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Im Wunderland der Wörter

Schniposa, Grummet, Pülcher: Der Duden ist der Reiseführer in eine fremde, schöne Welt - unsere eigene Sprache. Unsere Kolumnistin begibt sich staunend auf die Reise.

Von Meike Winnemuth

Im Duden - Wunderland der Wörter

Im Duden zu lesen, ist wie eine Reise ins Wunderland der Wörter, staunt unsere Kolumnistin

Gerade lerne ich Deutsch. Na endlich, höre ich jetzt viele seufzen. Ja, endlich. Ich lese nämlich zum ersten Mal in meinem Leben den Duden. Im Duden zu lesen ist wie jede Form der Bibellektüre ein Erweckungserlebnis, eine Lektion in Demut, ein steter Quell der Heiterkeit und Verwunderung.

Begonnen hat es mit einer kleinen Meldung, dass "Schniposa" im Duden zu finden sei, ein Wort, das mir bis dahin völlig unbekannt war. Schniposa, das ist doch kein Deutsch, was soll denn das bitte bedeuten? Eine unrepräsentative Schnellumfrage unter Freunden: 10 Prozent "Wie, das weißt du nicht?", 90 Prozent "Nie gehört". Richtig, ich habe zehn Leute gefragt. Der Letzte wusste es: Schnitzel mit Pommes und Salat.

Ich stürzte ins Wunderland

Also kaufte ich einen Duden. Und las mich fest. Und stürzte direkt ins Wunderland. Was für Wörter wir haben! Olim und opalen und Operand und Ortscheit, Papabili und Pülcher und Putput, Quäke und quanteln, rregengrün und Reff in drei verschiedenen Bedeutungen, von denen ich nur eine kannte, und das auch nur, weil ich ein Kind des Nordens bin. Rund 500.000 Einträge gibt es im "Deutschen Universalwörterbuch", von Aa ("Kindersprache: feste menschliche Ausscheidung") bis Zytotoxizität („Biologie, Medizin: Eigenschaft, als Zellgift zu wirken"). Vieles davon ist, wie die beiden Beispiele zeigen, Jargon oder Spezialsprache. Der zentrale Wortschatz besteht aus rund 70.000 Wörtern, den aktiven Wortschatz eines deutschen Durchschnittssprechers schätzt die Duden-Redaktion auf 12.000 bis 16.000 Wörter, davon interessanterweise 3500 Fremdwörter.

Wie viel exotischer ist mein Wörterbuch als die dieser Tage wieder unter großem Tamtam gekürten Wörter und Unwörter des Jahres! Die haben ohnehin eine Halbwertzeit von maximal zwei Wochen. Das Jugendwort 2015 (Smombie) ist im Moment seiner Verkündung schon wieder vergessen, ebenso wie das Wort des Jahres 2014 nur noch ein einziges großes Hä?ist: Lichtgrenze. Keine Sorge, ich musste auch googeln: Gemeint ist die Lichtinstallation aus 8000 illuminierten Ballons entlang der ehemaligen Berliner Mauer anlässlich des 25. Jahrestags des Mauerfalls. Ach ja. Ach richtig. Gott, ist das lange her.

Und das alles mit meiner eigenen Sprache ...

In England wurde vergangene Woche von den ehrwürdigen Oxford Dictionaries als Wort des Jahres ein Emoji ausgezeichnet, genauer das „Tränen der Freude“-Emoji, offenbar das weltweit populärste. Inzwischen müssten sich sämtliche Sprachpfleger hinreichend daran abgearbeitet haben, deshalb nur die Beobachtung, dass mit dem Siegeszug der Emojis Sprachgrenzen nicht mehr zwischen Nationen verlaufen, sondern zwischen Generationen und Einkommensschichten: Erstmals wurde ein Wort gewählt, für das man zwingend ein Smartphone braucht. Sprechend lässt sich das Emoji nur umständlich beschreiben, auf einer normalen Tastatur, aus der die Emojis ja einst entsprungen sind, lässt es sich nicht herstellen. (Vielleicht so? :’-D – aber die zweite Träne kriege ich einfach nicht hin.)

Ich habe das "Heul vor Glück“-Emoji noch nie verwendet, ebenso wenig wie Smombie oder Schniposa, Rabaukin oder wellnessen (im Duden seit 2013), und finde das in keiner Weise beängstigend. Was man alles sagen könnte, wenn man was sagen wollte! Welche Optionen wir haben, uns auszudrücken! Ich lese Einträge wie diesen hier und bin entzückt: "Nach|mahd, die; - (landschaftlich): Grummet". Grummet? „Grum|met, das: durch den zweiten (oder dritten) Schnitt innerhalb eines Jahres gewonnenes Heu". :’-D und nochmals :’-D

Fremde, schöne Welt, und das alles in meiner eigenen Sprache.

Dieser Text ist ursprünglich in der stern-Ausgabe Nummer 49 vom 26.11.2015 erschienen.

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