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Anleitung zum Drömeln

In der Zeit "zwischen den Jahren" bleibt alles liegen: die Arbeit, die To-do-Liste, man selbst. Gut so, bitte mehr davon – auch im neuen Jahr.

Von Meike Winnemuth

Kolumne Meike Winnemuth Drömeln

Die Zeit "zwischen den Tagen": Da bleibt die To-do-Liste schon mal liegen

Respekt, das packt wirklich nicht jeder: Irgendwie haben Sie es anscheinend vor die Tür geschafft oder zumindest bis zum Briefkasten. Möglicherweise haben Sie sich sogar was angezogen, eine Jogginghose oder so. Auf jeden Fall sind Sie jetzt unter Aufbietung aller Kräfte in der Lage, den stern zu halten, durchzublättern und vielleicht sogar zu lesen. Das reicht dann aber auch für heute, ja? Mehr Anstrengung ist gesetzlich verboten in diesen Tagen, die man "zwischen den Jahren" nennt, die aber eigentlich "zwischen Bett und Sofa" heißen müssten.

Es ist Niemandsland, Niemandszeit, herbeigesehnt und dann aufs Köstlichste verdrömelt. Eigentlich wollte man ja endlich dieses und jenes erledigen, aber ... mañana. Alles bleibt liegen, die Arbeit, die To-do-Liste, man selbst. Bloß nicht in die Stadt, da toben gerade die Umtauscher. Jetzt ist die Gelegenheit, den Supermarktlieferservice auszuprobieren, das wollte man doch eigentlich immer schon mal.

Zwischen den Tagen ist das Land wie ausgeknipst

Die Zeit zwischen den Jahren ist für unsere Volkswirtschaft wichtiger als jeder Tarifabschluss, jede Urlaubsregelung. Sie ist das Ventil, aus dem zwölf Tage lang der Überdruck entweicht, nicht zischend, sondern wie ein langes leises Seufzen. Das ganze Land ist wie ausgeknipst: Termine entfallen, Sportkurse ruhen, Büros sind geschlossen, Ämter dicht; wo es gar nicht anders geht, werden Notdienste geschoben.

Denn es gibt Wichtigeres zu tun: Zum einen müssen die hart gewordenen Zimtsterne und die übrig gebliebenen Cremekringel gegessen werden, die eigentlich keiner mag, aber weg ist weg. Zum anderen muss spätestens um 18 Uhr die erste Flasche aufgemacht werden: Die Tage werden wieder länger, noch liegt der Sonnenuntergang günstig genug, um sich frühzeitig ins Nirwana zu schießen. Selbst wer unbedingt ins Büro muss, kommt später, geht früher und ist dazwischen bestenfalls anwesend.

Alles egal, alles herrlich egal. Zwischen den Jahren will keiner was, niemand erwartet eine Leistung oder eine Entscheidung. Es herrscht kollektive Unansprechbarkeit, es ist wie Rosenmontag plus „Tatort“ mal Sonntagnachmittag in Klammern zum Quadrat. Anders als im Urlaub, wenn man aussteigt aus dem Hamsterrad und alle anderen derweil weiterrennen, kommt zwischen den Jahren das ganze verdammte Riesenrad quietschend zum Stehen. Und potz Blitz: Die Welt geht nicht unter, die Wirtschaft bricht nicht zusammen. Es geht ganz gut mal ohne.

Das große Ohne herrscht sowieso gerade: Einem alten Aberglauben folgend, darf man zwischen den Jahren, in den sogenannten Raunächten, nicht nähen und nicht waschen und schon gar keine Wäsche im Freien aufhängen, es könnten sich Geister darin verfangen. Verwahrlosung ist also das Gebot der Stunde: Niemand bemerkt, wenn man tagelang im Bademantel vor sich hin vegetiert. Und je mehr man schläft, desto besser: Angeblich gehen alle in diesen Nächten geträumten Träume im neuen Jahr in Erfüllung.

Keine Diät hat je am 29. Dezember begonnen

Die Tage verschwimmen in dieser nationalen Bärenhöhle. Ist heute Donnerstag? Samstag? Und ist es nicht völlig wurscht? Selbst die verirrten Seelen, die am 1. Januar mal wieder ihr Leben ändern wollen, haben noch Schonzeit. Noch darf man alle Sünden begehen, die einem einfallen, jetzt kommt es auch nicht mehr darauf an. Keine Diät ist je an einem 29. Dezember begonnen worden.

Am 4. oder am 7. Januar stolpern wir dann winterschlaftrunken ins neue Jahr. Mit einem einzigen guten Vorsatz, das wäre jedenfalls mein Vorschlag: mehr vegetieren. Mehr drömeln. Mehr verwahrlosen. Endlich etwas, das man wirklich schaffen kann.

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