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Bürger auf der Erbse

Gluten, Laktose – und jetzt bedrohen Strichcodes die Gesundheit: Unverträglichkeiten sind schick geworden. Wer will schon normale Haut haben, wenn er auch sensible haben kann?

Von Meike Winnemuth

  Intoleranzen als Trend: Für immer mehr Menschen sind Unverträglichkeiten kein Manko - sondern nahezu ein Adelsprädikat

Intoleranzen als Trend: Für immer mehr Menschen sind Unverträglichkeiten kein Manko - sondern nahezu ein Adelsprädikat

Neulich fing ein amerikanisches Fernsehteam einige Leute vor einem Fitnesscenter ab und stellte zwei einfache Fragen: "Essen Sie glutenfrei?" – "Natürlich!" - "Und was ist Gluten?" - "Ähm …" Ein Querschnitt der Antworten: Irgendwas im Brot … Ein Getreide oder so? Öööh … Weizen? Jedenfalls macht es dick … Ich habe mich damit noch nicht näher beschäftigt, aber meine Freundin hat mal ein Buch gelesen und sagt … Ein eigentlich ganz zurechnungsfähig aussehender Typ, der angab, weder Roggen noch Weizen noch Hafer noch Nüsse noch Eier zu essen, antwortete: "Gluten ist ein Teil vom Weizenblatt, das … keine Ahnung, aber es ist in Roggen, Weizen und Hafer drin."

Freiwillig das Leben ernsthaft Kranker führen

Keine Ahnung hat noch nie jemanden davon abgehalten, vor etwas Angst zu haben. Doch das Phänomen, dass pumperlgesunde Menschen freiwillig das Leben von ernsthaft Kranken führen (in diesem Fall von Zöliakie-Patienten, geschätzten 0,1 bis 1 Prozent der Bevölkerung), ist bemerkenswert. Das gilt nicht nur für Gluten – falls man Sie mal vor Ihrem Fitnesscenter fragt: Proteinverbindungen, die in bestimmten Getreidesorten vorkommen und auch als Klebereiweiß bekannt sind –, sondern auch für den Milchzucker Laktose, den etwa 85 Prozent aller Nordeuropäer problemlos vertragen. Eigentlich.

Uneigentlich scheint derzeit das größte Wachstumssegment im Kühlregal das mit den laktosefreien Produkten zu sein. 80 Prozent der Käufer, so wird geschätzt, sind überhaupt nicht laktoseintolerant, glauben aber, dass das Zeug irgendwie besser sei. Oder zumindest weniger schädlich. Man hört ja so viel, nicht? Und die Yogalehrerin hat auch gesagt, dass …

Zeitalter der Empfindlichkeit, Unverträglichkeit und Intoleranz

Wir leben im Zeitalter der Empfindlichkeit, der Unverträglichkeit, der Intoleranz. Das Bizarre daran ist, dass diese bedauerlichen Defizite - ob echt oder eingebildet - für nicht wenige Leute gar kein Manko sind, sondern nahezu ein Adelsprädikat. Empfindlich zu sein hebt einen irgendwie ab vom Plebs, nicht? In allen Lebensbereichen: Umfragen zufolge glauben zwischen 44 und 70 Prozent aller Frauen, empfindliche Haut zu haben. Tatsächlich, so sagen Dermatologen, seien es je nach Definition 5 bis 15 Prozent.

Aber wer will schon normale Haut haben, wenn er auch sensible haben kann? Klingt das nicht viel kostbarer? Da ist man gern bereit, ein paar Dutzend Euro mehr für das Tiegelchen Zaubercreme zu zahlen, das diese Kostbarkeit so sorgsam pflegt.

Der Nocebo-Effekt

Und so lässt man sich von einer bestens verdienenden Empfindlichkeitsindustrie zur Prinzessin auf der Erbse machen - die Erbse muss noch nicht mal vorhanden sein, um sich trotzdem quälend ins Befinden zu drücken. Die Medizin spricht in solchen Fällen vom Nocebo-Effekt, der eingebildeten Negativwirkung bestimmter Substanzen, die auch einsetzt, wenn die Substanzen gar nicht verabreicht werden. Angst essen Seele auf und machen ein paar Leute mächtig reich.

Die neueste Gefahr droht nach Überzeugung vieler durch Strichcodes auf Packungen, die eine nicht näher benannte Strahlung bündeln und an den Packungsinhalt abgeben; Laserscanner würden "die bioenergetische Toxizität" der Striche aktivieren. Um diese Käufer nicht zu verlieren, haben einige Biohersteller wie Rabenhorst bereits begonnen, einen Querstrich über den Barcode zu drucken, der die schädlichen Energien "neutralisieren" soll. Schadet ja nichts, oder?

Schadet natürlich doch. Wenn sich immer mehr Leute in immer absurdere Formen von Hysterie hineinsteigern, wenn sich jeder als zartes Pflänzlein sieht, das schutzlos im bösen Wind der Moderne steht, dann gnade uns Gott. Man starrt auf die Erbse und verliert alle tatsächlichen Probleme aus dem Blick.

Die Kolumne ...

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern.

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