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Ich muss mal ...

Wie oft sagen wir eigentlich: "Ich muss"? Und, mal ehrlich: Wie oft stimmt das auch? Können wir nicht oft auch dürfen? Oder einfach nur wollen? Der Perspektive aufs Leben täte das ganz gut.

Von Meike Winnemuth

  Einen Spaziergang an der Elbe - und noch vieles mehr - will sich unsere Kolumnistin eigentlich viel häufiger erlauben dürfen

Einen Spaziergang an der Elbe - und noch vieles mehr - will sich unsere Kolumnistin eigentlich viel häufiger erlauben dürfen

Vor einiger Zeit kam ich bei einer Lesung mit einer älteren Dame ins Gespräch, deren Art zu reden mich anfangs fast genervt, dann entzückt und seitdem nicht mehr losgelassen hat. Denn möglicherweise hat sie mit ihrer Sprechweise einen genialen Trick erfunden, sich hienieden ewige Glückseligkeit zu bescheren.

"Ich durfte letztes Jahr durch Kolumbien reisen", sagte sie zum Beispiel. Oder: "Ich darf nachher noch meine Schwester im Krankenhaus besuchen." Sie meinte das ganz gewiss nicht ironisch à la "Ich darf heute mal wieder Überstunden schieben", es klang auch nicht übermäßig pietistisch nach demütig empfangener Gnade, sondern kam ganz beiläufig daher. Mich fasziniert dieses "dürfen" besonders, wenn ich mich mal wieder beim Gegenteil erwischt habe. So wie gerade. "Superwetter, lass uns mit den Hunden an die Elbe", simste eine Bekannte. "Geht nicht, ich muss noch die blöde stern-Kolumne schreiben", simste ich zurück.

Ich muss, ich muss, ich muss: Das ist inzwischen die Standard-Sprachregelung, wenn man von seinen Plänen spricht. Ich muss noch ein Geburtstagsgeschenk kaufen. Ich muss heute Abend ins Konzert. Ich muss früh ins Bett, weil ich morgen nach Berlin muss. Keine Ahnung, wie und warum es passiert ist, dass aus dem Wollen ein Müssen geworden ist, aus den Plänen eine Planwirtschaft. "Ich muss" wird stets in leicht gestresstem Tonfall ausgesprochen, seufzend und murrend, als ob man keine andere Wahl hätte. "Ich muss", das ist die Faust im Nacken, ein diktatorischer Druck, dem man sich ohnmächtig zu beugen hat – oder über den man zumindest wortreich klagen kann, zumal in der Steigerungsform "ich muss endlich" (zehn Kilo abnehmen, die Steuer machen) oder "ich muss endlich mal wieder" (ins Fitnessstudio, meine Eltern besuchen). Dauerdruck, unentrinnbar, und wir die armen Opfer.

Alles eine Frage der Sichtweise

Fast alle diese gemussten Dinge sind selbst auferlegt (dass der Rasen gemäht werden muss, steht weder in den Zehn Geboten noch im BGB) und nicht selten sogar erfreulich: "Ich muss noch meinen Resturlaub nehmen." (Was für eine Zumutung!) Trotzdem tun wir ständig so, als ob wir mit vorgehaltener Waffe gezwungen werden zu tun, was wir eigentlich gar nicht tun wollen. Sondern tun müssen.

Dabei muss man eigentlich wenig, wenn man mal darüber nachdenkt. Sterben, klar, irgendwann. Atmen, damit man nicht so schnell stirbt. Trinken, essen, dito. Das war’s dann aber auch schon, dahinter öffnet sich direkt das weite Feld der Möglichkeiten und Entscheidungen. Dass diese Lebensentscheidungen Konsequenzen haben, denen man sich nicht entziehen kann, ist dabei unbenommen – wer ein Kind hat, muss es füttern und muss es vom Kindergarten abholen, keine Diskussion. Aber selbst Dinge, die völlig unverhandelbar sind, profitieren immens davon, wenn man sich das Zwangs- und Jammerwort "muss" verkneift. Ich hole mein Kind ab. Ich will noch den Rasen mähen. Ich möchte lieber die Kolumne fertig schreiben. Oft ist es nur eine Frage der Formulierung, die dafür sorgt, dass man sich die Entscheidungsfreiheit wieder zurückerobert und aus der eingebildeten Knechtschaft befreit. Wie heißt es immer so schön in der Harndrangsbeschwerden-Reklame kurz vor den Nachrichten? Weniger müssen müssen.

Die Hohe Schule ist natürlich das "dürfen" der alten Dame, das mich ursprünglich so irritiert hatte. Als ob ihr jemand die Genehmigung zu erteilen hätte, so klang mir das. Von wegen: Sie hat sich einfach bei jeder Gelegenheit selbst die Erlaubnis gegeben zu tun, was sie will.

Die Kolumne

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern

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