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12. Januar 2007, 11:45 Uhr

Wann wird's mal wieder richtig Winter?

Das T-Shirt-Wetter im Januar versetzt Deutschland in den Ausnahmezustand. Während Skiliftbetreiber und Kaufhausbesitzer den Winter herbeisehnen, fürchten Naturschützer fatale Folgen, falls es doch noch kalt wird. Und viele fragen sich: Ist das nun schon der Klimawandel? Von Angelika Unger

Blütenpracht im Januar: Blühende Krokusse in Freiburg zaubern einen Hauch von Frühling in den Park© Winfried Rothermel/AP

Stürmisch, regnerisch, und vor allem - zu warm: Seit Tagen ist das Wetter Gesprächsthema Nummer eins in Deutschland. 14 Grad in Freiburg, 13 in Hamburg, in Hessen knospen die Mandelbäume, im Bärenpark im thüringischen Worbis finden die Bären keinen Schlaf. Kurzum, die Welt steht Kopf, und das alles nur, weil das Thermometer ein paar Grad mehr anzeigt als sonst. In Gesprächen über das Wetter schwingt oft die Angst mit, dass der Ausnahmezustand von heute zum Alltag der Zukunft werden könnte.

Zu warm für die Schneekanone

Besonders hart trifft der milde Winter die Wintersportgebiete: Nicht nur im Harz und im Sauerland, auch in den niedrigen Lagen der Alpen blicken Skifahrer derzeit auf saftig grünes Gras statt auf schneebedeckte Hänge. Selbst für Beschneiungsanlagen ist es vielerorts zu warm - mit schwer wiegenden Folgen für den Tourismus. "Uns fehlen die Tagesausflügler, die sonst wegen Wintersport zu uns kommen", klagt etwa Michael Lücke, Geschäftsführer des Harzer Verkehrsverbands. "Bei Schnee sind es an Spitzentagen bis zu 30.000 Besucher."

Dass Mitte Januar im Harz kein Schnee liege, sei zwar nicht außergewöhnlich, so Lücke. "Ungewöhnlich sind aber die hohen Temperaturen, vor allem über einen so langen Zeitraum: fünf bis acht Grad im Oberharz." Maximal drei Grad plus dürften herrschen, damit zumindest der Schnee aus den Schneekanonen liegen bleibe.

Etwas besser sieht die Lage in Garmisch-Partenkirchen aus. "Wir können den Schneemangel mit Hilfe unserer Beschneiungsanlagen auffangen", berichtet Birgit Bliesener, Sprecherin des dortigen Touristikbüros. "Abseits der Pisten ist es aber meist grün." Immerhin auf dem hochgelegenen Skigebiet der Zugspitze sei Skifahren auf Naturschnee möglich.

Der Klimawandel ist unschuldig

Bisher deutet alles darauf hin, dass 2006/2007 der wärmste Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnungen wird. Gleichzeitig häufen sich die Meldungen über den Klimawandel: eine eisfreie Arktis, vielleicht schon 2040, bis zum Ende des Jahrhunderts durchschnittlich drei Grad höhere Temperaturen, womöglich bald sogar Tropenkrankheiten auch in Deutschland - beinahe täglich ist das Thema in der Presse. Da liegt es für viele Menschen nahe, einen Zusammenhang zu suchen.

Sollten sich die Temperaturen bis zum Monatsende nicht ändern, wäre es der wärmste Januar seit Beginn der Wetteraufzeichnungen© stern.de

Mit den ungewöhnlich milden Temperaturen habe der Klimawandel jedoch nichts zu tun, versichern Experten. Laut Uwe Kirsche vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach ist die warme Witterung ganz einfach zu erklären: "In den letzten Wochen strömte sehr viel feucht-warme Luft aus West/Süd-West nach Deutschland. Es fehlte die kühle polare Luft aus dem Norden." Eine Wetterlage, die für den Januar zwar nicht unbedingt typisch ist, aber mit Treibhausgasen und Kllimawandel nichts zu tun hat.

Ob Klimawandel oder nicht, in Garmisch jedenfalls rüstet man sich für weitere milde Winter - sicher ist sicher. "Wir werden uns verstärkt auf Frühjahrs- und Sommertourismus konzentrieren", sagt Touristikbüro-Sprecherin Bliesener. Auch Michael Lücke verweist auf Wellness, Wandern und Fitness als Alternativen zum Wintersport im Harz.

