Beweisanträge stellen. Und ein Prozess garantiert eine öffentliche, unabhängige Aufarbeitung des Unglücks.

Wir erwischen Sie am Flughafen in Paris. Haben Sie keine Angst vor dem Fliegen?
Nein. Denn die Piloten sind seit dem Zwischenfall viel aufmerksamer, und sie haben Trainings für solche Situationen bekommen. Auch die Airlines und die Flugzeughersteller haben die Erkenntnisse aus dem Unfall umgesetzt. Ich bin überzeugt, dass ein vergleichbarer Unfall nicht wieder vorkommen wird.

Malte Arnsperger

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