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5. Januar 2008, 16:58 Uhr

Von ein paar Klugscheißern entmündigt

Seit dem 1.1. darf in Bayern weder in Gaststätten noch in Bierzelten geraucht werden. Toni Roiderer, Sprecher der Münchner Wiesnwirte, spricht im stern.de-Interview über die Wirtshauskultur, Klugscheißer und Verfassungsklagen.

Eine Bedienung läuft auf dem Oktoberfest 2007 mit vollen Maßkrügen beladen an ihren Kolleginnen vorbei© Karl-Josef Hildenbrand/DPA

Herr Roiderer, haben Sie ihre Aschenbecher schon eingemottet?

San mir vielleicht Amerikaner? Mir san Bayern. Mir haben die größte Volksfestkultur.

...und seit ein paar Tagen das strengste Rauchverbot Deutschlands. Sind sie nun weg, die Aschenbecher?

Na, und die bleiben. Die brauchen wir für geschlossene Gesellschaften. Da häng ich a Schuildl naus mit "Zutritt nur für geladene Gäste", mach eine Gästeliste und dann schaun mer mal. Aber eine Ungerechtigkeit ist es.

Warum ungerecht, wenn keiner in einem Wirtshaus oder Festzelt mehr rauchen darf, ohne jede Ausnahme?

Also, ich hab volles Verständnis für die Ausweitung der rauchfreien Zonen. Und ich bin ja auch Nichtraucher von Haus aus. Aber mir stinkt die Scheinheiligkeit, mit der das vollzogen wird. Zum Beispiel: Im Vereinsheim dürfen sie alle rauchen. In der Dorfwirtschaft nicht. Das ist doch ungerecht. Die Leut gehen doch nicht in eine Dorfwirtschaft, um zu essen. Die wollen Karten spielen, ratschen, griabig (gemütlich) beisammen sein. Dieses Kommunikationszentrum, diese Wirtshauskultur wird jetzt kaputt gemacht.

Zur Wirtshauskultur gehörte es früher auch, die Kellnerin in den Hintern zu kneifen und zu raufen. Das ist ja auch verboten, ohne dass es der Kultur geschadet hat.

Hier geht es doch um viel mehr. Hier geht es darum, dass die Leut entmündigt werden, von ein paar Klugscheißern, die das Rad neu erfinden wollen und nun die Uhren zurückdrehen. Die verbieten heute, dass in den Wirtschaften geraucht wird und morgen darf keiner mehr Alkohol trinken, übermorgen wird die fette Schweinshaxe verboten, weil auch sie ungesund ist und irgendwann müssen wir zum Lachen ins Ausland. Diese Obergescheiten, die sagen, nun könnte man endlich wieder ins Wirtshaus gehen, die waren doch auch vorher nicht da.

Den Politikern geht es um die Gesundheit und darum, dass Passivraucher geschützt werden.

Das sagen sie immer. Aber wenn der Vater säuft, dann ist seine ganze Familie geschädigt. Wer schützt die?

Der Verein zum Erhalt der Bayerischen Wirtshauskultur will nun mit einer Verfassungsklage das Rauchverbot kippen. Geben sie dieser Klage eine Chance?

Ich hoffe ja. Aber da ist noch etwas. Wenn die Politiker glauben, 10.000 empörte bayerische Wirte könnten ihnen bei den nächsten Wahlen nicht schaden, dann ist das sogar richtig. Und es stimmt auch, dass nur 24 Prozent der Bayern rauchen. Aber 75 Prozent sind gegen das strenge Rauchverbot, dagegen das sie entmündigt werden und das bekommen die Herrschaften da oben bei den nächsten Kommunalwahlen im Frühjahr und bei den Landtagswahlen im Herbst zu spüren. Diese Arroganz, die wird bestraft werden.

Haben bayerische Wirte denn keine Lobby, die das verhindern konnte? Die Herren Abgeordneten und Ortsvereine tagen doch ständig in den Hinterzimmern der Wirtshäuser.