Winterjacken zum Schnäppchenpreis

"Handelt es sich nur um eine Kapriole oder stehen wir vor einem unerwartet frühen Beginn eines tief greifenden Klimawandels?" - das fragt sich auch Heijo Gassenmeier, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Textileinzelhandel. Zwar sei seine Branche nicht so stark vom Wetter abhängig wie etwa Liftbetreiber oder Skiverleiher: "Die Leute ziehen ja auch bei warmen Temperaturen etwas an." Die warmen Mäntel, Wollpullover, Mützen und Schals allerdings, die der Handel nach dem letzten, strengen Winter geordert hatte, liegen derzeit wie Blei in den Regalen.

Damit die Händler nicht auf ihrer Winterware sitzen bleiben, liefern sie sich wahre Rabattschlachten. Allerdings: Einmal reduzierte Ware lässt sich nicht mehr zum Ursprungspreis verkaufen. "Selbst wenn es noch mal kalt wird: Die Preise werden nicht mehr steigen", prognostiziert Gassenmeier. Schlecht für den Handel, aber gut für die Verbraucher: Wer eine Winterjacke kauft, bekommt sie zum Schnäppchenpreis.

Pollen fliegen früh, aber nur vereinzelt

Über die milde Witterung freuen können sich auch die Allergiker: Haselpollen fliegen zwar schon seit Dezember und damit ungewöhnlich früh, aber bisher nur mäßig. "Im vergangenen Winter waren um diese Zeit viel mehr Pollen unterwegs - die Pflanzen brauchen offenbar einen Kältereiz", sagt Petra von der Lage, Sprecherin des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen. Allzu große Erwartungen auf eine schwache Pollensaison sollten sich Allergiker jedoch nicht machen. "Es wird sehr viel stärker losgehen, wenn die Niederschläge zurückgehen: Der häufige Regen dämpft den Pollenflug."

Nicht nur für die Haselbäume sind zehn Grad im Januar Ausnahmezustand. Zugvögel, die sonst in Deutschland überwintern, ziehen erst gar nicht los oder machen sich bereits auf den Rückweg. Sollte ein echter Wintereinbruch bis zum Frühling ausbleiben, erwartet Bernd Quellmalz vom Naturschutzbund Hamburg im Frühjahr und Sommer mehr Insekten. "Da wir keinen Frost haben, sterben weniger überwinternde Larven den so genannten natürlichen Wintertod. Demzufolge werden im Frühjahr mehr ausschlüpfen." Abhängig sei dies jedoch auch vom Frühlingswetter: "Mücken etwa legen ihre Eier in kleine Gewässer ab. Ist es zu diesem Zeitpunkt knochentrocken, haben sie keine Chance."

Tierschützer befürchten fatale Folgen bei Kälteeinbruch

Quellmalz' Kollege Krzysztof Wesolowski fürchtet gar, dass Kröten und Frösche bereits ihre Wanderung zu den Laichgewässern beginnen könnten. Wenn dann eintritt, was Tourismusverbände und Textilbranche herbeisehnen - nämlich endlich knackige Kälte - könnte das für die Tiere den Tod bedeuten. "Sie können nicht rechtzeitig ein frostfreies Versteck aufsuchen. Die Folge wäre das Erfrieren."

Ähnlich fatale Folgen hätte ein plötzlicher Frosteinbruch auch für die Pflanzen. "Da jedoch nicht die gesamte Population beeinträchtigt oder getötet wird, erholen sich Tiere und Pflanzen wieder. Die Verluste werden normalerweise in den nächsten Jahren ausgeglichen", beruhigt Wesolowsky. Ein paar warme Jahre nacheinander könnten aber problematisch werden.

Da ist sie wieder, die Angst vor vielen, milden Wintern. In diesem Jahr zumindest geht der Wahnsinn wohl noch eine Weile weiter. Einen großen Kälteeinbruch schließt Meteorologe Kirsche auch für die nächste Woche aus.

Mitarbeit: Malte Arnsperger, Christof Müller
 
 
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