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Tödliche Faszination

Für das zehnjährige Mädchen, das nach dem Felsabbruch auf Rügen verschüttet wurde, gibt es fast keine Hoffnung mehr. Es ist nicht der erste Unfall dieser Art. Wer trägt Schuld an dem Unglück?

Von Manuela Pfohl

  Die Helfer suchten bis zum Mittag nach dem verschütteten Mädchen auf Rügen - vergeblich

Die Helfer suchten bis zum Mittag nach dem verschütteten Mädchen auf Rügen - vergeblich

  • Manuela Pfohl

Stundenlang haben sie im Krisenstab den Einsatz der Hilfskräfte koordiniert. Technisches Hilfswerk, Feuerwehr, Polizei, bis zu hundert Retter kämpften die ganze Nacht über gegen die Geröllmassen aus Kreideschlamm und Steinen, gegen Sturm und Regen - und für die Zehnjährige, die am Montag am Kap Arkona unter einem riesigen abgebrochenen Stück Kreidefelsen verschüttet worden war. Doch Dienstagmittag um kurz vor 12 Uhr geben die Bergungskräfte auf. "Die Chancen auf Rettung tendieren gegen Null", erklärt Rügens stellvertretender Landrat Lothar Großklaus wenige Minuten später. Im Krisenstab, der in der zuständigen Gemeinde Putgarten eingerichtet worden war, ist die Schwere der Entscheidung zu spüren. Von der Anspannung der vergangenen Stunden ist Enttäuschung geblieben, und die Erkenntnis, einmal mehr machtlos gegenüber den Naturgewalten gewesen zu sein, die an den Küsten Rügens immer wieder für Schrecken sorgen.

Risse an den Kreidefelsen, die einen erneuten Abbruch befürchten lassen, ein wieder aufziehender Sturm und die wachsende Gefahr für die Einsatzkräfte zwangen dazu, die Suche nach dem Mädchen einzustellen. Eine Tragödie, die am Montagnachmittag begann, als die Familie aus dem brandenburgischen Perleberg zu einem Weihnachtsspaziergang am Strand von Arkona aufbrach. Gegen 15.15 Uhr war die Zehnjährige mit ihrer Mutter und der vier Jahre älteren Schwester unterhalb der alten Nebelsignalstation angelangt, die ein beliebtes Ziel der jährlich 600- bis 700.000 Touristen am Kap ist. Dann löste sich plötzlich ein Stück Kreidefelsen aus der Steilküste und stürzte auf das Kind. Seine Mutter wurde dabei schwer, die Schwester leicht verletzt. Eine vierköpfige Familie, die ebenfalls am steinigen Strand unterwegs war, kam mit dem Schrecken davon. Offenbar hatte keiner das Schild beachtet, auf dem - so sagt der Bürgermeister von Putgarten - die Warnung stand: "Betreten auf eigene Gefahr".

Eine gefährliche Steilküste

Erst im August 2011 war im Nordosten von Deutschlands größter Insel ein 100 Meter breiter und 70 Meter hoher Felsenabschnitt ins Meer gestürzt. Die Kreidebrocken wurde bis zu 100 Meter weit in die Ostsee geschleudert und färbten das Wasser weiß. Mitgerissen wurden auch rund 20 Bäume des Buchenwaldes, der seit Juni zum Weltnaturerbe der UNESCO gehört. Der Abbruch gehörte zu den größten der vergangenen zehn Jahre auf Deutschlands größter Insel. Im Juli 2010 war ein Teil der Kreidefelsen an der Steilküste Wissower Klinken nahe Sassnitz abgebrochen. Das Teilstück hatte eine Fläche von 25 mal fünf Metern und war vier Meter hoch. 2002 brachen mehr als 150.000 Kubikmeter Kreide an der Küste ab. Doch am schlimmsten war es 2005. Ende Februar des Jahres hatte eine Berliner Touristin ihr Leben verloren, als sich am schmalen Strand zwischen Lobbe und Göhren in rund zwölf Metern Höhe etwa 20 Kubikmeter Gestein und Erdreich lösten und die Frau unter sich begruben. Ihr Freund hatte das Unglück hilflos mit ansehen müssen.

Knapp drei Wochen später stürzte in unmittelbarer Nähe des Lohmer Hafens die Steilküste auf 100 Metern Länge und 200 Metern Breite ab. Ein Betreuungsheim für Suchtkranke, das kurz zuvor für eine Million Euro in Schuss gebracht worden war, entging um Haaresbreite einer Katastrophe. 18 Patienten hatten ahnungslos geschlafen, als knapp vor ihnen der Boden wegsackte. Die Bruchkante verlief gerade mal zweieinhalb Meter vor dem Haus. Die Einrichtung der Diakonie, die direkt an der Abbruchkante stand, konnte danach nur mit ferngesteuerten Hydraulikzangen abgerissen werden, da das Erdreich Baufahrzeuge am Gebäude nicht mehr getragen hätte. Weitere Häuser an der Abbruchkante wurden gesperrt.