Ich hab stundenlang gekämpft. Ich war in Ministerien, im Landtag. Ich hab dem Schüttelschorsch (Spitzname des jederzeit Hände schüttelnden neuen CSU Fraktionschefs Georg Schmid, der das Verbot durchsetzte) alles um die Ohren gehaut. Es war, als ob man gegen eine Wand anrennt.

Dem Herrn Beckstein, der seit etwa hundert Tagen Bayerns Ministerpräsident ist, werden immerhin stille Sympathien für ihre Position nachgesagt.

Der Günter Beckstein, der hat das so bestimmt nicht gewollt. Und wir hatten ja noch unter dem Stoiber eine Lösung gefunden, die akzeptabel war und mit der die kleinen Wirtschaften, die Eckkneipen und das Oktoberfest leben konnten. Aber dann kamen die neuen Politiker, die alles ändern wollten und der Günter Beckstein hatte offenbar leider was anderes zu tun, als sich darum zu kümmern.

Neue Politiker? Waren das nicht die alten Politiker, die auch vorher im Landtag saßen?

Schon. Aber an der Fraktionsspitze saßen nun Abgeordnete die da neu waren. Den Schüttelschorsch hat doch vorher keiner gekannt. Das wollte der doch ändern.

Sie sind Sprecher der Wiesnwirte und gleichzeitig Chef im "Gasthof zum Wildpark" in Straßlach. Wie gehen sie konkret mit der neuen Situation um?

Wir haben in Straßlach viele Räume. Da gibt es wohl keine Probleme. Mein 15-köpfiges Servicepersonal, das hat Probleme, weil die alle Raucher sind und nun naus müssen.

Und auf der Wiesn?

Das wird spannend. Zum Beispiel in meinem Hackerzelt. Ich hab da ein fünf mal zehn Meter großes Cabriodach, das man öffnen kann und - wie alle anderen Festzelte auch - zwölf Meter freien Raum über den Tischen. Wenn ich da mitten unter etwa 7000 Besuchern einem angetrunkenen, rauchenden Gast, sag: "Des darfst aber net", schreit der doch: Hoid dei Fotzn sonst schiab ich dir oane (Halts Maul, sonst knallt´s).

Was machen sie dann?

Was das Gesetz uns befiehlt, werden wir einhalten, soweit es in unserer Macht steht.

Interview: Rupp Doinet

 
 
KOMMENTARE (10 von 330)
 
tricky_dude (08.01.2008, 16:25 Uhr)
@sir.california
Seltsam daß die Raucher in meiner Familie durchweg bis zum Schluß noch fit waren. Tatsache. Gut, das mag an unserer Genetik liegen, aber Nichtrauchen ist kein Maßstab für die Lebensqualität im Alter.
Und nur zur Info: mich stört das Rauchverbot in Bayern nur was die Wiesn betrifft. Dort ist der angebliche Nichtraucherschutz der blanke Hohn.

sir.california (08.01.2008, 16:17 Uhr)
@Turmfalke
wahrscheinlich haben sie einen kiton in ihrem leben noch nicht einmal gesehen... lol. und ironie verstehen sie auch nicht. aber ich muss zum wiederholten male feststellen, dass ihre klein-fritzchen-argumentation "wie ungerecht die welt doch ist, das armes, armes türmchen jetzt zum quarzen vor die tür muss" einfach nur noch peinlich ist.
Turmfalke (08.01.2008, 16:15 Uhr)
@
Siehe Johannes Heesters, bekennender Raucher mit mittlerwile 104 Jahren, der hat bestimmt 5x täglich Obst gegessen.
sir.california (08.01.2008, 16:11 Uhr)
@tricky_dude
tja, aber das ist nur ihre ganz persönliche auffassung. sie hat keinerlei geltung für andere, gibt schon genug alte, die noch gute Lebensqualität haben.
sir.california (08.01.2008, 16:09 Uhr)
@tumfalke
mich haben sie in ihrem tirade ganz vergessen. ich bin für strikten nichtraucherschutz und finde ihre ganzen vorträge hier bestensfalls erheiternd. gut, dass das thema im grunde durch ist.
tricky_dude (08.01.2008, 16:08 Uhr)
@sir.california
Wieso unfassbar?? Liebr 20 Jahre früher abtreten, als 20 Jahre senil im Pflegeheim dahinvegetieren.
Sorry, sowas hab ich mehrmals in meiner Familie erlebt. Waren ALLE Nichtraucher. Dann lieber mit 60 den Herzinfakt.
Und eines kann ich dir versichern: Daß alle 100 Jahre alt werden, das willst du nicht. Jede Wette!
Turmfalke (08.01.2008, 16:02 Uhr)
also
@atride
Von mir aus können sie ihre Kleidung abgeben wo sie wollen, ihre Geltungssucht ist schon enorm, glauben sie ernstlich sie können ihre Plumpheit mit Angaben zu ihrer Bildung und Kleidung aufwerten oder wer das Vertrauen ihrer Wahl zur Reinigung derselben besitzt ?
@MarkusMcFly
Gibt es von ihnen auch nur mal einen einzigsten Eigenkommentar oder benötigen sie für ihre Meinung immer Andere. Selbst atride, zu der ich nun sicherlich nicht den besten Draht habe versteht es wenigstens eigene Gedanken zu formulieren, ihre vermisse ich bei jeglichem Posting.
@TheWurst
Das behaupten sie, ich kann nach wie vor dort rauchen wo ich schon vorher geraucht habe. Im übrigen sind wir beide noch nicht zusammen die Treppe heruntergefallen.
@Dusty
Wenn der Wirt aber finanzielle Einbußen befürchtet so ist dies auch seine unternehmerische Denkweise, niemand eröffnet ein Geschäft bzw. eine Firma um damit Verluste einzufahren. Ich behaupte mal für einen völlig normalen Pächter einer kleinen Kneipe wären Umbauten gar nicht machbar, zum einen aus Platzgründen und zum anderen die finanziellen Aspekte.
Sie brauchen nicht zu unterstellen, eine Lösung in den beiden Gruppen eine Lokalität zur Verfügung stünde hätte mit Sicherheit eine tragfähige Konsensgesellschaft und würde auch keinen Raucher stören. Es ist vernünftig wenn Speiserestaurants, Eisdielen, Hotels u.ä. als völlig rauchfreie Zonen bestückt werden. Da ich die bayrische Gastronomie kenne ist mir bekannt dass die meisten Dorfgasthäuser so gestaltet sind dass man dort sehr gut trennen könnte, letztlich bliebe die Frage wie es sich auf die Gemeinschaft auswirkt. Wer jahrelang am Tisch zusammen Karten spielt und nun gesetzlich getrennt wird muss sich nun auch die Frage stellen wo wird geklopft, Nichtrauchersaal oder Raucherstube.
Im Gegensatz dazu gibt es gegenüber des Grünwalder Stadions eine kleine aber feine 60er Lokalität, Theke und ich glaube 2 kleine Tische, ich schätze mal aus der Erinnerung vielleicht 35 – 40 Qm groß. Was soll der machen, umbauen geht nicht und wenn sein Klientel aus Rauchern besteht hat er Pech gehabt. Das Gesetz wurde einmal wieder viel zu schnell, ohne Nachdenken und einfach mal so zusammengestrickt nur um Aktivität vorzuweisen.
Die Juristerei kann nur dort ansetzen wo Gesetze mangelhaft sind und Schlupflöcher lassen, sie setzt aber auch nur da ein wo Unzufriedenheit herrscht, bei tragfähigen Konzepten gibt es meist auch sehr wenig Kläger und ich denke wir beide würden 10 – 20 Klagen nicht für sonderlich erwähnenswert halten, Streithähne gibt es immer und überall.
Beim berufspezifischen Risiko gebe ich ihnen nur zum Teil Recht, sicherlich versucht der Staat dort etwas aber wie immer auch nur dann wenn es offensichtlich ist und selbst dann nur im Rahmen des wirklich unumgänglichen. In meiner langjährigen Laufbahn habe ich verschiedene Branchen kennengelernt und manche Jobs sind so was von Gesundheitsgefährdend dass Rauchen harmlos wäre dagegen. Gehen sie einmal in eine Firma wo z.B. der Stern hergestellt wird, nach 8 Stunden ist ihre Haut stumpf, das Haar trocken und ebenfalls stumpf. Ganz feiner Papierstaub, Farbrückstände und etliche Stoffe wie Toluol werden dort eingesetzt, es wäre mir nun völlig neu wenn arbeitssuchende einen Job hier ablehnen dürften. Sie atmen dort viel und jede menge feinster Papierstaubpartikel ein, neben den vorhanden Zusatzstoffen eben.
Ich gebe ihnen aber in dem Punkt Recht dass nichtrauchendes Personal geschützt werden muss, nun gibt es allerdings auch rauchendes Personal, es spräche also wenig dagegen dass ein Raucher in einer Raucherlokalität arbeiten dürfte. Da wir beide nun aber das Gesetz vom Überleben kennen werden sich auch Nichtraucher für solche Jobs bewerben, lassen wir die Gründe hierfür mal beiseite, ist es nicht jedem selbst überlassen welchen Gefahren er sich aussetzen möchte wenn er die freie Wahl hätte ?
Raucher haben bei der Stellenauswahl ja zu sagen, völlig egal ob er dort rauchen kann oder nicht, das interessiert niemanden. Da sie ja sagen dass die Raucher süchtige sind müssen sie also auch körperliche Entzugserscheinungen in Kauf nehmen, da wird dann aber die Gleichheit vor dem Gesetz etwas ausgehebelt. Gerechtigkeit wird es nie geben Dusty, ich denke darüber stimmen wir überein. Konsensfähige Lösungen schon, wir kommen nur selten zu diesen Lösungen weil sich Parteiübergreifend niemand mehr wirklich mit Lösungen beschäftigt sondern lediglich damit zu tun hat sein lobbyistisches Klientel zu befriedigen.
Als Ergänzung sei noch angefügt – Bislang sind alle Nichtraucher auch gestorben ;-)
sir.california (08.01.2008, 16:02 Uhr)
statistisch
verkürzt früh begonnenes und fortgesetztes rauchen das leben um fast 20 jahre. es ist schon unfassbar, dass raucher das in kauf nehmen. aber das ist ihre sache. genauso wie es meine sache ist, nicht passivrauchen zu müssen.
tricky_dude (08.01.2008, 15:10 Uhr)
@Dusty_Crossing
Der marlboro Mann war ja auch kein echter Cowboy. :-)
Der Camel-Mann, der meilenweit(zum Lungenarzt)ging, soll auch schon unter der Erde sein.
tricky_dude (08.01.2008, 15:08 Uhr)
@all
Ich habe einen Verdacht warum die CSU in Bayern das absolute Rauchverbot durchgesetzt hat. Ich glaube daß es den Politikern nicht um Nichraucherschutz geht.
Folgendes Szenario: Es wäre dem Wirt erlaubt seine Kneipe als Raucherkneipe zu deklarieren, so weit, so gut. Jetzt schickt das Arbeitsamt einen Arbeitslosen hin und der lehnt den job mit dem Hinweis auf die Gesundheitsgefährdung durch Rauchen berechtigterweise ab.
Das gleiche mit Anspruch auf Umschulung aus Gesundheitsgründen, Frührente, etc.
Ich gebe zu daß das etwas provokativ ist, aber ich kann es nicht ausschließen. Wenn es wirklich um die Gesunheit ginge, dann würden sie entweder Zigarretten verbieten, oder Gelder für die Raucherentwöhnung bereitstellen.
Kann das jemand nachvollziehen?
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