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Je suis Franz Josef

Adieu, Zivilisation! Kaum jemand kann noch Meinungen aushalten, die er nicht teilt. Das zeigt sich nach Franz Josef Wagners Kolumne zum Germanwings-Absturz - und ist brandgefährlich.

Von Meike Winnemuth

  Boulevard-Journalist Franz Josef Wagner hat mit seinem Text zum Germanwings-Absturz Unmut ausgelöst

Boulevard-Journalist Franz Josef Wagner hat mit seinem Text zum Germanwings-Absturz Unmut ausgelöst

Eigentlich bin ich hier ja für Lifestyle, Lustiges & Liebenswertes zuständig, für moderne Wohlstandsnöte wie verklebte Faszien oder die Frage, warum erwachsene Frauen so gern Teenie-Romane lesen, oder das Entzücken angesichts von Wörtern wie "aprikotiert", das ich heute morgen bei meinem Bäcker las. Weil ich in der Regel über so harmloses Zeug schreibe, bin ich bislang auch noch dem Mob von der Schippe gesprungen, der ansonsten bei jeder missliebigen Meinung durchs digitale Dorf zieht und "Weg mit XY" skandiert.

Berufsrisiko, klar, da muss man durch, und so wird sich "Bild"-Kolumnist #link;http://www.stern.de/kultur/tv/franz-josef-wagner-90494775t.html;Franz Josef Wagner# auch nicht weiter gewundert haben, dass jüngst eine Onlinepetition, die nach einer in der Tat besonders dämlichen Kolumne für seine Abschaffung plädierte, von knapp 45.000 Leuten unterschrieben wurde. Ich kenne einige der Unterzeichner, es sind gute Freunde unter ihnen, die in der Regel von auffälliger Besonnenheit sind.

Franz Josef macht fassungslos, aber ...

Es sind Leute, die noch vor wenigen Monaten "Je suis Charlie" geliked und geshared haben, Solidarität also für Menschen gezeigt haben, die man ihrer Meinung wegen abgeschafft hat. Und deshalb an dieser Stelle: Je suis Franz Josef – und das, obwohl mich die Ergüsse dieses Mannes regelmäßig fassungslos machen. Aber ich werde mit jeder verklebten Faszie meines Körpers sein Recht verteidigen, sie schreiben zu dürfen.

Ich versuche gerade zu verstehen, warum uns zunehmend eine wichtige zivilisatorische Fähigkeit abhandenzukommen droht: das, was uns nicht passt, auszuhalten. Selbstverständlich kann man sich gegen Unliebsames empören, man soll es sogar, oft muss man es unbedingt. Aber wenn gefordert wird, dass alles Empörende weg soll, alles Geschmacklose, Stillose, Verdammtnochmalfalsche, und wenn diejenigen verbal an die Laterne gehängt werden, die einem nicht behagen, dann geht gerade gewaltig was schief.

Es gibt eine Vertrollung des Umgangs miteinander, so scheint mir: Der Ton wird schärfer, die Äxte sind dauerhaft gewetzt und werden schneller rausgeholt, es wird lauter und böser und unversöhnlicher. Wenn Auskotzen denn wenigstens bedeuten würde, dass man danach keine Kotze mehr im Leib hat … Aber die scheint sich eher zu potenzieren - mit dem Ergebnis, dass jetzt auch die leisen, klugen Leute anfangen, Blödsinn zu brüllen, nur damit sie überhaupt gehört werden.

Toleranz kommt nicht von toll finden

Es gibt eine sehr deutsche Liebe zum Konsens, zu Standards und Normen, auch zu Geschmacksnormen. Aber die Toleranz, die man immer nur von anderen fordert, nie von sich selbst, beweist sich gerade da, wo’s wehtut. Wo man am liebsten die Faust aus der Tasche holen möchte. Toleranz kommt nicht von toll finden. Im Gegenteil: Toleranz heißt, das, was man nicht toll findet, zu ertragen. Gern sich damit herumzustreiten, gern Gegenargumente zu finden. Aber es als wichtigen Teil des Ganzen zu begreifen, wichtig auch, um sich daran zu reiben und die eigenen Überzeugungen zu schärfen.

Der Philosoph Peter Sloterdijk sagte neulich in einem Interview: "Es gibt kein Recht, von Beleidigungen frei zu bleiben, erst recht keinen Anspruch auf Überempfindlichkeit." Das bezog sich auf tödlich beleidigte Islamisten, es lässt sich aber genauso auf die gereizte Unfähigkeit anwenden, Andersdenkenden oder -schreibenden oder meinetwegen auch nur Andersbrabbelnden die Freiheit zuzugestehen, genau das zu tun. Immer wenn soziale Kohärenz nur durch Abschaffung des gerade Missliebigen möglich ist, wird es brandgefährlich.

Ach, ist ja schon gut. Zurück zu den Schönheiten des Lebens. Aprikotiert, aprikotiert, aprikotiert.

Die Kolumne

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern. Diese Kolumne erschien im Heft Nr. 16.

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