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Warum Frauen Angst haben, Karneval zu feiern

Es ist so weit: Durch die Karnevalshochburgen schallen "Alaaf"- und "Helau"-Rufe. Doch einige Frauen bleiben dieses Jahr lieber zu Hause, anstatt die Weiberfastnacht zu feiern. Die Ereignisse der Silvesternacht säen Misstrauen und Angst.

Frauen Security Points sollen Frauen und Mädchen als Anlaufstelle dienen, die sich an Karneval bedroht fühlen

In Köln wurden "Frauen Security Points" eingerichtet. Die sollen Frauen und Mädchen als Anlaufstelle dienen, die sich an den Karnevalstagen bedroht oder belästigt fühlen.

Es ist Weiberfastnacht. 11.11 Uhr. In den Karnevalshochburgen des Rheinlandes stürmen die Jecken aus ihren verstaubten Büros, schnappen sich ihre Piratenhüte, Feenflügel und Häschenohren und ziehen mit "Alaaf"- und "Helau"-Rufen durch die Innenstadt zu der nächsten Kneipe. Im letzten Jahr war auch Christina F.* mit von der Partie. In einem knappen Amazonen-Kostüm läutete sie das Karnevalswochenende ein. Doch dieses Jahr sitzt die 27-Jährige sittsam an ihrem Arbeitsplatz und beschäftigt sich mit Kontendispostionen. 

Gefühlte jede zehn Minuten vibriert ihr Smartphone: Eine Whatsappnachricht nach der anderen. "Wo bleibst?", schreiben ihr ihre Freunde. "In welches Zelt gehst du heute Abend?", fragt ein Bekannter. 

"In keins. Ich bleibe heute zu Hause", antwortet sie. Jahr für Jahr ließ Christina keine Karnevalsparty und keinen Rosenmontagszug aus. Wochenlang bastelte sie an ihren Kostümen: Mal verkleidete sie sich als Scheherezade, mal als Micky Maus. Doch in diesem Jahr ist alles anders. "Heute hoffe ich einfach, in Ruhe nach Hause gehen zu können", erzählt sie dem stern

"Ich hätte einfach Angst, Abends nach Hause zu laufen"

"Ich denke, es wird auf jeden Fall irgendwas passieren. Egal ob es Diebstahl ist oder sexuelle Übergriffe. Das möchte ich mir nicht antun", sagt die Aachenerin. 

Die Ereignisse der Silvesternacht in Köln und anderen deutschen Städten hat Christina noch deutlich vor Augen. Die massiven sexuellen Übergriffe und die hundertfachen Diebstähle am Kölner Hauptbahnhof hätten ihr einfach jegliche Lust auf einen Karnvalsbesuch in der Rheinmetropole genommen. Selbst auf eine Party im beschaulichen Aachen verzichtet sie. "Ich hätte einfach Angst, Abends nach Hause zu laufen. Dann auch noch im angetrunken Zustand." Die Vorbehalte sind groß: "Wenn sich mehrere Männer zusammentun und mir etwa folgen, dann hilft es auch nicht mehr, wenn ich mich gemeinsam mit einer Freundin auf den Heimweg mache", so die hübsche Brünette.

Angst vor Terroranschlag schwingt mit

So wie Christina geht es auch anderen Frauen. Auch wenn eine Mehrheit sich nicht die Freuden der fünften Jahreszeit vermiesen lässt, greifen dennoch Verunsicherung und Misstrauen um sich. Auch Julia H. verzichtet in diesem Jahr auf die Karnevalsparties und lässt ihr Bienchen-Kostüm im Kleiderschrank hängen. "Ich habe Angst, dass etwas aus dem Ruder läuft. Es braucht ja nur jemand in die falsche Richtung gucken oder ein falsches Wort sagen, und schon könnte die Situation eskalieren", befürchtet die Studentin. "Egal, ob sich nun Migranten durch angebliche Nazis angegriffen fühlen, oder Nazis durch Migranten."

Für Lena H. stand fest, dass sie an Weiberfastnacht und auch an anderen Karnevalsfeiertagen zu Hause bleiben wird, nachdem sie Berichte über einen Mann gelesen hatte, der in einem Baumarkt eine große Menge verdächtiger Chemikalien erworben hatte. "Ich habe das Gefühlt, es ist bloß eine Frage der Zeit, bis auch in Deutschland ein Terroranschlag verübt wird. Die Karnevalsfeierlichkeiten wären ein leichtes Ziel", so die 52-Jährige. Auch wenn sich herausstellte, dass der Mann die Chemikalien für ein heimisches Drogenlabor eingekauft hatte, so fühlt sich Lena H. keineswegs beruhigt. "Dieses Mal ist es ja vielleicht noch gut gegangen, aber eine Garantie kann mir niemand ausstellen."

*Name von der Redaktion geändert.


ivi
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