Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Warum viele Philippiner Taifun "Haiyan" unterschätzten

Nach dem schweren Tropensturm "Haiyan" auf den Philippinen gehen die Opferzahlen in die Tausende. Es hätten viel weniger sein können, sagen Experten. Schuld sei ein einziges Wort.

Von Jens Wiesner

Worten wohnt eine besondere Kraft inne. Sie geben Bedeutung, helfen den Menschen, sich untereinander zu verständigen. Unverstellbar, wie mühsam ein Gespräch ablaufen würde, wüsste niemand, was ein "Tisch", ein "Baum" oder "Wasser" ist. Und manchmal kann ein einziges Wort sogar Leben retten: Hören wir jemanden laut "Vorsicht!" rufen, ducken wir uns unwillkürlich. Für viele Menschen auf den Philippinen bedeutete das Wort "Sturmflut" nichts.

Zumindest bedeutete es nicht: Hier kracht eine riesige Monsterwelle an Land, nimm deine Beine in die Hand und renn! Ganz im Gegenteil: Sturmflut ("storm surges" oder "daluyong ng bagyo") klang in den Ohren vieler Philippiner fast harmlos: Vielleicht wird das Meer ein wenig unruhig, vielleicht sollten Fischerboote besser zu Hause bleiben. So die landläufige Einschätzung bis zum Freitag, dem 8. November 2013. Ein Missverständnis, das viele mit ihrem Leben bezahlten.

Eine Woche nach dem schweren Tropensturm "Haiyan" werden nun die üblichen Fragen gestellt: Hätte man sich besser auf die Katastrophe vorbereiten können? Gegebenenfalls früher und effektiver warnen können? Haben Menschen, die es besser wissen müssen, versagt? Das Philippinische Netzwerk zur Risikominimierung bei Katastrophen (DRRNetPhils) meint: ja.

Gefahr unterschätzt

Zwar hätten die zuständigen Behörden rechtzeitig und wissenschaftlich korrekt vor Taifun "Haiyan" und der Möglichkeit einer Sturmflut gewarnt, es aber nicht geschafft, der normalen Bevölkerung zu vermitteln, wie gefährlich so ein Ereignis werden kann.

"Ich glaube nicht, dass es an Informationen von Seiten der Regierung gemangelt hat", bestätigte Wetterexperte Oscar Lizardo vom Philippinischen Amt für Wissenschaft und Technologie. "Die normale Bevölkerung wusste ganz einfach nicht, was eine Sturmflut ist", sagte er gegenüber der Auslandshilfe-Organisation Demex. Selbst der Bürgermeister der fast völlig zerstörten Hafenstadt Tacloban hatte die Gefahr sträflich unterschätzt: Während des Taifuns harrten Alfred S. Romualdez und seine Familie in Küstennähe aus. Sie kamen nur knapp mit dem Leben davon.

"Wir brauchen künftig eine sehr anschauliche Präsentation dessen, was passieren kann", forderte DRRNetPhils-Repräsentantin Adelina Sevilla Alvarez gegenüber dem philippinischen Sender TV5. "Wir sollten konkret sagen 'Wir erwarten Wellen so hoch wie ein Haus'. Dann bringen sich die Menschen vielleicht in Sicherheit."

Warnung kam nicht an

Es habe Versuche gegeben, wissenschaftliche Begriffe, die in Zusammenhang mit einem Taifun stehen, in Alltagssprache zu übersetzen, erklärte Cecilia Monteverde von PAGASA, dem nationalen meteorologischen Dienst der Philippinen, laut der Social-Newsseite "Rappler". Aber man habe die Menschen einfach nicht erreicht.

Ratherrin Cristina Gonzales-Romualdes, ebenfalls aus Tacloban, fragte nach dem Unglück, warum man nicht einfach vor einem Tsunami statt vor einer Sturmflut gewarnt hätte. Mit diesem bekannteren Terminus hätten die Menschen besser einordnen können, welche Gefahr auf sie zurollt.

Tsunami oder Sturmflut?

Aber er wäre eben nicht wissenschaftlich korrekt gewesen: Um einen Tsunami handelt es sich namlich nur, wenn die auf das Festland treffende Welle durch ein Erd- oder Seebeben ausgelöst wird. Von einer Sturmflut spricht man dagegen in Zusammenhang mit einem Taifun, durch den starke Winde den Meeresspiegel an der Küste sprunghaft ansteigen lassen und sich hohe Wellen auftürmen.

Traurige Gewissheit ist: Seit dem 8. November 2013 weiß wirklich jeder auf den Philippinen, was eine Sturmflut anrichten kann.

Mitarbeit: Vanessa Remoquillo
täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools