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Normal ist nicht genug?

Der seitliche Brustansatz. Die untere Seite des Oberarms. Die Form der Vagina. Frauen werden ständig auf neue Problemzonen hingewiesen. Zum Kotzen.

Von Meike Winnemuth

  Diese Lücke bewegt die Teenager.

Diese Lücke bewegt die Teenager.

Neulich wurde von belgischen Chirurgen ein brandneues Körperteil namens Anterolaterales Ligament entdeckt, ein Band, das an der Außenseite des Knies für Stabilität sorgt. Das klingt doch auf Anhieb ziemlich nützlich für Fußballer, Teilnehmer bei "Let's Dance" und andere tragende Säulen unserer Gesellschaft. Um so verblüffender ist es, dass dieses schlecht versteckte, weil immerhin außen liegende Bändchen in vier bis fünf Jahrtausenden Medizingeschichte völlig unbekannt geblieben ist, obwohl doch gefühlt jedes fünfte Männerknie schon mal nach einem obligatorischen Freizeitkicker-Kreuzbandriss aufgeschlitzt worden ist. Aber das Offensichtliche wird anscheinend immer als Letztes gesehen, wie auch die Entdeckung einer sechsten Hornhautschicht beweist, die ein britischer Augenheilkundler erst im Mai dieses Jahres vermeldete.

Frauen winken bei solchen Meldungen müde ab, denn ihnen wird mindestens einmal jährlich ein neuer Körperteil präsentiert. In der Regel wird jeder dieser spektakulären Anatomiefunde augenblicklich zum Notstandsgebiet deklariert, das nur mit eisernster Disziplin und/oder Zuhilfenahme kostspieliger Kosmetikprodukte oder Schönheits-OPs in den Griff zu bekommen ist.

In den vergangenen Jahren waren das unter anderem die Bingo wings, also die labbrigen Unterseiten der Oberarme, der Side boobs, also der seitlichen Brustansätze, das Zehendekolleté, also die Frage, ob genügend fettfreier Zehenansatz in tief ausgeschnittenen High Heels zu sehen ist, und das erstrebenswerte Brötchen, also jene präpubertäre Vaginalform, die die Genitalchirurgie zum neuen Wachstumsmarkt der Schönheitsindustrie hat werden lassen.

Ans Licht gekommen ist der letztgenannte Optimierungsbedarf natürlich nur, weil es seit einigen Jahren selbstverständliche Pflicht ist, sich jedes einzelne Haar am Leib auszureißen, was plötzlich den ungehinderten Durchblick auf die vormals im Gestrüpp gut geschützten Schamlippen ermöglichte. Und was damit einen weiteren Punkt auf der endlosen Liste eingebildeter Makel lieferte, für die Frauen sich gefälligst selbst zu hassen haben.

Hornhaut gegen Beautytrends

Als wäre das nicht alles schon genug zum Kotzen, ist in den vergangenen Wochen eine Diskussion um das neueste Kapitel in der Parzellierung des weiblichen Körpers entbrannt: den Thigh gap, eine Lücke zwischen den Oberschenkeln bei geschlossenen Beinen, die man jetzt bitte schön haben muss. Welche Lücke, fragt sich da die Ottonormalschenkelbesitzerin, gibt es die nicht nur bei Barbies, denen die Beine seitlich angeschraubt sind? Eine ähnliche Form von Irrsinn hat vor Jahren schon mal ganz wunderbar bei der Cellulite funktioniert, jener stinknormalen Bindegewebsschwäche, die 80 bis 90 Prozent aller Frauen betrifft, also quasi zur Werkseinstellung einer gesunden Frau gehört: Die Normalität wird zur verdammenswerten Abweichung erklärt und muss hysterisch bekämpft werden.

Selbst wenn man derlei Quatsch verlacht und seufzend zur Tagesordnung übergeht - etwas bleibt hängen. Nicht das Gefühl, dass die vielleicht doch recht haben könnten mit ihren Brötchen und Schenkellücken, sondern die ermüdende Gewissheit, dass man sich gegen immer neue Zumutungen wird wappnen müssen, den Deich grimmig immer höher bauen muss gegen die nächste Verunsicherungswelle. Und es bleibt das tiefe Mitgefühl für die jungen Mädchen und Frauen, denen eben noch nicht der wichtigste Körperteil von allen gewachsen ist: eine dicke Hornhaut gegen Beautytrends, die man leider erst nach Jahrzehnten dieses Wahnsinns entwickelt.

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