Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Stern Logo Winnemuth Kolumne

Unbekanntes Glück

Immer gleich die Frage: "Was hast du davon?" Anstatt einfach mal etwas auf sich zukommen und geschehen zu lassen. Im Unbekannten kann Gutes lauern, so wie vergangene Woche in Osnabrück.

Von Meike Winnemuth

  Das Geschenk zum Abschied ist ein Volltreffer: Ein kleiner Ganesha, der elefantenköpfige indische Gott der Reisenden und der  Schreibenden

Das Geschenk zum Abschied ist ein Volltreffer: Ein kleiner Ganesha, der elefantenköpfige indische Gott der Reisenden und der
Schreibenden

Ein Unbekannter namens Martin aus Osnabrück schrieb mir eine Mail: Seiner Frau Beate habe mein Buch so gefallen, sie habe ihm abends im Bett immer was daraus vorgelesen. Er finde so viele Parallelen zwischen ihr und mir ("Ihr habt eine ähnlich genaue und bewusste Wahrnehmung, euer Humor ähnelt sich, ihr habt Lust auf neue Menschen, und ihr mögt ganz grundsätzlich Veränderungen"), dass er fand, wir sollten uns mal kennenlernen. Ob er für uns irgendwo einen Tisch reservieren dürfe, er wolle mich seiner Frau quasi schenken, er selbst wolle gar nicht dabei sein.

Wenn offenkundig verliebte Männer ihren Frauen eine Überraschung bereiten wollen, bin ich natürlich dabei und habe sofort zugesagt. Ich war ohnehin auf der Durchreise während meiner Lesetour, und eine warme Mahlzeit habe ich noch nie ausgeschlagen. Als ich einer Freundin beiläufig am Telefon davon erzählte, sagte sie zu meiner Überraschung: "Verrückt. Was wollen die wohl von dir? Und wieso machst du das, was springt dabei für dich raus?"

Was springt dabei für mich heraus - das ist für mich eine der schlimmsten Fragen der Welt, das ist eine Haltung, die ich hoffentlich nie verstehen werde. Wieso muss man für jedes Unternehmen eine Kosten- Nutzen-Rechnung aufstellen, wieso muss ich vorher immer schon wissen, was das Ergebnis ist? Wieso muss sich alles "lohnen" (noch so ein Wort!), wieso muss immer alles gelingen, wieso darf es keine Überraschungen mehr geben?

Genetische Unfähigkeit

Vor allem aber: Woher kommt diese grundmisstrauische Frage, was "die" wohl von mir wollen? Hauptsache, wir lassen uns immer schön in Ruhe, ja? Hauptsache, keiner behelligt uns? Und dann zu Weihnachten darüber klagen, dass wir ja in so kalten Zeiten leben. "Man liest ja so viel ...", sagte die Freundin fast entschuldigend. Tja, was soll ich da sagen? Nicht so viel lesen? Ich verstehe, dass man Furcht vor Unbekanntem hat. Aber Bedenken, zwei anscheinend nette Leute zum Mittagessen zu treffen? Bitte, in was für einem Land leben wir eigentlich?

Entschuldigung, wenn ich mich gerade so ereifere, aber die Unlust, sich auf etwas einzulassen, dessen Ergebnis nicht bis auf zwei Stellen hinterm Komma berechenbar ist, finde ich zutiefst deutsch. Diese Außenrolladen-Mentalität, die fast schon genetische Unfähigkeit, es einfach mal drauf ankommen zu lassen, sorgt dafür, dass eher das bekannte Unglück gewählt wird als das unbekannte Glück. In diesem Land sagt man lieber "Och nö" als "Klar, warum nicht?"

Jedenfalls trafen wir uns in einem Restaurant in Osnabrück, Martin grinste, Beate fiel aus allen Wolken, zwei Stunden lang haben wir über alles Mögliche geredet, über Mut, Angst und Zufälle, über bedingungsloses Grundeinkommen und Trekking in Nepal. Ich habe dabei gelernt, dass ab einer gewissen Zivilisationsferne im Himalaja der Stromzugang für das Aufladen von Tablets und anderen Geräten als Menüpunkt auf der Speisekarte steht. Doll. Zum Abschied schenkte mir Martin eine winzige Ganesha-Figur, den elefantenköpfigen indischen Gott der Reisenden und der Schreibenden, den verspielten, verfressenen, menschenfreundlichen Gott des Anfangs und des Gelingens. Was er nicht wissen konnte: Ich hatte mal so einen, der mich lange auf meiner Weltreise begleitet hatte. In Delhi gekauft, in Addis Abeba verloren, an einem Spätnovembertag in Osnabrück wiederbekommen. Ist also richtig was für mich dabei herausgesprungen. Seitdem denke ich über ein Volksbegehren nach, dass jeder Bundesbürger mindestens einmal im Monat einen anderen bis dahin unbekannten Bundesbürger zum Essen treffen soll. Es wäre ein völlig anderes Land.

print

Weitere Themen

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools