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Endlich alles weg

Fast leere Zahnpastatuben. Fast leere Shampooflaschen. Fast leerer Kühlschrank. Immer fast. Bevor etwas ganz leer ist, kaufen wir schon nach. Da stimmt doch was nicht.

Von Meike Winnemuth

  Wann ist das verdammte Ding endlich leer?

Wann ist das verdammte Ding endlich leer?

Vor einigen Wochen war ich knapp davor, eine leere Zahnpastatube wegzuwerfen und eine neue auszupacken. Zumindest dachte ich das: leer. Dann stellte ich sie auf den Kopf und stellte fest: Da ist ja noch was drin, das geht bestimmt noch einen Tag. Falsch: Das ging noch zehn Tage. Am Ende, als wirklich nichts mehr herauszuquetschen war, habe ich sie aus reiner Das-wollen-wir-doch-mal sehen-Bockigkeit aufgeschnitten – und es reichte für weitere zwei Tage.

Das Verrückte daran ist, dass ich die ganze Zeit geradezu ungeduldig darauf gewartet habe, dass das verdammte Ding endlich leer ist. Ich konnte es kaum aushalten, von dem Augenblick überrumpelt zu werden, wenn wirklich nichts mehr drin ist. Gibt es eigentlich psychologische Studien über dieses peinliche kleine Glücksgefühl, eine neue Packung anzubrechen, eine neue Shampooflasche aufzuschrauben, aus der es ohne viel Quetschen willig fließt – und über das Gegenteil, das fast schon physische Unbehagen, wenn etwas fast alle ist, aber eben nur fast?

In meinem Fall ist es vielleicht genetisch: Meine Tante beispielsweise hat die Angewohnheit, hinter jede angebrochene Schachtel im Schrank sofort eine neue zu stellen – aber die ist auch Nachkriegsgeneration, diese Ausrede habe ich nicht. Wieso haben selbst wir, die wir immer alles kriegen können, die im Land von Milch und Honig aufgewachsen sind, diesen Horror Vacui, warum haben wir Angst vor der Leere?

Ärgerlicherweise macht es diese Macke den Herstellern wahnsinnig einfach, uns Dinge zu verkaufen, die wir nie ganz aufbrauchen – und wenn, dann zusätzlich unter erschwerten Bedingungen. Mein Lieblings-Deoroller hat eine runde Kappe: völlig unmöglich, ihn auf den Kopf zu stellen. Seit Jahrzehnten baue ich ihm im Bad fluchend eine kleine Handtuchmulde, wenn es dem Ende zugeht. Dasselbe gilt für das Duschgel: rundliche Kappe, wacklig balanciert es am Badewannenrand, mühsam gestützt von anderen, volleren Flaschen. Natürlich hat das Methode. Vor Jahren habe ich mal in einem Gespräch mit Jil Sander den schönen Ausdruck "strukturelle Verunmöglichung" gelernt. Sie benutzte ihn, um zu beschreiben, wie sie, die Topfpflanzenhasserin, in ihren Fertigungsstätten Topfpflanzen verhinderte: indem sie alle Fensterbretter abschrägen ließ. Meine Güte, hat Nivea gut von ihr gelernt.

Schränke leeren sich

Seit der Tuben-Epiphanie jedenfalls befinde ich mich in einem kleinen Feldversuch, der sich bis in die Küche erstreckt: Wird es mir wenigstens ein Mal gelingen, wirklich alles, was ich in der Wohnung habe, komplett zu verbrauchen? Ein einziges Mal alle Vorräte zu nutzen, ohne nervös in den Supermarkt zu rennen, wenn nur noch zwei Joghurts da sind? Und alles Gekaufte auch wirklich aufzuessen? Die Deutschen sind Weltmeister im Mülltrennen, aber auch nicht übel im Müllmachen: Pro Jahr werden 82 Kilo #link;http://www.stern.de/gesundheit/mindesthaltbarkeit-bei-lebensmitteln-nicht-immer-gleich-entsorgen-1799401.html;Lebensmittel pro Nase weggeworfen#, im Wert von etwa 235 Euro, sagt das Verbraucherministerium. Zu hastig nach Feierabend eingekauft, zu viel am Wochenende auf Vorrat in den Einkaufswagen gepackt – und dann zu mäklig wegen Schrumpelfaktor die Äpfel entsorgt und wegen eines knapp überschrittenen Haltbarkeitsdatums die Milch.

Bis jetzt halte ich seit einer Woche durch, ohne einen Supermarkt betreten zu haben. Stimmt, ich esse auch Dinge, auf die ich gerade keine Lust habe (wieso, zum Teufel, habe ich mir mal eine Kartoffel-Meerrettich-Suppe gekauft?), aber die Schränke leeren sich. Wenn auch verblüffend langsam – ich schätze, ich könnte bis Weihnachten so weitermachen, ohne zu verhungern. Ein einziges Mal möchte ich das werden, was ich doch angeblich seit mehr als 50 Jahren bin: ein Verbraucher.

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