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Platon und der Bachelor

Man sollte das Leben nach dem Prinzip "Schuld und Sühne" angehen: Schokolade und Magerquark, Schrott-TV und griechische Philosophie.

Von Meike Winnemuth

  Zu viel Trash-TV geschaut? Dann lesen Sie doch zum Ausgleich etwas Philosophie!

Zu viel Trash-TV geschaut? Dann lesen Sie doch zum Ausgleich etwas Philosophie!

Mitte Februar komme ich mir immer ein bisschen blöd vor, blöder als sonst jedenfalls. Das hat was mit meiner traditionellen Jahresanfangs-Medienkost zu tun: Ich komme an keinem Trash-Spektakel vorbei, von Dschungelcamp über Bachelor bis Heidi Klum gucke ich gnadenlos alles, was schlecht für mich ist. Ich habe es an dieser Stelle schon gebeichtet, wir müssen gar nicht mehr lange darüber reden, ich bin auch nicht stolz darauf: Es ist, wie es ist.

Aber da ich mein Leben nach dem Schuld-und-Sühne-Prinzip führe, gern in der Variante Sühne-immer-schön-parallel-zur-Schuld (ein Blick in meinen Einkaufskorb heute morgen illustriert den Hang zur Schizophrenie aufs Schönste: ein Fünferpack Mars neben zwei Bechern Quark mit 0,2 Prozent Fettgehalt), lese ich gerade Platon. Richtig, Platon. Grieche, tot, kennste?

Ende Januar wurde nämlich eine Liste der Bücher veröffentlicht, die Pflichtlektüre für Studenten der US-Elite-Universitäten von Harvard über Stanford bis Yale sind. Die differieren von Uni zu Uni, aber bildet man einen Querschnitt der Top-Ten-Lehrstätten, stehen an der Spitze Platons "Der Staat", Thomas Hobbes' "Leviathan" und Machiavellis "Der Fürst"; "Manifest der kommunistischen Partei" hat es immerhin auf Platz neun geschafft.

Schwere Kost für die Balance

Also dachte ich: Was einem pickligen 18-jährigen Amerikaner als Basiswissen abverlangt wird, sollte für mich doch eigentlich ein Spaziergang … Nun. Es ist zäh. Bachelor erschließt sich deutlich leichter (ergreifend, wie sich die Hühner um diesen lispelnden brandenburgischen Versicherungsvertreter balgen, den uns RTL als "Unternehmensberater aus Berlin" verkauft). In der Regel nimmt man ja sofort nach Verlassen von Schule oder Uni eine geistige Schonhaltung ein, mit dem festen Vorsatz, sich nie mehr zu plagen und fürderhin nur noch zu unterfordern. Aber wie gut es tut, zu stöhnen und den Kopf zu kratzen und denselben Satz dreimal zu lesen, wie befriedigend es ist, sich mal wieder zu überfordern! Ich arbeite gerade wegen Rücken und allgemeiner Degeneration mit einem Physiotherapeuten, der mir in der ersten Stunde sagte: "Sie werden oft frustriert sein, dafür sorge ich. Ich werde Sie spüren lassen, was Sie alles nicht können."

Platon lässt mich auch spüren, was ich alles nicht kann. Aber auch, wie schön es wäre, es zu können: Er lässt seinen Helden Sokrates für Gerechtigkeit gegen Ungerechte argumentieren, schreibt wunderschön von der Vernunft als dem Sehvermögen der Seele, dann das Liniengleichnis, das Höhlengleichnis … Es ist gut, in Zeiten wie diesen, in denen einem leicht mal das Koordinatensystem verrutscht, noch mal das 2500 Jahre alte Einmaleins der Zivilisation durchzunehmen. Wenn man nicht mehr weiterweiß, muss man manchmal halt von vorn anfangen.

Wir passen uns unseren Herausforderungen an

Nein, die Welt wird nicht immer dümmer, im Gegenteil: Jüngst haben Studien belegt, dass der durchschnittliche Intelligenzquotient innerhalb eines Jahrhunderts weltweit um spektakuläre dreißig Punkte gestiegen ist. Nicht nur die Schlauen sind schlauer geworden, sondern durch die Bank alle - Ergebnis besserer Bildungschancen, aber auch evolutionäre Anpassung an eine immer komplexere Welt, in der man nur mit Intelligenz vorankommt.

Entscheidend gestiegen ist vor allem die sogenannte fluide Intelligenz, die abstraktes Denken und Problemlösungsfähigkeit umfasst. Die wiederum, so der Autor Steven Johnson ("Everything Bad is Good for You"), auch mit Trash-TV und Computerspielen gesteigert werden, die in den vergangenen 30 Jahren immer anspruchsvoller geworden sind. So ergibt das plötzlich alles einen Sinn: Platon und Der Bachelor - zusammen unschlagbar.

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