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Zum Irrewerden

Der menschliche Körper steckt voller Gifte, die wir dringend loswerden müssen. Behauptet die Detox-Industrie und verleitet uns zu Kuren, die vor allem eins beschädigen: den Kopf.

  Denken statt Detox: Der Mythos der dringend notwendigen Entgiftung wird von einer skrupelloser werdenden Wellness-Industrie befeuert. Dabei sitzt das Gift vor allem im Gehirn.

Denken statt Detox: Der Mythos der dringend notwendigen Entgiftung wird von einer skrupelloser werdenden Wellness-Industrie befeuert. Dabei sitzt das Gift vor allem im Gehirn.

Soeben haben jene wunderbaren Wochen im Jahr begonnen, in denen jede Form von Blödsinn erlaubt und sogar gefordert ist. Dazu gehört großartiger Blödsinn (Dschungelcamp), mittelgroßartiger Blödsinn (Elferräte/Funkenmariechen/ Tätä! Tätä! Tätä!) und natürlich der blödsinnigste Blödsinn von allen: Detox-Kuren. Detox – auf Altdeutsch: Entgiftung – ist seit einigen Jahren an Stelle der traditionellen Frühjahrsdiäten getreten. Natürlich geht es auch hier vor allem ums Abnehmen, doch in unserem Zeitalter der galoppierenden Hysterisierung nimmt es nicht weiter wunder, dass selbst die banalsten Eitelkeitsrituale wie Diäten mit der Dringlichkeit eines Drogenentzugs inszeniert werden.

Detox, das klingt dochgleich so, als ob es um Leben oder Tod ginge, als ob letale Gifte aus dem Leib gesogen werden müssten, die uns innerlich zerfressen. Diese Gifte gehören mit allen Mitteln ausgeschieden, ausgeschwemmt, ausgeatmet, ausgeschwitzt, wegmassiert, weggebürstet und neuerdings sogar weggehüpft: "Springen auf dem Trampolin regt den Lymphfluss stark an und sorgt dafür, dass die Gifte leichter transportiert und ausgeschieden werden", rät eine Detox-Website.

Der Körper entgiftet sich wacker von allein

Das Ärgerliche an dieser schleichenden Vergiftung ist, dass sie trotz aller Bemühungen und jahrzehntelanger Forschung noch nie nachgewiesen werden konnte. Kein Mediziner, kein Physiologe hat je eine der geheimnisvollen Schlacken entdecken können, die so dringend entsorgt werden müssen. Gibt es schlicht nicht, erklären die Experten wieder und wieder (je nach Veranlagung seufzend bis entnervt), der Körper entgiftet sich wacker ganz von allein vor allem über Nieren und Leber. Da muss nicht extra nachgekärchert werden. Ganz im Gegenteil: Radikale Maßnahmen wie Darmspülungen, bei denen eimerweise Wasser (gern mit Kaffeezusatz) rektal in den Körper gepumpt werden, stören die Darmflora oder sorgen für Infektionen. Andere Nebenwirkungen des Detoxens wie Kopfschmerzen oder Kreislaufschwäche, angeblich Zeichen für die erfolgreiche Entgiftung, sind vielmehr Symptome von Unterzuckerung sowie systematisch ausgeschwemmten Mineralien.

Doch egal, was die Mediziner sagen: Der unbedingte Wille, an Vergiftung und die folglich überlebenswichtige Entgiftung zu glauben, ist einfach nicht zu brechen. Angefächelt wird der Hype von den Interessen einer immer skrupelloser werdenden Wellness-Industrie, die fürstlich von Quacksalbereien wie Detox-Shampoo und Detox Fußpflastern lebt. Die sollen angeblich Schwermetalle durch die Fußsohlen "absorbieren". Beweis: die bräunliche Verfärbung. Dass sich der in den Pflastern enthaltene Holzessig unter Einfluss von Sauerstoff und Feuchtigkeit ohnehin verfärbt, heißt ja nicht, dass es nicht wirkt, oder? Es ist zum Irrewerden.

Das wahre Gift sitzt im Gehirn

Was mich am Thema Detox so zur Verzweiflung treibt, ist die beharrliche Weigerung, einen klaren Kopf zu bewahren. Vernünftige Argumente, wissenschaftliche Erkenntnisse oder auch nur hundsnormale Lebenserfahrung zerschellen derzeit an den paranoiden, hypochondrischen Ängsten vor einer Welt, die einem ja nur Böses will. Besorgte Bürger, wohin man auch schaut, ob im Großen oder im Kleinen. Was ist eigentlich aus dem aufgeklärten Abendland geworden, dass man sich derzeit so lustvoll ins Bockshorn jagen lässt und auf jeden Mist reinfällt?

Das wahre Gift sitzt ganz woanders, an einem Ort nämlich, den wir beim Detoxen gern vergessen: im Gehirn. Da vielleicht mal ein bisschen durchspülen? Notfalls gern auch mal ein Pflaster draufkleben.

Die Kolumne

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