Startseite

Urteil im Pistorius-Prozess fällt am 11. September

War es ein tragischer Unfall oder Mord? Der Verteidiger des angeklagten Oscar Pistorius hat sein Schlussplädoyer gehalten und Freispruch gefordert. Das Urteil wird am 11. September verkündet.

  Der ehemalige Nationalheld vor Gericht: Oscar Pistorius drohen 25 Jahre Haft.

Der ehemalige Nationalheld vor Gericht: Oscar Pistorius drohen 25 Jahre Haft.

Im Prozess gegen den südafrikanischen Sprinter-Star Oscar Pistorius hat Verteidiger Barry Roux ein emotionales Schlussplädoyer gehalten und gefordert, den Angeklagten freizusprechen. Bereits am Donnerstag hatte Roux nach dem fünfstündigen Schlussplädoyer des Staatsanwalts Gerrie Nel mit seinen Ausführungen begonnen. Er reagierte damit auf die schweren Vorwürfe der Gegenseite, die den Angeklagten der Lüge bezichtigte. Im Anschluss an das letzte Plädoyer wurde auch das Datum des Urteils verkündet: Es wird der 11. September sein.

Pistorius wird vorgeworfen, in der Nacht zum Valentinstag 2013 seine Freundin Reeva Steenkamp vorsätzlich durch eine geschlossene Badezimmertür erschossen zu haben. Der heute 27-Jährige dagegen beharrt darauf, dass es sich um einen tragischen Irrtum gehandelt und er hinter der Tür einen Einbrecher vermutet habe.

Entstand Beweisfoto 55 zu spät?

Verteidiger Barry Roux versuchte vor allem, Beweise zu entkräften und Ermittlungsfehler auszumachen. Vieles sei zuungunsten des Angeklagten gelaufen, stellte er dar, und kam schnell wieder auf das umstrittene Foto 55 zu sprechen. Auf dem Bild ist das Schlafzimmer des Paares kurz nach der Tat zu sehen. Ein Ventilator und eine Bettdecke versperren den Weg zum Balkon - dort will Pistorius sich aber aufgehalten und so nicht gemerkt haben, dass seine Freundin ins Bad ging. Man wolle der Polizei keine Verschwörung unterstellen, so Roux, aber sie habe den Ventilator und die Decke bewegt. Die Fotos seien zu spät entstanden.

Wie schreit Pistorius?

Auch andere Fragen blieben offen. Was im Schlussplädoyer des Staatsanwalts auf eine Weise interpretiert wurde, wurde nun ganz anders gedeutet. Die Geräusche, die Nachbarn um 3:17 Uhr hörten - waren das Schüsse oder war es der Cricketschläger, mit dem Pistorius auf die Tür einschlug? Je nachdem könnten die Schreie zuvor von Reeva Steenkamp gestammt haben oder nicht. Je nachdem hätte Pistorius gewusst, auf wen er zielte - oder eben nicht. Und auch die vielleicht skurrilste Frage des Prozesses wurde wieder aufgeworfen: Schreit Pistorius selbst wie eine Frau? Den Beweis ist die Verteidigung schuldig geblieben.

"Ein kleiner Junge ohne Beine"

Dafür ging Roux auch ins Psychologische. Er wies auf die Behinderung des beinamputierten Sportlers hin und verglich ihn mit einer missbrauchten Frau, die irgendwann auf ihren Peiniger losgeht. Pistorius habe unter einer Angststörung gelitten. "Du bist ein kleiner Junge ohne Beine", so Roux. "Du wirst jeden Tag daran erinnert, dass du nicht weglaufen kannst." Deshalb habe der Angeklagte einen übertriebenen Kampfreflex entwickelt. Er werde von einer Angst begleitet, die sich immer mehr gesteigert habe - bis sie sich dann nach dem Geräusch, das er aus dem Bad hörte, entlud. Bei den Schüssen habe es sich um Selbstverteidigung gehandelt.

Allein die Richterin entscheidet

Im Gerichtssaal waren auch Steenkamps Eltern June und Barry sowie überraschend Pistorius' Vater Henke, der dem Verfahren bisher ferngeblieben war. Das Verhältnis zu seinem Sohn gilt als angespannt.

Weil es in Südafrika kein Geschworenengericht gibt, hängt das Urteil allein von Richterin Masipa ab. 39 Prozesstage und 36 Zeugenverhöre konnten nicht abschließend klären, was in der Tatnacht in Pistorius' Villa wirklich geschah. Die Richterin muss deshalb die Indizien abwägen und die Glaubwürdigkeit der Zeugen beurteilen. Im Fall einer Verurteilung wegen Mordes droht Pistorius eine lebenslange Haftstrafe.

car/mit DPA
täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools