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Let's dance!

Endlich wieder tanzen - sinnlos, rauschhaft, puppenlustig, und alle singen mit. Ein großer Spaß, den wir uns viel zu oft entgehen lassen.

Von Meike Winnemuth

Zwei Drinks für den Mut, das richtige Lied und dann: Let’s Groove, Let’s Get Loud, Let’s Dance!

Zwei Drinks für den Mut, das richtige Lied und dann: Let’s Groove, Let’s Get Loud, Let’s Dance!

Als am 1. Mai die Einladung eines Freundes kam, musste ich lachen. "Save the date: After-Summer-Dance. Es wird dunkel, es wird laut, es wird spät – so wie früher. Wir haben für die Nacht vom 29. auf den 30. August einen Club gemietet." Jetzt ist es so weit, dachte ich: Wir sind in einem Alter, in dem man sich vier Monate im Voraus zum Tanzen verabredet.

Aber in Wirklichkeit ist es viel schlimmer: Wir sind in einem Alter, in dem man nicht mehr tanzt. Mein letztes Mal war an meinem 50. Geburtstag. Die Fotos jener Nacht zeigen mich in der angemieteten Fischbude am Hafen mit goldenen Turnschuhen und einer goldenen Plastikkrone auf meiner Seemannsmütze (Juni + = lausiges Wetter), mit roten Bäckchen und leuchtenden Augen zu 70er-Jahre-Klassikern herumhüpfen. Es war laut, es war spät, es wurde hell – so wie früher. Und ich war glücklich. So wie früher.

Wieso hört man auf zu tun, was Spaß macht?

Das war vor fünf Jahren. Ich habe seitdem nicht mehr getanzt, unfassbar. Wie konnte das passieren? Wieso hört man irgendwann auf, das zu tun, was Spaß macht? Und zwar die richtige Sorte von Spaß: sinnlose, unverantwortliche, lebensbejahende, komplett unnachhaltige Bewegung jenseits von Leibesertüchtigung und Frühprävention, würdeloses, rauschhaftes, puppenlustiges Rumgespringe? Soll mir bitte keiner erzählen, dass meine Generation aus Berufsjugendlichen besteht, im Gegenteil. Es sind mehr von uns frühvergreist, als wir wahrhaben wollen.

Jedenfalls: Samstag. Um neun soll es losgehen. Klar, dass man keinesfalls vor zehn dort auftauchen kann. Eher halb elf. Also ungefähr die Zeit, zu der man normalerweise ins Bett geht. Die Partyvorbereitung besteht folglich nicht im Vorglühen wie früher, sondern im Vorschlafen. Ausgedehntes Nickerchen auf dem Sofa, anschließend großflächiges Abspachteln plus ein weiterer missglückter Versuch, sich Smokey Eyes zu malen. Egal, sieht im Dunkeln eh keiner.

In der S-Bahn niemand über 30. War das damals auch schon so? Vor der Bar eine Traube Männer mit in der Hand, zu cool zum Tanzen. Das war damals ganz sicher schon so. Drinnen: Hitze, Dunkelheit, ein paar bekannte Gesichter, denen man was ins rechte Ohr brüllt und die einem was ins linke Ohr brüllen. Kurzmitteilungen, 140 Zeichen, Disco-Twitter. Die Hälfte davon versteht man trotz Brüllens nicht, man nickt trotzdem und grinst schief, mehr muss es heute nicht sein an Konversation.

So leicht ist das mit dem Glück

Zwei Drinks für den Mut. Das richtige Lied. Bei mir immer irgendwas mit "boogie" oder"funky" oder "tonight" im Text, in keiner besonderen Reihenfolge (mein Alter ist bekannt). Und dann ab und dann los, tapsend, rudernd, lachend, zuerst ironische -Moves, bald losgelöst, preisgegeben. Die Männer stellen ihr Bier ab, das sie zum Schutz mit auf die Tanzfläche genommen haben, die Frauen ziehen ihre Tango-Tanzschuhe aus. Let’s Groove, Let’s Get Loud, Let’s Dance. Lasst uns, lasst uns, lasst uns. Bei "I Will Survive" alle schnell runter von der Tanzfläche. So verzweifelt ist hier keiner.

Jetzt was von , alle singen im Falsett mit. Keiner kriegt den Moonwalk hin. Zwischendurch raus vor die Tür, nass getanzt, dampfend, schnaufend. Die Restvernunft sagt: superungesund, morgen wird man es bedauern, klatschnass in der Kälte gestanden zu haben. Aber Tonight’s The Night, und alle Frauen haben Smokey Eyes, verlaufene Wimperntusche. Um halb vier im Bett, groggy, mit Ohrensausen. So leicht ist das mit dem Glück. Muss man öfter machen. Vielleicht mal wieder in vier Monaten oder so.


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