Niemand kann sagen, wann es wieder passiert

Spätestens seit damals werden die Forderungen drängender, etwas gegen die Gefahr an der Küste zu unternehmen. Doch die Geologen wehren ab. "Das ist ein natürlicher Prozess, der sich nicht verhindern lässt - und den es immer schon gegeben hat", sagt Ingolf Stodian, Leiter des Nationalparkes Jasmund, zu dem die gesamte Ostküste Rügens von Lohme, rund vier Kilometer westlich des berühmten Königsstuhls, bis hinter das Gakower Ufer nördlich von Sassnitz gehört.

Das Problem, so Stodian, ist, dass überall an der Steilküste von der Wismarbucht bis Usedom mit potentiellen Abbrüchen gerechnet werden muss. Die jahrtausende alten Kreidefelsen seien geologische Formationen, die sich stetig verändern und deren Festigkeit von vielen Faktoren abhinge, die zudem extrem kompliziert seien. Niemand könne deshalb exakt vorhersagen, wo und wann sich wieder eine "Schuppe" aus dem Fels löst. Erst recht könne man nicht voraussagen, wie groß ein Abbruch sein wird. Und genau deshalb warnen an verschiedenen Bereichen der Küste Schilder vor dem Betreten des Ufers. Verbote oder gar Absperrungen gibt es hingegen nicht. "Wir haben einfach die Erfahrung gemacht, dass die Leute an Absperrungen nicht Halt machen", sagt Stodian.

Touristen lieben die Steilküste

Wollte man das Risiko für die Menschen wirklich wirkungsvoll minimieren, müssten die Steilküsten vorsorglich komplett gesperrt werden. Und: Baugenehmigungen an der Steilküste müssten noch rigoroser geprüft werden. Ein schwieriges Unterfangen, wie sich in der Vergangenheit gerade auch am Kap Arkona zeigte.

Nach dem Unglück von Lohme hatte die Gemeinde Putgarten Ende März 2005 zu einer Einwohnerversammlung geladen. Zur Debatte stand unter anderem der Bebauungsplan für ein Gebäude-Ensemble an der Steilküste. Immer wieder holt sich das Meer Stücke aus dem Burgwall der berühmten slawischen Tempelburg. Der Wall ist deswegen inzwischen für den Besucherverkehr gesperrt worden. Die gesamte historisch geschützte Bausubstanz rund um die Leuchttürme liegt im Streifen der 100 Meter breiten Ufer- und 200 Meter breiten Küstenlinie. Bauverbot eigentlich. Und dennoch: Aus der Nebelsignalstation, die gerade noch durch einen Weg vom Kliff getrennt ist, sollte nach der Restaurierung eine Hochzeitssuite zum Standesamt Schinkelturm werden. Ein Bauverbot galt hier nicht. Das Gebäude existiert ja bereits seit Jahrzehnten und hat Bestandsschutz. Vertreter von Umweltschutzverbänden schüttelten damals schon die Köpfe. Doch das Vorhaben gibt es auch jetzt noch, wie Bürgermeister Ernst Heinemann bestätigt. Geplant wurde damals ebenfalls ein Hotel mit 60 Betten und Parkplätze für bis zu 100 Autos. Auch dafür gibt es inzwischen die Genehmigung. Im kommenden Jahr soll ein Investor ausgewählt werden, dann geht es los, erklärt Heinemann. Bedenken hat er nicht. Das künftige Hotel liege 200 Meter vom Kliff entfernt und damit laut Heinemann auf sicherem Terrain.

Gefahren sind bekannt

Gerade in den touristischen Hochburgen, wie dem Kap Arkona, dem Königsstuhl oder den Kreidefelsen der Stubbenkammer, die durch ein Bild des Malers Caspar David Friedrich berühmt wurden, scheint eine Sperrung ganzer Küstenabschnitte undenkbar. Zu groß ist die Faszination, die die brüchige Kante immer noch ausübt. Nur Tage nach dem spektakulären Abbruch eines Felsstückes an den Wissower Klinken im Jahr 2005 kletterten die Touristen mit Hämmerchen und Schaufeln ausgerüstet auf der Suche nach freigelegten Fossilien wieder munter an der Steilküste hinauf. Trotz der Warntafeln.

Von einer grundsätzlichen Sperrung der Steilküsten auf Rügen hält auch der Landestourismusverband nichts. "Die Gefahren sind bekannt", sagt Verbandssprecher Tobias Woitendorf. Die Steilküsten blieben auch nach der Tragödie werberelevant für Mecklenburg-Vorpommern. "Wir haben sogar ein Motiv, auf dem ein abgebrochener Teil zu sehen ist." Trotz der Gefahren wollten viele Deutsche die Steilküste einmal gesehen haben. "So einen Ort können wir nicht wegschließen", meint Woitendorf und warnt: Nach tagelangen Regenfällen sei es an Rügens Steilküsten immer gefährlich.

Die Unglücksstelle nahe des Kaps Arkona bleibt Großklaus zufolge allerdings abgesperrt, zumindest bis die Leiche des Mädchens gefunden wurde. Ob es darüber hinaus zu einer dauerhaften Sperrung von Strandabschnitten unterhalb der Kreidefelsen kommt, ist derzeit noch nicht entschieden. "Heute ist nicht die Zeit, einen Schnellschuss zu machen", sagt der stellvertretende Landrat.

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