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Herrgott, es schneit!

Und das mitten im Winter! Aber es kommt noch schlimmer: Es wird tauen! Selbst die Wettermeldungen bedienen unsere Lust am Untergang.

Von Meike Winnemuth

Schnee in New York

Es schneit in New York – und alle deutschen Nachrichtensendungen berichten ausführlich darüber

Zunächst mal eine Entschuldigung. Es ist mir unendlich peinlich, aber wir haben in den zweieinhalb Jahren dieser Kolumne noch nie übers Wetter geredet. Wie konnte das passieren? Alle zivilisatorisch relevanten Themen sind schon durchgehechelt, die angenehmen wie die unangenehmen (Lebenserwartung, Liegeräder, Hochzeitsvideos, R.I.P.-Storms, Sylt, Glutenintoleranz). Und ausgerechnet das Wetter, das Thema aller Themen und das Einzige, auf das man sich noch einigermaßen verletzungsfrei einigen kann, habe ich bislang nicht gewürdigt.

Dabei gibt es eigentlich kein Entkommen. An gefühlt jedem zweiten Tag geht es in Nachrichtensendungen auch diesseits des Wetterberichts ums Wetter. Genauer: um das sogenannte Extremwetter. Zuletzt waren das Überschwemmungen in England und Australien, Waldbrände im Baskenland, Schneesturm an der US-Ostküste, und am Nordpol war es bis zu 50 Grad wärmer als normal. Stündlich fallen die Rekorde: der wärmste November seit 1761. Der wärmste 17. Dezember seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die Lage scheint dramatisch, ohne Vokabeln wie "Wetter-Chaos", "sintflutartig", "wüten", "fest im Griff" und – nach Abklingen des sintflutartig wütenden Wetter-Chaos – "immer noch angespannt" geht es nicht ab. Die Frage ist nur: Nehmen die Überschwemmungen zu, oder ist es nur die längst über alle Pegel gestiegene Informationsflut?

Boah! Schnee!

Ein Beispiel aus jüngster Zeit: Es schneit in New York. Es schneit ganze eineinhalb Tage lang. Das genügt, um es in alle deutschen Hauptnachrichtensendungen mit ausführlichen Filmbeiträgen zu schaffen. Boah! Schnee! Im Winter! Drei Tage später ist der Schnee immer noch Thema, inzwischen mit betroffener Miene, denn das Wetter hat Todesopfer "gefordert": "Die erschreckende Bilanz: 29 Tote", intoniert beispielsweise in Moll der "heute journal"- Sprecher. Die Bilanz ist möglicherweise nicht ganz so erschreckend, wenn man bedenkt, dass es normalerweise in der betroffenen 80-Millionen-Einwohner-Region auch bei besten Straßenverhältnissen täglich 20 Tote im Straßenverkehr gibt, der in diesen Tagen allerdings durch Schneeverwehungen und Fahrverbote zum Erliegen gekommen war. Man könnte also finden: Blizzards dienen der Volksgesundheit, denn unterm Strich starben weniger Menschen pro Tag als sonst. Zu den "wetterbedingten Todesopfern" zählen zudem vor allem darwinistisch Prädestinierte wie jener Teenager, der sich auf dem Schlitten hinter einem Auto ziehen ließ und unter einen Laster geriet.

Aber man muss gar nicht so weit gucken. Auch in diesen Breiten füllt der in den Rang einer Naturkatastrophe erhobene "plötzliche Wintereinbruch" die Schlagzeilen und Sendeminuten – und das jedes Jahr verlässlich wieder. Könnte man alles als Medienspektakel durchwinken, wenn sich die zunehmende Dramatisierung und Hysterisierung des Wetters nicht auch ins Private erstrecken würde. Nahezu jeder Tag wird neuerdings rezensiert. Ergebnis fast immer: für die Jahreszeit zu warm oder zu kalt oder zu nass, aber nie, nie richtig. (Oder auch nur egal.) Und dieser ständige Wechsel! Kann sich das Wetter nicht mal zusammenreißen? Was will es denn nun? Kälte? Wärme? Mal ehrlich jetzt!

Es ist anstrengend gerade. Jede Abweichung dient gleich der Beunruhigung, jede Anomalie beweist die Katastrophe, man kennt das ja aus anderen Zusammenhängen. Und nach der Krise ist vor der Krise: Es taut in New York! Bei für die Jahreszeit deutlich zu milden zehn Grad! Das führt bestimmt zu verheerenden, wenn nicht sintflutartigen Überschwemmungen. Die Kameras stehen schon parat, und unsere Lust am Untergang tut es auch.

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