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Unerschrocken zurück auf Utøya

Wenn es im Breivik-Prozess um das Massaker geht, wird Tore Sinding Bekkedal im Gerichtssaal sitzen. Der 24-Jährige überlebte unverletzt. So kann er auch unerschrocken nach Utøya zurückkehren.

Von Swantje Dake

  Tore Sinding Bekkedal war bereits drei Mal nach dem Massaker auf Utøya. Die Erinnerungen an das Massaker will der junge Politiker mit besseren überdecken

Tore Sinding Bekkedal war bereits drei Mal nach dem Massaker auf Utøya. Die Erinnerungen an das Massaker will der junge Politiker mit besseren überdecken

Der Pfad schlängelt sich durch den lichten Wald. Regen hat den Boden aufgeweicht. Wurzeln liegen frei, sind zu rutschigen Stolperfallen geworden. An einigen Stellen fällt der Weg steil nach unten zum Ufer hin ab. Die Füße finden kaum Halt. Das Wasser plätschert in zwei, drei Metern Tiefe gegen die Felsen. So muss der "Kjærlighetsstien", der Liebespfad, auch am 22. Juli ausgesehen haben. Es war ein verregneter Sommertag. Der Tag, an dem die kleine Insel aus ihrem paradiesischen Dasein gerissen wurde. Der Tag des Massakers.

23 Mal taucht der Liebespfad in der Anklage gegen Anders Behring Breivik auf. 15 der 69 Opfer starben hier, acht Jugendliche wurden verletzt. Neun Monate später erinnert nichts mehr an die Todesangst, die Verzweiflung, die Brutalität. Tore Sinding Bekkedal geht mit großen Schritten über den Pfad. Es scheint, als kenne er jeden Stein, jede Wurzel, jede Möglichkeit, Halt zu finden. Der 24-jährige Politiker aus Oslo fühlt sich auf Utøya wohl. Jetzt im Frühjahr. Aber auch schon im vergangenen August, nur einen Monat nach dem Massaker, als die Insel erstmals für Überlebende und Angehörige freigegeben wurde. "Wer Utøya vorher nicht kannte, verbindet mit dem Namen nur das Attentat. Wir verbinden aber mit der Insel ganz viele wunderschöne Tage", sagt Tore. "Er hat mir schon meine Freunde genommen, das hier nimmt er mir nicht." "Er" ist Breivik. Tore spricht seinen Namen nie aus.

Die Toilette als Ort der Zuflucht

Im Inselinneren stehen auf den Lichtungen und Wiesen mehrere Holzhäuser. An einer Hauswand hängt noch der Zeitplan vom 22. Juli. Nach dem Besuch der ehemaligen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland am Vormittag und dem Fußballturnier nach dem Mittagessen, hätten nachmittags politische Workshops stattfinden sollen. Für den Abend stand Disko und Kino auf dem Plan. "Wir wurden zusammengerufen, als die Nachricht von der Bombenexplosion kam", sagt Tore. Seitdem ist der ein Quadratkilometer große Fleck im Tyrifjord-See erstarrt. Die Spuren des Massakers wurden gründlich beseitigt. Aber sonst wurde nichts verändert. Mehrfach kamen die Überlebenden und Angehörigen der Opfer bereits für einige Stunden hierher. Aber bis die Insel wirklich wieder mit Leben gefüllt wird, wird es dauern.

Die elf Steinstufen zum Kafébyget sind mit einer Kordel versperrt. Das grüne Cafégebäude ist das Haupthaus der Insel. Tore war hier, als Anders Behring Breivik die Insel betrat. "Ich war aufm Klo und hörte das Knallen", sagt er. "Es hörte sich an wie eine Spielzeugpistole. Ich wollte rausstürmen und sagen, dass sie aufhören sollen. Das war doch geschmacklos, nachdem was in Oslo passiert war." Aber jemand hielt ihn zurück, zog ihn in eine der Toilettenkabinen. Mehrere Jugendliche hatten sich dort verbarrikadiert. Hörten die Schüsse aus Breiviks Pistole und dem Gewehr. Hörten die Schreie ihrer Freunde. 13 seiner Opfer wurden im Café erschossen. Die Jugendlichen versteckten sich hinter dem Klavier, hinter einem Lautsprecher, aber hatten keine Chance. Breivik schoss aus nächster Nähe, drei Mal, acht Mal, immer in den Kopf.

Vom tödlichen Streifzug Breiviks über die Insel hat Tore nichts mitbekommen. Er blieb auf der Toilette, mehr als zwei Stunden, bis die Polizei ihn und die anderen rausholte. Auf dem Weg vom Cafégebäude zum Bootsanleger mussten sie an den toten Parteifreunden vorbei. Über diese Augenblicke spricht der sonst so redselige Tore wenig. Er möchte die Erinnerungen nicht zu stark werden lassen.

Alles für das Kollektiv

Ohne diese Erinnerungen ist Utøya ein friedlicher Ort und erwacht aus dem Winterschlaf. Vögel zwitschern, ein Specht bearbeitet einen Baum, Blumen schieben weiße und lilafarbene Blüten durch das Moos. Tores Hände stecken in den Manteltaschen als er über den Kiesweg quer über den Zeltplatz schlendert. Die kleinen Steine knirschen unter den groben Schuhen. Die Wiese ist nach den dunklen Monaten noch nicht wieder richtig grün. "Dort stehen immer die Zelte der Osloer, da drüben von denen aus Trondheim. Die sind radikal, lehnen auch die Natoeinsätze ab", sagt Tore und grinst. Er mag die "Arbeidernes Ungdomsfylking", kurz AUF.

Ein Großteil seiner Zeit geht in die Politikarbeit. Zwar begeistert er sich für Technik und Computer, fotografiert und filmt, hat beim Offenen Kanal gearbeitet, wird bald technischer Praktikant beim nationalen Fernsehsender NRK. Aber bei politischen Themen überschlägt sich seine Stimme vor Engagement, Begeisterung und Eifer. Er ist Vorsitzender der AUF im Osloer Stadtteil Frogner. Ob er Berufspolitiker werden will, kann er nicht sagen. "Das entscheide nicht ich." Ihm geht es nicht um seine Person, ihm geht es um das Kollektiv, die Gemeinschaft.

  Utøya am Tag vor dem Massaker: Ein herrlicher Sommertag, eine Versammlung auf der Wiese. Tore Sinding Bekkedal sitzt in der ersten Reihe, fotografiert das Geschehen (l., mit schwarz-weißem Hemd)

Utøya am Tag vor dem Massaker: Ein herrlicher Sommertag, eine Versammlung auf der Wiese. Tore Sinding Bekkedal sitzt in der ersten Reihe, fotografiert das Geschehen (l., mit schwarz-weißem Hemd)

"Wie geht es der Parteiführung?" - Das war dass erste, was Tore am Hotel Sundvollen, wo die geretteten Jugendlichen hingebracht wurden, fragte. Nicht alle haben überlebt. Einer der hoffnungsvollsten Jungpolitiker des Landes, Tore Eikeland, wurde auf dem Liebespfad getötet. Seine Ideen leben weiter. Auch in Tore Bekkedal. Der redet sich in Rage während er über die Insel geht, nicht über das Massaker, nicht über den Prozess, schon gar nicht über Breivik. Sondern über ein Manifest über die Zukunft Europas, an dem die AUF gearbeitet hat, über das politische Engagement der Jugend und über die Tafel, die sie am 18. Juli aufgehängt hatten, um an die AUFler zu erinnern, die im Kampf gegen den Faschismus in Spanien starben. Unterbrochen wird er vom Klingelton seines Handys. Es ist die "Internationale".

An Breivik denkt Tore nicht, wenn er auf Utøya ist. Er freut sich auf das nächste Camp. Nicht in diesem Jahr. Zunächst sollen einige baufällige Gebäude abgerissen und erneuert werden. Aber 2013 werden sie wieder zurück sein und die Sommerwoche genießen, so wie seit 60 Jahren. Es wird wieder Waffeln geben, die nirgends so gut schmecken wie hier. Politische Diskussionen, die stundenlang dauern und hart umkämpfte Fußballturniere. Und sie werden baden. In der "Bolsjevika". Vika ist das norwegische Wort für "Bucht". In der Bucht der Bolschewisten starben fünf Jungen und Mädchen, keiner älter als 18. An sie werden die Überlebenden sich immer erinnern. Aber nicht an Breivik.

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